22. Sonntag im Jahreskreis

2. September 2015

BrandebusemeyerDer Lingener Pfarrer Jens Brandebusemeyer hat das, was zu sagen ist, am vergangenen Snntag in seiner Predigt so gesagt:

„Liebe Gemeinde, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So steht es in unserem Grundgesetz, Artikel 1. Als wir in der Schule in Gemeinschaftskunde dieses deutsche Grundgesetz durchgenommen hatten, war ich sehr stolz auf unser Land – wohl wissend, dass wir in Geschichte oft im selben Schuljahr auch die Ereignisse in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zum Gegenstand hatten. Und für die konnte man sich nur schämen. Nun aber hatte ein Volk, so schien es, aus seiner Vergangenheit gelernt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – mit dieser Feststellung beginnt deutsche Gesetzgebung! Und aus der Erfahrung, dass andere Länder deutsche Juden und andere verfolgte Gruppen aufnahmen, wurde das Asylrecht ebenfalls im Grundgesetz verankert.

In der ersten Lesung wird davon berichtet, wie stolz das Volk Israel auf das Gesetzeswerk war, das Mose auf Gottes Geheiß aufgestellt hatte: „Darin besteht eure Weisheit und Bildung in den Augen der Völker“, hebt Mose hervor, und er fragt: „Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ Mose ist stolz auf ein gelungenes Gesetzeswerk, das ausgewogen ist und gut auf die Herausforderungen der damaligen Zeit antwortet. Ähnlich könnten auch wir Deutsche sagen: Wir sind froh darüber, dass es uns gelungen ist, nach der Katastrophe der Nazizeit wieder einen Rechtsstaat auszubauen, der die Fehler der Vergangenheit durch ein modernes Grundgesetz zu verhindern versucht. So haben wir die Achtung vor der Würde jedes menschlichen Lebens festgeschrieben, wir haben Meinungs- und Pressefreiheit, wir haben demokratisch gewählte Regierungen und eine unabhängige Justiz – und wir haben ein Asylrecht, welches Ausdruck eines geläuterten, wiedererwachten Staatswesens ist, welches sich an der Würde und letztlich an der Gott-Ebendbildlichkeit des Menschen orientiert.

Und dann werden wir konfrontiert mit Freital, Heidenau und Orten, wo fast täglich der braune Mob seinen blanken Hass auf die verunsicherten Flüchtlinge niederregnen lässt, in Form von Aufmärschen, Parolen, Angriffen auf unbewohnte und sogar bewohnte Unterkünfte von Asylanten. Diese Nachrichten, diese Bilder sind nicht auszuhalten, und werden doch außerhalb Deutschlands noch von denen der Opfer von Schleuserbanden am Mittelmeer und auf der Balkan-Route brutal ergänzt.

Ich bin nicht gerade für politische Predigten bekannt, doch was Jesus heute im Evangelium von der Reinheit des Menschen sagt, gilt eins zu eins auch für unseren Staat, die Bundesrepublik Deutschland: Nichts, was von außen hineinkommt, macht den Menschen oder den Staat unrein, sondern die bösen Gedanken, Mord, Bosheit, Verleumdung und Unvernunft, die aus dem Innern kommen. Nochmal auf deutsch: Nicht die vielen Flüchtlingsströme, und mögen es noch so viele sein, stellen die eigentliche Herausforderung für Deutschland dar, sondern die Nachrichten, wie Rechtsradikale mit unseren Gästen umgehen – Gäste, die den Terror hinter sich gelassen zu haben glaubten.

Ich bin gern bereit, anzuerkennen, dass Verfahren beschleunigt, Trittbrettfahrer aussortiert und Geldleistungen hinterfragt werden können. Aber soweit es in meiner Macht als kleiner Pfarrer liegt: Lassen Sie uns alle bitte nicht auf ein Niveau herabrutschen, dessen man sich wieder schämen muss. Stellen wir uns am Stammtisch, auf Facebook und beim Kaffeeklatsch hinter die christliche Botschaft des Abgebens und Teilens, des Mitleidens und Mitaushaltens, und beziehen wir Position, wenn wir als deutsche Bürgerinnen und Bürger noch etwas auf unsere christliche Prägung geben.

Ich weiß, dass wir Christen in Deutschland zahlenmäßig auf dem Rückzug sind, aber alle, die sich noch als Christin und Christ bezeichnen, sollten ganz klar wissen, dass Solidarität mit den Armen, den Flüchtlingen und Bedrängten stets und zu jeder Zeit Aufgabe der Kirche waren, sind und bleiben. Sollte jemand in diesem Punkt grundsätzlich anderer Meinung sein, bitte ich ihn oder sie erstmals öffentlich, aus der Kirche auszutreten. Man kann meines Erachtens nicht Christ sein und sich gleichzeitig an Demonstrationen gegen die Existenz von Menschen beteiligen, denen keine Wahl gelassen wird, oder gar mit Gewalt gegen dieselben vorgehen. Hier gibt es keine zwei Meinungen!

Ich freue mich, dass eine Gruppe unseres gemeinsamen Pfarrgemeinderats schon früh erkannt hat, dass die Flüchtlingsproblematik eine Herausforderung an unser Herz darstellt. Gemeinsam mit dem SKM und der Stadt Lingen, aber auch mit Schulen und vielen anderen Einrichtungen versucht diese Gruppe, Schulsachen und Fahrräder und andere benötigte Hilfsmittel zu beschaffen. Wir alle werden auf neuartige Art und Weise (und dauerhaft!) neue Formen des Teilens kennen lernen: Nahrungsmittel und Wohnraum, Kultur und staatliche Geldleistungen – vieles wird auf Dauer nur in der Form des Teilens und Abgebens erkennbar bleiben.

Ich hoffe aber auch, dass das Christentum angesichts dieser Herausforderungen aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und sich wieder auf die Frohe Botschaft Jesu besinnt, statt über das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln zu reflektieren. Helfen Sie mit, dass nicht auch wir Jesus Anlass geben zu dem, was er einst zu den Pharisäern und Frommen seiner Zeit gesagt hat: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Geben wir Gottes Gebot der Nächstenliebe nicht preis, nur weil es mit einem Mal ernst wird! Amen.

Eine Antwort to “22. Sonntag im Jahreskreis”

  1. bernhardbarkmann said

    Die Predigt verbreitet sich auf facebook enorm! Bereits über 530x geteilt! Das wird wohl auch der überregionalen Presse nicht entgehen. Ich bin gespannt, wie hoch diese Welle noch wird.

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