Sonderung

23. Juli 2014

Als Anhängsel an ein Industrieunternehmen soll 2015 in Lingen eine private Grundschule für Kinder eröffnet werden, deren Eltern in dem Betrieb arbeiten und Schulgeld bezahlen können. Die Fa Rosen macht eine Grundschule auf, vor allem für Kinder eigener Mitarbeiter; Gaz de France und BP zeigen sich interessiert.

Besonders groß (und wie gewohnt ohne großes Hinterfragen, welches Fass da aufgemacht wird) ist der Jubel in der Lokalzeitung („Bereicherung für die Region“). Rosen, so der LT-Redakteur, nehme „Geld in die Hand“ (was natürlich Steuergeld ist, weil die Schule zu rd. 90% aus Steuergeldern finanziert wird). Auch die Lokalpolitik ist enthusiastisch: Oberbürgermeister Dieter Krone kriegt sich in seiner Begeisterung für diese Schule gar nicht wieder ein; sie sei ein „weicher Standortfaktor mit Alleinstellungsmerkmal“. Die grundsatzlose CDU-Mehrheit ist dafür, die Grünen haben kein Problem damit. Dem BN-Vertreter reichten in der Schulausschusssitzung die Informationen noch nicht und er enthielt sich. Allein die SPD warnt nachdrücklich.

Dabei prägen die Schulen den Zusammenhalt unserer Gesellschaft in besonderem Maß. Dort treffen die Kinder treffen auf Gleichaltrige, die nach Herkunft, Neigung, Fähigkeiten etc. völlig unterschiedlich sind. Das gilt besonders für die Grundschulzeit. Diese Gemeinsamkeit zu erleben ist Voraussetzung dafür, dass Kinder Verschiedenheit kennenlernen, akzeptieren und wertschätzen. Bei Grundschulen liegt die Zusammenfassung der Kinder aller Bevölkerungsschichten besonders im gesellschaftlichen Interesse. Das Konzept der staatlichen Schule bedeutet zugleich eine Absage an Klassen, Stände und sonstige Schichtungen und ist damit dem sozialstaatlichem und egalitär-demokratischem Gedankengut verpflichtet.

So ist die Schule für alle ein wesentlicher Grundstein unserer Gesellschaft. Dies hat die Verfassungsväter und –mütter die Freiheit deutlich einschränken lassen, Privatschulen zu betreiben.

Das wusste auch Werner Remmers, der verstorbene frühere niedersächsische CDU-Kultusminister. Er befürwortete die vor einer Generation ideologisch so umkämpfte Orientierungsstufe vor allem deshalb, weil sie die notwendige gesellschaftliche Gemeinsamkeit der Schüler schaffe.

All dies geben die Befürworter des Rosen-Planes jetzt leichtfertig auf. Man darf sicher auch bezweifeln, dass behinderte Kinder die Rosen-Schule „gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben“, besuchen werden, wie es die UN-Behindertenkonvention fordert. Mit Inklusion wird’s wohl nix.

Nun ist zwar das Recht zur Errichtung von privaten Schulen in unserem Land grundsätzlich gewährleistet. Sie brauchen aber eine staatliche Genehmigung und die ist nur möglich, wenn neben der Qualität ihrer Lehrkräfte die Schule keine „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern“ fördert. Sonderung aber ist genau das, was in Lingen geschehen soll: Eine Schule für Beschäftigte bei Rosen kann nicht genehmigt werden, auch nicht wenn Gaz de France und BP dazu stoßen. Diese Selbstverständlichkeit ist in unserer Verfassung verankert. Deren Vorgaben wird das Land kontrollieren.

Außerdem kann diese Grundschule nur genehmigt werden, wenn ein besonderes pädagogisches Interesse anerkannt wird. Bloße Zweisprachigkeit reicht dafür nicht.

Eine zweisprachige Schule muss also – nicht nur auf dem Papier – grundsätzlich allen Lingenern offen stehen und dies ohne Rücksicht auf ihre finanziellen Verhältnisse.

HüskenMargitta Hüsken von der SPD hat in der Schulausschusssitzung am Montag die richtige Alternative aufgezeigt: „Wir wollen“, sagte sie, „eine solche Schule nicht bei Rosen, sondern an einem Standort, der für alle Kinder zugänglich ist – an einer städtischen Schule.“ Beispielsweise in Darme oder Schepsdorf, setze ich hinzu.

Geradezu vorlaut kommentierte OB Krone diesen Beitrag von Margitta Hüsken, dass man das zwar versuchen könne, aber bis zu einer Entscheidung des zuständigen Kultusministeriums auch wohl noch 20 Jahre Wartezeit einplanen müsse.

