Hannes

21. August 2015

„Nicht gewollt“ heißt die jetzt erschienene „Autobiografie eines Heimkindes“ von Hannes Duderstadt. Der engagierte Lingener Sozialpädagoge, der sich Jahrzehnte um benachteiligte Jugendliche kümmerte und für sie ein engagiertes Sozialunternehmen aufbaute, schreibt nicht nur über 30 Jahre Berufserfahrung und seine Erfahrungen und Erkenntnisse. Duderstadt, den alle in Lingen nur „Hannes“ rufen, nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und arbeitet gradlinig so manch lokales Lingener Tabu auf. Über das viel gelobte Christophoruswerk, an das er seine Jugendhilfe-Einrichtung verkaufte, liest man dies:

Ich hätte wissen müssen, dass es sein kann, dass auch eine christliche Einrichtung nur knallhart geschäftlich denkt. … traf ich eines Tages die hauswirtschaftoiche Kraft, die vomn ersten Tag meiner Gründung bei mir beschäftigt war. Sie stand vor dem Rathaus, war sehr aufgelöst und erzählte mir, dass sie nicht mehr in der Einrichtung arbeitete. … Sie hatte zwei Hüftoperationen hinter sich, und ich hatte sie wieder voll eingestellt, mit dem Versprechen, sie bis zur Rente zu beschäftigen. Sie erzählte mir, dass man ihr jeden Tag vorhielt und deutlich machte, dass sie keine Leistung mehr bringe und nicht rentabel sei. Dies bekam sie immer wieder vorgehalten. 

Dann konnte sie nicht mehr und stimmte einem Auflösungsvertrag zu. Ich schämte mich und rief die neue Leitung meiner Einrichtung an. Wie kann es sein, dass eine so große Einrichtung, die mit behinderten Menschen arbeitet, dann noch mit christlicher Prägung, so mit einem Menschen mit Behinderung umgeht? Wenn der Behinderte Geld bringt, dann gerne, aber er darf nichts kosten. Und diese Frau war seit über 10 Jahren bei mir beschäftigt gewesen und hatte über 30 Jahr ehrenamtlich für die Gesellschaft gearbeitet. Das wusste auch der Geschäftsführer.

Denn bei den Gesprächen pochte ich darauf, dass diese Frau bis zur Rente meine Zusage hatte, bei mir beschäftigt zu sein. So ein Mensch hätte das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen müssen und nicht rausgemoppt werden dürfen. Ich schäme mich.

Es sind bei weitem nicht die einzigen freimütigen Worte über die lokale Szenerie, die die 120 Seiten des kleinen Buches zu einer so berührenden, eindrucksvollen Lektüre machen. Auch über Professoren, Jugendamtsmitarbeiter und Steuerberater berichtet Hannes Duderstadt ebenso klar wie über sich selbst und seine ganz privaten Schwierigkeiten. Leider weiß ich nicht, zu welchen Konditionen das Buch im Buchhandel erhältlich ist. Also: Bitte in der Buchhandlung Holzberg nachfragen. Und Hannes wegen seines Mutes und seiner Leistung auf die Schulter klopfen, wenn man ihn trifft.

[NICHT GEWOLLT, Autobiografie eines Heimkindes – 30 Jahre Berufserfahrung, von Hannes Duderstadt, Paul-Druck Biene, 120 Seiten, DIN A 6, Selbstverlag]

2 Antworten to “Hannes”

  1. Mieke said

    Dieser Abend gehört Hannes und seinem Buch. Nicht Schulter klopfen, sondern kräftig in den Arm nehmen soll man ihn und seine Ida. Gruß die 16.30 Truppe im Wald!

  2. Haseleu,Philipp said

    Hallo hier ist das erste „Kind“ aus Lingen.Weiß leider nicht wie ich an Hannes ran kommen kann. Würde mich sehr freuen wieder etwas von ihm zu hören. Vllt funktioniert es ja auf diesem Weg. LG dein Philipp

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