Container

29. November 2014

Bildschirmfoto 2014-11-28 um 21.10.02Refugees welcome? Offenbar bei uns eher nicht; denn Lingen will jetzt Container aufbauen, um die Flüchtlinge unterzubringen. Dies sagt seit gestern die Ratsvorlage 385/2104 in gewohnt blumiger Verwaltungssprache. Dabei haben wir doch gerade erst gelesen, dass es in Lingen keinen Wohnraummangel gibt, pardon: „gut aufgestellt“ ist. Da werden wir doch Platz für 200 weitere Flüchtlinge haben, die aus Afrika, dem Nahen Osten und anderen Ländern zu uns kommen, um Schutz zu finden! Aber guckst Du hier:

„Die Verwaltung wird beauftragt die Unterbringung der in Lingen eintreffenden Flüchtlinge nach der bisherigen Verfahrensweise dezentral und unter Einbeziehung von mobilen Wohneinheiten zu gestalten. Die Auswahl der Standorte soll nach sachlichen Kriterien und unter möglichst gleichmäßiger Inanspruchnahme des gesamten Stadtgebiets erfolgen.

Der Ausschuss für Familie, Soziales und Integration empfiehlt, die hierfür erforderlichen finanziellen und personellen Ressourcen zeitnah zur Verfügung zu stellen.“

So heißt es in der Ratsvorlage, die gestern den Lingener Ratsmitgliedern zuging. Die Container sind neu: Selbst in viel schwierigeren Zuwanderungszeiten vor 25 Jahren gab es sie in Lingen nicht. Sie desintegrieren und scheiden daher aus, wenn man die Willkommenskultur für Flüchtlinge ernst nimmt.

Am anderen Ende Niedersachsens gibt es ein kluges Beispiel. Hier findet der konservative Goslarer Oberbürgermeister Oliver Junk, ein wohlhabendes Land wie Deutschland habe eine Verpflichtung,d en Flüchtlingen zu helfen – und sei dazu auch in der Lage: „Unser Land kann 200.000 Flüchtlinge aufnehmen und gut unterbringen.“ Und zwar mitten in der Gesellschaft, in Wohnungen mit einer Nachbarschaft anstatt am Rand in Kasernen und ContainernAuf Junks Schreibtisch landete auch ein Angebot der Firma KommConsult: ein Containersystem aus 250 vorgefertigten Modulen zur Unterbringung von 120 Personen. Lieferzeit sofort, Preis 1.940.000 Euro. Er schüttelt den Kopf, als er davon erzählt. Es ist genau das, was er nicht will.

Soll so etwas jetzt hier entstehen? Ich sehe schon, ELA-Container für Flüchtlinge, die hier leben werden. In Goslar ist man da weiter. Dort gibt  es inzwischen eine Liste, was zu tun ist. Darauf steht ein Dolmetscherpool, Flüchtlingspatenschaften und eine Willkommensbroschüre mit Stadtplan, Behördenverzeichnis und Alltagstipps. Menschen, die  helfen wollen, gibt es in Goslar. Etwa den älteren Herrn, der sich im Goslarer Rathaus gemeldet hat. Falls demnächst Menschen aus Syrien kämen, sagte er, helfe er gerne beim Übersetzen, denn er spreche deren Sprache, berichtet die ZEIT.

Besonders unangenehm empfinde ich es daher, dass die Lingener Ratsvorlage kein Wort zur Betreuung der häufig traumatisierten Flüchtlinge enthält. Flüchtlinge sind in unserer Stadt seit Ende der 1980er Jahre vom SKM betreut worden und zwar gut. Ich glaube, dieser Sozialverband ist eine ausgesprochen gute Adresse für diese Arbeit. Aber es muss dafür genügend Personal geben, was es (noch) nicht tut. Daneben gibt es die Integrationslotsen und noch zu wenig Ehrenamtliche, die helfen. Dann brauchen wir Flüchtlingsklassen in den Schulen – wie schon einmal in den 1990ern. Kindergarten- und Grundschulkinder werden sich problemlos integrieren; schwieriger ist dies für Teenager. Ihnen helfen Flüchtlingsklassen.

Auch der Landkreis Emsland sollte endlich seine bürokratische Praxis beenden, Flüchtlingen Krankenscheine zu geben, die nur einen Tag (richtig gelesen: einen Tag!) gültig sind. Ob Flüchtlinge ein zweites Mal zum Arzt dürfen, entscheiden Verwaltungsbeamte. Der Beschluss der Landesregierung, Kranken- und Pflegekosten für diejenigen Flüchtlinge zu übernehmen, die bis Ende Oktober 2014 ins Bundesgebiet eingereist sind, gibt Hoffnung zu einer menschenfreundlichen und unbürokratischen Hilfe. Dazu zählt auch, traumatisierten Flüchtlingen psychiatrische Hilfe zu geben. Da ist unsere Region jedoch völlig unterversorgt.

„Refugees Welcome. Gemeinsam Willkommenskultur gestalten“ – das ist der Titel einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL, die anhand von zahlreichen Beispielen aufzeigt, was lokale Initiativen tun können, um Flüchtlinge willkommen zu heißen [mehr]. Klar ist, wir müssen uns anstrengen und das wollen wir auch. Denn Flüchtlinge sind willkommen und nicht nur in Goslar eine große Chance für unsere Stadt. Aber bitte ohne Container.

 

(mit Material der ZEIT)

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