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7. März 2014

vion_logoDer internationale Nahrungsmittelkonzern VION (Firmenlogo lks) betreibt seit 2007 den Lingener Schlachthof. Den will er nun schließen. Dies erfuhren wir alle jetzt „Knall auf Fall“. Damit verlieren 268 Menschen ihre Arbeit und eine bewährte, mehr als 100jährige Einrichtung soll geschlossen werden. Gegen die Schließungspläne gibt es aber Widerstand der Stadt Lingen (Ems) und des Landkreises Emsland.

Beide Gebietskörperschaften bestehen nämlich „auf der Einhaltung von Verträgen“, die mit VION geschlossen sind. Sie drohen VION daher mit juristischen Schritten. Vertraglich muss VION bis 2020 in Lingen schlachten.

VION bestreitet diese Verpflichtung; es gebe nämlich eine Ausstiegsklausel im Vertrag. Danach dürfe Schluss sein, wenn der Betrieb nicht mehr rentabel sei. Das sei so, behauptet der führende VION-Mann Heinz Schweer, der in Zeven sitzt. Der Lingener Schlachthof habe in 10 Jahren mehr als zehn Millionen Euro Verlust eingefahren. „Besonderer Rückschlag“ sei der Verlust eines regionalen Handelsunternehmens aus Ostfriesland als Hauptabnehmer für die Produkte aus Lingen. Davon habe sich der Schlachthof nicht mehr erholt, sagt Schweer. Um 30 Prozent sei die Zahl der Schlachtungen zurückgegangen,heißt es. Zuletzt seien pro Woche noch 12.000 Tiere in Lingen geschlachtet worden. Aus Sicht des VION Managers ist das zu wenig, um den Standort wirtschaftlich zu betreiben. Der Konzern wolle statt dessen den Standort Emstek im Landkreis Cloppenburg stärken. Hier seien bis zu 70.000 Schlachtungen pro Woche möglich. In Lingen hingegen soll jetzt also schon Ende April Schluss sein.

Ganz so reibungslos wird die Schließung aber wohl nicht über die Bühne gehen. Oberbürgermeister Dieter Krone und Landrat Reinhard Winter (CDU) kündigten sofort „rechtliche Schritte“ an, sollte VION an den  Schließungsplänen festhalten. „Unserer Auffassung nach ist der Nachweis für die vorgebliche Unwirtschaftlichkeit nicht erbracht“, teilen die Verwaltungschefs etwas gestelzt mit. Der bestehende Vertrag habe „für uns nach wie vor absolute Gültigkeit“.

Die VION Zeven AG reagierte mit der trotzigen Aussage, sie sei alleiniger Eigentümer und Betreiber des privaten Schlachthofes in Lingen. Das war die übereilte Antwort des Konzerns auf die gemeinsame Protesterklärung von Oberbürgermeister Dieter Krone und Landrat Reinhard Winter.

Das mag so sein. Doch VION ist auch Mitglied des mindestens seit 1972 bestehenden  öffentlich-rechtlichen Zweckverbandes „Fleischzentrum Emsland“, sozusagen eine staatliche Gesellschaft, an der Stadt, Landkreis und VION gleichberechtigt beteiligt sind. Seine Aufgabe ist der Betrieb eines öffentlichen Schlachthofs in Lingen. Dazu ist VION der Lingener Schlachthof vertraglich „überlassen“ und den Rechtsvorgängern gar mit Millionenbeträgen geschenkt worden. Die Überlassung ist also nichts Neues; früher überließ man den Schlachthof u.a. der  NFZ GmbH, dann der Zevener Premium-Fleisch AG, die die NFZ übernommen hatte, und jetzt dem VION-Konzern, der Premium-Fleisch gekauft hat. Die Folge dieser Strukturen sind unverändert: Nur mit Zustimmung von Stadt und Landkreis kann VION aus dem Zweckverband und den bestehenden Verpflichtungen austreten, mag der Zweckverband „Fleischzentrum Emsland“ auch nicht Betreiber des VION-Schlachthofes sein.

