Günter Grass +

13. April 2015

220px-Günter_Grass_auf_dem_Blauen_SofaHeute morgen ist Günter Grass in Lübeck verstorben. Der Literaturnobelpreisträger wurde 87 Jahre alt.In unserem Städtchen ist er, im Gegensatz zu Nordhorn, nicht gewesen; so glaube ich. Doch in Cloppenburg und umzu kämpfte er 1965 für Willy Brandt. Damals, 1965,  als in Südoldenburg schon der Gedanke an die SPD innerhalb und außerhalb der katholischen Gotteshäuser viel mehr als eine lässliche Sünde war.  Und das so sehr, dass sich sogar Hans Lemp, damals der SPD-Bundestagskandidat im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta,von Grass distanzierte [1969 hat er sich dafür entschuldigt. Lemp, nicht Grass]. Er war für die „moorlochtiefen“ Südoldenburger, wie er selbst schreibt, „der Leibhaftige“ – dieselbe Beurteilung, die vor 12 Jahren zwanglos ein pöbelnder taz-Kolumnist Wiglaff Droste erreichte.

Heute trauert mit großem Respekt vor seinem politischen und schriftstellerischen Werk auch die rechtsgewirkte SPD Weser-Ems um den großen Literaten Günter Grassund nicht nur die.

Günter Grass‘ Besuch in Cloppenburg fand großes Interesse. 4000 Zuhörer hörten ihm in der „Münsterlandhalle“ zu. Die Veransattung wurde von Konservativen und Eier werfenden Jung -Unionisten massiv gestört. Grass berichtete darüber in seinem Buch: „Mein Jahrhundert“:

„…. Nein, lieber Freund, kein Verschleiß. Ich lerne dazu, sondiere langangestauten Mief, bin auf Schneckenspur, komme in Gegenden, in denen noch immer der Dreißigjährige Krieg tobt, jetzt, zum Beispiel, nach Cloppenburg, schwärzer als Vilshofen oder Biberach an der Riß. Gustav Steffen steuert uns pfeifend durchs flache Münsterland. Kühe, überall Kühe, die sich im Rückspiegel vermehren und die Frage aufwerfen, ob hierzulande sogar die Kühe katholisch sind. Und immer mehr vollbepackte Traktoren, die wie wir in Richtung Cloppenburg fahren. Es sind vielköpfige Bauernfamilien, die dabeisein wollen, wenn in der von uns gemieteten Münsterlandhalle der Leibhaftige spricht…

Zwei Stunden benötige ich für die Rede »Es steht zur Wahl«, die sonst in knapp einer Stunde vorbeirauscht. Ich hätte auch mein »Loblied auf Willy« vom Blatt weg posaunen können oder »Des Kaisers neue Kleider«; doch diesen Tumult hätte selbst eine Lesung aus dem Neuen Testament nicht beschwichtigt. Auf Eierwürfe reagiere ich mit Hinweisen auf »verschleuderte« Subventionen für die Landwirtschaft. Gezischt wird hier nicht. Hier geht es handfester zu. Einige Bauernjungs, die gezielt mit Eiern warfen und auch trafen, werden mich vier Jahre später, als nunmehr bekehrte Jungsozialisten, zur zweiten Runde nach Cloppenburg einladen; doch diesmal ermahne ich die Eierwerfer aus moorlochtief katholischem Wissen: »Laßt das, Jungs! Sonst müßt ihr am nächsten Sonnabend eurem Herrn Pfarrer ins Ohr beichten …«

Als wir den Tatort, beschenkt mit vollem Eierkorb – die Gegend um Vechta und Cloppenburg ist bekannt für drangvolle Geflügelfarmen -, verließen und ich ziemlich bekleckert den Beifahrer abgab, sagte Gustav Steffen, der wenige Jahre später bei einem Verkehrsunfall ums junge Leben kam, mit Blick auf den Rückspiegel: »Geht bestimmt schief, die Wahl. Aber hier, das hat Stimmen gebracht.“

Mehr auch in diesem kleinen Blog. Hier. Und in dem Buch aus Anlass des 85. Geburtstages des jetzt Verstorbenen: Kai Schlüter (Hrsg.): Günter Grass auf Tour für Willy Brandt – Die legendäre Wahlkampfreise 1969

(Foto: Günter Grass im Gespräch mit Wolfgang Herles 2006 Uploaded by Magiers, CC BY 2.0; Quelle)

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