nicht die Toskana des Nordens

13. März 2016

„Emsland Schwarz-Weiß – Bilder einer norddeutschen Landschaft aus den 60er Jahren” von Gerhard Kromschröder – das sollte ursprünglich die Ausstellung in der Hamburger Gallery Lazarus (Wexstraße 42, 20355 Hamburg) sein. Der ursprüngliche Plan wurde aus aktuellem Anlass, wegen des 25. Jahrestags des Beginns des ersten Irak-Krieges, um Fotos aus Kromschröders Zyklus „Bilder aus Bagdad“ erweitert. Die Ausstellung wird seit Freitag, 4. März 2016, und noch bis zum 25. März gezeigt (Mo. – Fr. 11 – 18 Uhr, Sa. 11 – 14 Uhr). Leser dieses kleinen Blogs wissen, dass der Fotograf und Journalist Gerhard Kromschröder mit dem Emsland auskennt, seit er in den 1960er-Jahren als Lokalredakteur in Lingen und bei der „Ems“-Zeitung in Papenburg begann. Doch mit dem Nahen Osten auch, spätestens seit er 1991 im ersten Irakkrieg in Bagdad blieb. Die neu konzipierte Ausstellung „Peace and War“ stellt nun seine Bilder gegenüber. [mehr…]

 

Die taz interviewte jetzt den großen Gerhard Kromschröder, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wird (weiß eigentlich jemand, wann genau?)  und der sagte über sein Emsland einmal mehr ausgesprochen Ehrlich-Liebevolles:

…Ihre in diesem Sinne überhaupt nicht cleanen Bagdad-Fotos bilden in der Ausstellung nun einen Kontrast zu teils eher melancholischen Bildern, die in den 1960er-Jahren in Aschendorf, Haselünne und anderswo entstanden sind. Wie landet man im Emsland, wenn man in Frankfurt Germanistik und Soziologie studiert hat? 

Ich war Lokalredakteur bei der Ems-Zeitung in Papenburg, weil ich in Frankfurt kein Volontariat bekommen hatte. So blöd es klingt: Wir, der spätere ARD-Hörfunkkorrespondent Hermann Vinke und ich, hatten uns vorgenommen, dass ein Lokalteil so gemacht sein muss wie der Spiegel: aufklärerisch und unabhängig. Und da gehörte es dazu, den Alltag einer Gegend realistisch abzubilden.

Wie lange hat die Chefredaktion Sie gewähren lassen?

Von 1962 bis 1967, dann bin ich zum Satiremagazin Pardon nach Frankfurt gegangen.

2011 haben Sie den üppigen Farbfotoband „Expeditionen ins Emsland“ herausgebracht. Sie sind der Region also trotzdem verbunden geblieben. 

Ja, aber in kritischer Distanz, ich bin kein Heimattyp. Ich versuche ja, der Heimatfotografie nicht zu genügen, nicht die Schönheiten eines Landstrichs abzubilden, sondern neben den interessanten Ecken auch die Widersprüche. Ich finde, man muss fotografieren, was die Menschen schön finden und als schön herrichten. Ihre kleinen Häuser zum Beispiel. Viele sagen übers Emsland: Hoher Himmel, enger Horizont. Für mich ist das die Parabel der Provinz. Eigentlich gibt es viel mehr Provinz, als wir wahrhaben wollen. Die Metropolen sind ja nur kleine Inseln. Umso wichtiger ist die Provinzfotografie.

Was hat sich denn im Emsland seit den 1960er-Jahren geändert?

Wenn ich das richtig sehe, geht es der mittelständischen Wirtschaft im Emsland gut. Aber gesellschaftspolitisch hat sich nicht viel getan. Der Einfluss der Kirche ist nicht mehr so offensichtlich, doch ein großer Sinneswandel hat nicht stattgefunden. Dass das Emsland wirtschaftlich gut dasteht, ändert jedenfalls nichts an der geistigen Verfassung der Eliten.

Woran machen Sie die fest? 

Die Eliten fanden ja „Expeditionen ins Emsland“ despektierlich. 2012 ist zu einer Ausstellung zu dem Buch im Emsland-Moormuseum der eingeladene Landrat von der CDU nicht erschientazen, es gab einen Riesenzoff, da habt ihr in der taz ja auch drüber berichtet. Ich fahre aber trotzdem noch gern da hin.

Warum?

Es gibt da immer noch Leute, die ihre Meinung sagen. Wenn man was Kritisches über die Hähnchenkillfabriken der mächtigen Rothkötter-Gruppe sagt und dagegen ist, dass Küken geschreddert werden, ist man unten durch. Und da kenne ich den einen oder die andere.

Fotografisch dürfte die Region allmählich auserzählt sein. 

Man muss sich schon anstrengen, da interessante Bilder zu finden. Die Gegend ist so wie ein Waschbrett, ganz flach. Das Emsland ist ja nicht die Toskana des Nordens.“

(Hier das ganze René-Martens-Interview bei der taz]

(Foto: © Carmen Jaspersen; Januar 2012 – Gerhard Kromschröder mit Deichkönigin)

Eine Antwort to “nicht die Toskana des Nordens”

  1. […] dürfte unsere Region jedenfalls –taz zum Trotz– noch lange nicht auserzählt sein – auch weil Kromschröder sich ehrlicherweise nicht anzustrengen braucht, interessante […]

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