Auch darauf versucht VION eine Antwort. Den öffentlichen Schlachthof, den der Zweckverband  sicherstellt, habe „es seit 2002“ laut VION nicht mehr gebe. VION ganz mutig: „Der Vertrag über den öffentlichen Schlachthof ist aus kommunalrechtlicher Sicht unwirksam.“ Deshalb komme es gar nicht auf die Wirtschaftlichkeit an.

Man wird den VION-Konzern nicht nur wegen seiner zahlreichen sonstigen Fehlentscheidungen  fragen müssen, warum er so agiert. Jedenfalls versucht VION den kurzen Prozess. Die Rechtsvertreter der Stadt und des Landkreises Emsland -so VION- seien „bereits“ Anfang Februar aufgefordert, darzulegen, inwiefern ein öffentliches Bedürfnis zum Betrieb eines öffentlichen Schlachthofes in Lingen vorliege. Diese Anfrage wurde „bisher nicht“ beantwortet, pressemitteilt der Konzern, und es sei sowieso kein solches Bedürfnis für einen Schlachthof erkennbar; denn seit mindestens zehn Jahren hätten keine öffentlichen Schlachtungen mehr stattgefunden. Die Anfrage VIONs bezüglich einer kommunalrechtlich erforderlichen finanziellen Beteiligungspflicht der Stadt Lingen sei ebenfalls unbeantwortet geblieben. Die einseitig von VION gesetzte Frist für eine Antwort soll aber, wie man mir sagte, erst am 13. März ablaufen.

Längst ist die Stimmung zwischen der Stadt wie dem Landkreis einerseits und VION andererseits -sagen wir- also sehr angestrengt. Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer sind eingeschaltet. VION hat  Zahlen vorgelegt, die die Unwirtschaftlichkeit des Lingener Schlachthofs belegen sollen. Das von ihr bestellte und bezahlte Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sei unabhängig, sagt VION, und gibt sich empört, dass Stadt und Land dessen Ergebnisse bezweifeln, den Betrieb in Lingen aus mangelnder wirtschaftlicher Perspektive zu schließen. Doch der Konzern hat große Mengen an Schlachtungen nach Emstek und anderswo verlagert. Zuletzt durften im vergangenen Herbst Dutzende rumänische Leiharbeiter kurzfristig von Lingen nach Emstek umziehen, weil  Schweineschlachtungen verlagert wurden. Schon im Herbst 2013 befassten sich deshalb die städtischen Gremien mit der drohenden Entwicklung. Die einfache Antwort ist also: Die von VION  behauptete Unwirtschaftlichkeit hat der Konzern selbst herbeigeführt hat.

Auch sonst ist der Umgang mit VION übrigens sehr gewöhnungsbedürftig. Die Büros des Oberbürgermeister und des Landrats sind von Heinz Schweer, am Dienstagmorgen um 10 Uhr telefonisch über die beabsichtigte Schließung informiert worden. Beide Kommunalvertreter befanden sich da in Sitzungen, in denen sie nicht gestört werden wollten. Außerdem wurde „nachweislich bereits um 9 Uhr eine schriftliche Information an die Rechtsvertreter der Stadt Lingen und des Landkreises Emsland versendet“. Um 10 Uhr rief der VION-Chef aus Zeven an, um 11 Uhr ging die Presseinformation raus. Das nenne ich eine solide, gründliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit.

17 Antworten to “268”

  1. Waltraud Schober said

    Die Presse war bereits am Abend zuvor informiert worden (mit Sperrfrist).
    Ferner: Herr Dr. Schweer versteckte sich am auf dem Gelände des Schlachthofes, als er sah, dass OB Krone aufs Werkgelände fuhr. Warum hatte er solche Angst vor einem persönlichen Zusammentreffen?
    So arbeiten die multinationalen Heuschrecken heute eben 😦 !

    • „Herr Dr. Schweer versteckte sich am auf dem Gelände des Schlachthofes, als er sah, dass OB Krone aufs Werkgelände fuhr. “

      Wirklich? In echt?

