satt

11. Februar 2015

Unter dem Motto „Wir haben es satt – Wir machen Euch satt“ diskutierten am Montag dieser Woche im emsländischen Niederlangen regionale Landwirte mit Vertretern der katholischen Hilfsorganisation Misereor. Denn die Landwirte fühlen sich von Misereor und anderen als Sündenbock an den Pranger gestellt. Hier beispielsweise berichtet und klagt Internet-Landwirt Buggy Barkmann (Brümsel) und ihm folgend die meisten der Kommentatoren in seinem Blog

Misereor widerspricht: „Deutsche Export-Landwirtschaft bekämpft nicht weltweiten Hunger“ titelt die aktuelle Presseerklärung des katholischen Hilfswerks und berichtet -wenn auch anders als Teilnehmer Buggy Barkmann- über die Diskussionsveranstaltung:

„Mehr als 150 Landwirte und Bürger aus dem Emsland haben am Montagabend mit Vertretern des katholischen Entwicklungshilfswerks MISEREOR über die Zukunftsfähigkeit ihrer Landwirtschaft diskutiert. Dabei forderte das Hilfswerk erneut einen grundlegenden Wandel der globalen Agrarpolitik zur Bekämpfung des Hungers weltweit und eine nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft im Interesse zukünftiger Generationen.

„Bekommen Landwirte nur noch so viel Geld für ihr Produkt, dass sie die Versorgung ihrer Familien allein durch immer größere Ställe, immer mehr Fläche und mit immer stärkerer Übernutzung natürlicher Ressourcen gewährleisten können, dann ist unser Agrarsystem nicht zukunftsfähig. Sowohl im Norden als auch im Süden dieser Welt“, sagte Felix zu Löwenstein, Landwirt und Mitglied des MISEREOR-Beirats.

Felix zu Löwenstein war gemeinsam mit Theo Paul, Generalvikar im Bistum Osnabrück und Vorsitzender des MISEREOR-Verwaltungsrates, und Bernd Bornhorst, Leiter der Abteilung „Politik und globale Zukunftsfragen“ bei MISEREOR, auf Anregung der katholischen Landjugendbewegung (KLJB) nach Niederlangen im Emsland gereist. Viele Landwirte dort sehen sich in den Forderungen des katholischen Hilfswerks in ihrer Arbeit kritisiert und von Medien, Politik und der Öffentlichkeit immer wieder als „Sündenböcke“ dargestellt.

misereor_logoDie Vertreter MISEREORS bekundeten, dass es nicht um individuelles Fehlverhalten einzelner Bauern gehe, sondern um ein politisches System, welches den Bauern kaum noch Alternativen zwischen Wachsen oder Weichen lasse. „Wir müssen die Probleme unserer Agrarpolitik anerkennen und tabulos darüber diskutieren. Andernfalls gibt es keine Zukunft für die bäuerliche Landwirtschaft“, betonte Theo Paul. Aufgabe MISEREORS sei es, im Kampf gegen den Hunger in der Welt die Zusammenhänge zwischen der Wirtschaftsweise exportorientierter Nationen und der Not in vielen armen Ländern erkennbar zu machen. „Dazu gehört auch, unbequeme Fragen zu stellen.“

Bernd Bornhorst schilderte nachdrücklich die Probleme, die sich aus der gegenwärtigen Landwirtschaftspolitik für arme Menschen in Afrika oder Lateinamerika ergäben. Dort würden u.a. bäuerliche Betriebe durch billige Importe aus der EU zerstört oder Kleinbauern vertrieben, weil ihr Land für Sojaanbau genutzt werden solle. „Die Behauptung, dass die deutsche Exportlandwirtschaft den Hunger in der Welt bekämpft, ist falsch“, erklärte Bornhorst. „Allerdings reicht es nicht aus, nur die Landwirtschaft in die Pflicht zu nehmen. Wir müssen auch das Verhalten der Konsumenten und den großen Einfluss der Lebensmittelindustrie in den Blick nehmen“.

Alle drei MISEREOR-Vertreter betonten in der Diskussion mit den Landwirten, dass es mit Blick auf die Weltmarktabhängigkeit der Landwirtschaft, den Kampf um Preishoheit und dem Aussterben kleinbäuerlicher Betriebe in allen Ländern der Erde nur das gemeinsame Bestreben von Bauern und Verbrauchern sein könne, Lösungswege zu finden. Dazu sei es unabdingbar, den gemeinsamen Dialog weiterzuführen. Bernd Bornhorst: „Im Kern wollen Bauern in Nord und Süd das Gleiche: Für gute Nahrungsmittel gute Preise zu bekommen“.“

Angesichts der Empörung vieler Landwirte in der Region reibe ich mir verdutzt die Augen. Verstehen sie überhaupt ansatzweise das Anliegen der Kritiker an der industriellen Landwirtschaft [mehr…]? Etwa was es eigentlich bedeutet, dass 95 Prozent des in Europa verkauften Gemüse-Saatguts inzwischen von nur fünf Firmen geliefert? Allein der Monsanto-Konzern beherrscht zum Beispiel 24 Prozent des Marktes bei Tomaten-, Paprika- und Gurkensaatgut, nachdem der Konzern vor sieben Jahren das bei Tomaten-, Paprika- und Gurkensaatgut führende niederländische Unternehmen De Ruiter gekauft hat [mehr…]. Wer will das??!

