Chaotisch

14. Mai 2014

AlterFriedhofZeit für Empörung. Denn heute präsentiert die Lokalpresse einmal mehr einen Beitrag, der mit ganz heißer Nadel gestrickt ist. Redakteur Burkhard Müller sprach mit zwei Gewerbetreibenden im direkten Zugangsbereich des Alten Friedhofs und -schwuppdiwupp- fordert er eine Einstellplatzanlage: Es sei dort chaotisch, weil angeblich die durch Parkscheibe freigehaltene Parkstunde 50m weiter nicht ausreiche. Also brauchen wir Parkplätze; denn man muss in der Lingener Provinz mit seinem Auto direkt bis vor den Eingang des Alten Friedhofs fahren. Wegen Stiefmütterchen und Blumenerde. Ach so!

In keinem der Lingener Ortsteile käme irgendjemand auf eine solche Idee, dafür eine Gedenkstätte  beim örtlichen Friedhof umzubauen. Aber die Autofahrer aus den Ortsteilen entscheiden, dass dies in Lingen-Zentrum so sein muss. Dieselben Entscheider lehnen es übrigens auch ab, dass der Lingener Kulturausschuss das Thema diskutiert, wie wir unsere Friedhöfe und Ehrenmäler gestalten wollen, welche Aufgabe sie haben und welche Würde zu wahren ist. Bestattungskultur wird in Lingen stattdessen im Verkehrsausschuss oder im Ausschuss für Wirtschaft und Grundstücke verhandelt. Da wundert es nicht, wenn 150 m entfernt, großformatige Telekomschränke in ein über 100 Jahre altes Bismarck-Denkmal hineingebaut werden. Irgendwie ist das Bild der lokalen Gedanken- und Kulturlosigkeit sogar besonders stimmig.

Also veröffentlicht die Lokalzeitung heute einen ausgesprochen oberflächlichen Beitrag von Redakteur Müller, der sich um Blumenerdesäcke schleppende, gehbehinderte Mütterlein zu sorgen vorgibt. Aber er wählt in seinem beflissenen Kommentar dafür ein töricht-absurdes Beispiel. Denn es fährt niemand mit einem Sack Blumenerde und einer Bildschirmfoto 2014-05-05 um 20.56.33Palette Stiefmütterchen mit dem Bus vom Lingener Bahnhof zum Alten Friedhof. Das hat es noch nie gegeben. Doch mit den Parkplatzplänen nimmt das Areal des Ehrenmals für die Opfer der Kriege und Gewalt Schaden, beschneidet man seinen Freiraum durch „eine Einstellplatzanlage mit sechs bis acht Parkplätzen“ (Verwaltungssprache). In Wahrheit ist es bloß würdelos und ungehörig, dafür die grüne, Jahrzehnte alte Hecke wegzuschlagen sowie auf und an den Weg der Trauernden und Trauergäste von der Trauerhalle zum Friedhof eine metertiefe Einstellplatzanlage für Blumenerdefahrzeuge (s. Skizze mit den blauumrandeten geplanten Parkplätzen) zu bauen.

Bis vor 25 Jahren gab es übrigens schon einmal Parkmöglichkeiten direkt vor dem Eingang des Alten Friedhofs. Sie sind damals auf einstimmiges Votum verschwunden, weil es mit der Würde dieses Bereichs nicht in Einklang zu bringen war. Die Autos störten über die Maßen. Wenn die egoistisch-kurzsichtige Einstellplatzidee der Gewerbetreibenden Platz greift, die Uhren zurückzudrehen, gehen künftig die Trauernden von der Trauerhalle hinter dem Sarg ihrer Verstorbenen wieder durch parkende oder an- und abfahrende Autos oder gar über die neue Einstellplatzanlage auf den Alten Friedhof. Eine schwer erträgliche Vorstellung.

Ich ahne es schon: Die nächste Forderung wird dann sein,  in Zeiten des demographischen Wandels um der Grabpflege willen mit dem eigenen Auto, eigenem Sack Blumenerde und eigener Palette Stiefmütterchen auf den Friedhof und direkt vor das jeweilige Grab zu fahren, das gepflegt und neu bepflanzt werden muss. Burkhard Müller ist dann bestimmt ganz vorn dabei. Chaotisch.

(Foto Mausoleum Koke auf dem Alten Friedhof Lingen, ©milanpaul via flickr)