      • kib said

        Frau Schober & Robert, ich hab mich über den Stand der Dinge via evw informiert : Selbst Presse-Laien ist die „offizielle“ Antwort von VION zu dürftig . Landkreis und Stadt um 9Uhr zu informieren, um dann zwei Stunden später eine Presseinformation zu veröffentlichen…. naja, darüber bilden wir uns unsere Meinung!
        Robert, diese juristischen Auseinandersetzungen kann und will ich (seit Wulff) gar nicht beurteilen.

        Was Du aber bitte juristisch überlegst, wäre folgendes: kann man den Schlachthof Lingen nicht in einen genossenschaftlichen Bio-Schlachtbetrieb umwandeln… ?

        • Buggy said

          kib, ein Bio-Schlachthof könnte sofort Kurzarbeit anmelden. Es gibt kaum Bio-Schweine und das wird sich auch nicht so schnell ändern.
          Selbst die so hippe regionale Erzeugung wird kaum Erfolg für den Lingener Schlachthof bringen. Ich war selber seinerzeit Aktionär und treuer Lieferant für die Premium-Fleisch AG mit dem regionalen Landjuwel-Label. Das Ding ist gescheitert und mit etwas Groll in der Bestmeat und später der Vion aufgegangen.
          Später habe ich bei der regionalen Schiene der Böseler Goldschmaus mitgemacht. Es sollten 1 bis 2 Cent pro kg mehr für uns Landwirte rausspringen- selbst das hat nicht geklappt.
          Ich würde gerne den Lingener Schlachthof behalten, allerdings sehe ich eine finanzielle Beteiligung als Landwirt sehr kritisch. Das hat schon zu oft nicht funktioniert.
          Die VION war, nebenbei gesagt, kein verlässlicher Partner für die Landwirtschaft.

          • kib said

            Buggy, da sind wir wieder beim alten LEIDIGEN Thema. Wir Konsumenten müssen umdenken. „Billig will ich“ geht nicht, egal ob bei Milch, Gemüse oder Schweine- Rindfleisch.
            Wie schätzt Du den Kilopreis für Bio-Fleisch ein? Mein Tipp: 50-60 Euro (Rind) bedingt durch jede Menge sinnfreie Auflagen?
            Ach und da wird andererseits tatwahrhaftig über 1-2 Cent/Kilo geredet?
            Soll aber hier nicht Thema sein,
            Aktuell drücke ich den Mitarbeitern des Schlachthofes die Daumen! Und freu mich, dass Verwaltung & Politik an einem Strang ziehen.

  2. Veggy said

    V=Vulgär
    I=Ignorant
    O=Okkult
    N=Neoliberal
    Das alles ist synonym zu VION

  3. Franz Schnieders said

    Ich habe knapp 20 Jahre auf dem Lingener Schlachthof gearbeitet . Was sich ein Herr Barrelmann oder ein Dr.Schweer sich da erlaubt haben, das ist schon seltsam gewesen. Da wurden die Mitarbeiter gezwungen auf Geld zuverzichten mit der Begründung, sonst müssen Kollegen gekündigt werden, was wir dann auch gemacht haben, und trotzdem wurden die Leute kurze Zeit später gekündigt, drei Jahre lang auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld der Firma stunden, als Darlehen sozusagen, was natürlich nicht wieder zurückgezahlt wurde. Dann wurde uns auf einer Betriebsversammlung mitgeteilt, dass endlich wieder schwarze Zahlen geschrieben werden; als ich dann zu der Geschäftsleitung gesagt habe, dass sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, weil den Gewinn, den sie erwirtschaftet haben, eben diese Lohnkürzungen und Stundung von Urlaub, Weihnachtsgeld sind, wurde ich fristlos gekündigt.