„Landwirte müssen sich kritischen Fragen stellen“, sagte Theo Paul, Generalvikar des Bistums Osnabrück, bei der Diskussion in Niederlangen. Das fehlt ihnen aber in ihrer derEmpörung über die, die ihnen warnend den Spiegel vorhalten und ihnen sagen, dass ihre Art der industriellen Landwirtschaft unzweifelhaft in eine Sackgasse führt. Ein Besucher der Diskussion kommentiert dies auf der Webseite des NDR so:

„Ich bin bei diesem Termin dabei gewesen und ich glaube nicht, dass sich die Bauern, die diese Veranstaltung organisiert haben, einen Gefallen getan haben. Sie isolieren sich, das ist zu befürchten, durch Ihr Verhalten selber.
Für mich sah es so aus, als dass Einige immer noch nicht verstanden haben, dass sie sich durch Ihre Art zu wirtschaften (Massentierhaltung) selber den Ast absägen, auf dem sie sitzen.  Und dass sie sich nicht scheuten, sogar der Organisation Misereor mit Zurückhaltung der Spendenbereitschaft zu drohen, spricht Bände. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist.“

NDR: „Wir haben es satt“. Landwirte sauer auf Kirche

ps.: Noch dies zum Thema aus dem Westen:

übermäßig

11. Februar 2015

NABUIn Salzbergen hat der Landwirt Hermann Hermeling trotz einer nicht vollziehbaren Genehmigung für den Betrieb eines Schweinestalls dort Tiere eingestallt und damit möglicherweise erhebliche Beeinträchtigungen der Umwelt, insbesondere des nahegelegenen Flora-Fauna-Habitat(FFH-)Gebietes „Gutswald Stovern“ verursacht. In diesem kleinen Blog hatte ich vor knapp 18 Monaten über die Pläne von Hermeling  schon berichtet.

„Das Verhalten dieses Landwirts ist ein Schlag in das Gesicht derjenigen Bauern, die sich zur Zeit mit großem Engagement um eine Verbesserung des Ansehens der Landwirtschaft in der Bevölkerung bemühen,“ sagte jetzt Katja Hübner, Mitarbeiterin des Naturschutzbund Deutschland (NABU). „Und der Fall zeigt wieder einmal, dass Kontrollen in landwirtschaftlichen Betrieben zwingend erforderlich sind,“ Denn es gebe – allen Beteuerungen zum Trotz – eben doch Landwirte, die sich – zum Teil ganz bewusst – über Recht und Gesetz hinwegsetzen. Hübner fordert deshalb auch eine Ausweitung von unangekündigten Kontrollen.

Nichts geworden ist es aber mit der weiteren Hoffnung der Naturschützerin, dass dieser Fall auch zu einem Umdenken in landwirtschaftlichen Kreisen führen solle. „Dass bei umwelt- und tierschutzwidrigem Verhalten von Landwirten Berufskollegen weggucken, sollte nicht geschehen“, meinte Hübner.

Landwirte sehen dies aber ganz anders: In ihrer ausgesprochen männerdominierten Veranstaltung wählte nämlich gestern in Oldenburg die Kammerversammlung der niedersächsischen Landwirte den 49 Jahre alten Salzbergener Agraringenieur zu ihrem neuen Vizepräsidenten. Mit den anderen Neugewählten und Kammerdirektor Hans-Joachim Harms stellte sich Hermeling danach stolz den Pressefotografen – direkt neben den grünen Landwirtschaftsminister Christian Meyer.

Kaum vorstellbar, dass in einer anderen Kammer ein Berufsrepräsentant gewählt wird, der sich gerade über gesetzliche Vorgaben seines Berufes so brüsk hinwegsetzt wie Funktionär und Atomkraftbefürworter Hermann Hermeling.

Bereits 2013 hatte der NABU gegen die Genehmigung des neuen Hermelingschen Schweinemaststalles durch den Landkreis Emsland Klage beim Verwaltungsgericht Osnabrück eingereicht, nachdem im Genehmigungsverfahren weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung noch eine FFH-Verträglichkeitsprüfung durchgeführt wurden. Die Naturschützer befürchten erhebliche Beeinträchtigungen des FFH-Gebietes „Gutswald Stovern“ durch die zu erwartenden Stickstoffemissionen sowie eine übermäßige Geruchsbelastung der Anwohner durch den Betrieb des Schweinestalls. Der Landkreis erlaubte dem Landwirt daraufhin zwar den Bau der Stallanlage, der Betrieb der Anlage blieb ihm jedoch wegen der streitigen Emissionen versagt.

Mitarbeiter des NABUs wurden dann vor kurzem auf das Projekt aufmerksam, als sie von weitem immer wieder Licht im neuen Stall sahen. Der Landkreis stellte dann bei einer Kontrolle tatsächlich den ungenehmigten Betrieb der Anlage fest. Es sei bloß ein Probebetrieb, verteidigte Hermeling [„Der juristischen Einschätzung, dass der Probetrieb unzulässig sei, kann nicht gefolgt werden. Er gehört rechtlich zum Begriff der Errichtung, die zugelassen war“] anschließend seinen Coup und tönte, der Schweinestall mache alles besser; da fand die Lokalpresse angesichts solcher Chuzpe sogar noch Platz, den ungenehmigten Betrieb mit einem Fragezeichen zu relativieren [mehr…]…

Bleibt die Frage, wie der Landkreis reagiert. Die Behörde, die jeden Falschparker mit unerbittlicher Konsequenz verfolgt, handelt traditionell ausgesprochen nachsichtig, wenn es um Landwirte geht. Liegen wir angesichts dessen mit der Erwartung falsch, dass dem CDU-Mitglied und Vizepräsidenten Hermeling nichts passieren wird?