Da stellt sich die Frage, was der OB denn in den vier Jahren seiner Amtszeit im Kultusministerium für sein “Alleinstellungsmerkmal“ einer zweisprachigen Grundschule versucht hat. Ich vermute mal: Nix.

Aber könnte der Mann nicht mit dem Bohren dicker Bretter erst einmal anfangen, bevor er eine Eliteschule für 6jährige propagiert, deren Eltern genügend Schulgeld zahlen?

 

(Foto: Margitta Hüsken, © Stadt Lingen)

4 Antworten to “Sonderung”

  1. ulrike said

    Auf dieses Projekt der Rosen -Gruppe habe ich seit Jahren gehofft. Am liebsten würde ich da auch mitmachen.
    Für die dort Beschäftigten eine riesige Hilfe.

    Die müssen nicht in der Mittagspause quer durch Lingen gurken, um ihren kleinen Erstklässler von irgendeiner Grundschule abzuholen mit anschließendem Problem einer Tagesmutter oder Hortstelle.
    Und diesen Hortplatz muß man erst mal bekommen, es werden grundsätzlich Kinder aus dem örtlichen Kindergarten bevorzugt. Und dann ist der Hort eben voll.Pech gehabt.

    Mir ist auch unbekannt, daß Herr Koop aufschreit, wenn ein Schüler am Franziskus nicht genommen wird , trotz bester Zensuren. Bei Konfessionslosen zählen die nicht !
    Noch was zum Thema Inklusion : nicht nur ich halte das für eine billige Mogelpackung. Ich weiß, wovon ich rede.Überhaupt kein Grund , dies sogenannte Jahrhundertprojekt hochzujubeln, wenn schon allein die Definition einer Behinderung fehlt
    Der Aufschrei der SPD, wegen der “ reichen Eltern “ usw. läuft automatisch ab, war nicht anders zu erwarten.Es geht hier ncht um ein schottisches Internat, das 4000 Euro pro Monat kostet. Also haltet mal den Ball flach.

    Im Grundschulbereich wurde hier im Emsland gepennt,in Baden-Württemberg gibt es schon lange Englischunterricht ab dem ersten Schuljahr .Und nicht in sogenannten Eliteschulen.

    Man sollte lieber froh sein, daß das Verschnarchtsein nicht überall im Grundschulbereich vorhanden ist.
    Ich bin mächtig enttäuscht , daß die BN sich so fadenscheinig enthalten hat. In Erinnerung beim Leser wird nur bleiben: d i e waren dagegen.

  2. Anke Oevermann said

    Danke, Ulrike! Bin ganz Ihrer Meinung. In vielen Grossstädten gibt es ganz selbstverständlich die Möglichkeit dieser Beschulung. Es muss auf Dauer möglich sein, temporären Mitarbeitern in hiesigen Industriebetrieben ihre Kinder zweisprachig zur Grundschule zu geben. Morgen sind sie vielleicht in Brüssel oder Katar,Englisch ist nun mal Welt verbindend, selbst im Emsland.

    • CTS said

      Ich frage mich nur, warum dies mit der Zweisprachigkeit nur Kindern von TEMPORÄREN MITARBEITERN dieser Industriebetriebe gewährt werden soll.

      Hier entsteht eine schleichende Spaltung unserer Gesellschaft. Wollen Sie dass nicht sehen oder können sie nicht? Gleiche Chancen für alle – es geht immer mehr bergab mit dieser These. Es zählt nur noch Geld. Haste was ,biste was – haste nix, biste nix! Da kannst du noch so intelligent sein ……..

      Dann aber bitte an allen Grundschulen Englisch. Oder soll hier ein Vorteil geschaffen werden, eben für diese Kinder?

  3. Buggy said

    zweisprachig- ok- wer es will und kann- gerne

    aber es ist auch Grundschule und es sind Kinder, die diese Einrichtungen auf Wunsch der Eltern besuchen.

    Die Auswirkungen auf Lingener Grundschulen sind wohl nicht so ausgeprägt. Aber die Lingener könnten sich auch vielleicht mal Gedanken machen über die Grundschulen der Nachbarorte. Dort würde der Wegfall eines Schülers/Schülerin eventuell bedeuten, dass Klassen zusammengelegt werden oder gar die Existenz der gesamten Schule in Frage gestellt wird. Gerade die SPD stellt ja traditionell die Dorfschulen in Frage!
    Mir kommt das alles ein wenig scheinheilig vor. Auch die CDU sollte da auch an die Dörfer denken- und nicht an karriereorientierte Satelliteneltern.

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