    Ich selber war nicht böse drum, weil vor dem Arbeitsgericht habe ich mein Recht bekommen: ein halbes Jahr freigestellt und eine ordentliche Abfindung. Wenn der Herr Barrelmann und Dr.Schweer nichts geschafft haben, aber eins können sie gut, der Stadt Lingen und dem Landkreis Geld aus den Taschen ziehen; das können die beiden. Die Stadt Lingen soll mal bekannt geben, wieviel Geld bezahlt wurde, als der Schlachthof schon mal fast Pleite gewesen ist. Ich persönlich habe Mitleid mit meinem früheren Arbeitskollegen, dass sie jetzt arbeitslos werden, das haben sie nicht verdient – ok außer dem Betriebsrat, der uns das Urlaubs und weihnachtsgeld mit der Geschäftsleitung weggenommen hat (wir sagten immer die Dalumerpumpen).

    • kib said

      Herr Schnieders, ich lese jetzt erst Ihren Beitrag und bin beeindruckt , eher schockiert. Auf mich wirken Sie sehr glaubwürdig und ehrlich.
      Was aber mal wieder mit dem Blogbetreiber und seinen „sozialromantischen Freunden“ los ist, weiß ich nicht: Sein Sie sich aber sicher, dass Ihre Zeilen nicht in Sozialromantik bzw. der „allgemeinen politischen Situation der NL“(- wow Robert, HAMMER Thema, Du Depp!) verschwinden!
      Robert, lass Dein „Speed-Posting“, denn es ist analog eines (politisch / kognitiven) Speed Datings!
      Herr Schnieders: Ihr Posting war KLASSE!

  4. kib said

    Bevor ich gefragt werde (Servus & Prost Herr Küster), ob ich irgendwelche Drogen nehme: )
    Herr Schnieders, was halten Sie von derartigen Kommentaren: Riße-Zitat: “Wir wissen schon lange, dass die Arbeitsbedingungen im Schlachthof oft nur schwer zu ertragen sind….(Quelle , Blog der BN).
    Nun, zu Marc Risse fällt mir spontan ein Spruch aus dem Kindergarten ein: Hätte, hätte… Fahrradkette…. (oder den Jaguar am vorderen Schutzblech seiner Fietze montiert- Übersprunghandlung?)

    Oppositionen sind ein Garant der Demokratie. Sie sind nicht zwingend für Moral gemacht, denn es gilt AUCH HIER der Grundsatz: Hättet Ihr anders/besser entschieden?… wenn Ihr denn hättet können konnen (toller Satz).

    Ernsthaft: Was macht Ihr aus Euren vier Sitzen im Rat? Von Herrn Becker und Herrn Storm hört man kaum etwas. Wie geht es eigentlich Eurer Ersten Vorsitzenden Frau Sabine Stüting?
    Sie musste das unangenehme Amt von Herrn Rauscher übernehmen, der seinerzeit proklamierte: „Die BN töst noch lauter…!“
    Ja, und dann wäre dann noch einmal die Frage zu klären, was Robert Koop mit diesem Blog erreichen will: Per Posting mal eben kurz die Welt retten? 40 Themen in einem Monat?
    Nein, wird nix! „Werbefachmann“ Marc wird Dir sicher erklären, warum „Garten-Scheren Chez Guevaras“- den Parkhügel via Facebook organisiert…
    und damit ist mein „persönliches Stänkelfeld“ in Lingen gesichert, Danke dafür!

    • Hendrik Ganike said

      Klingt alles sehr nach fundierter Recherche, „KIB“!

      Soweit ich die Seite der „BürgerNahen« lese, ist Reinhard Markus Vorsitzender. Und von den Herren Becker/Storm ließt man zu ihren jeweiligen Ausschuss- bzw. Fachthemen schon sehr oft und teils gute Anmerkungen. Also genau das, was von einer Opposition erwartet werden darf.

      Dass Riße und RK öfter auftauchen dürfte sich durch entsprechende Ämter und Posten erklären.

      Bleibt die Frage nach dem Zweck dieser Seiten, dieses „Blogs“; der Blog hat sich sicher verändert, seit RK sich der BN angeschlossen hat. Ihn aufzugeben, nur weil er sich verändert hat, wäre jedoch eine wirre Konsequenz, finden Sie nicht auch?

      • Kibchen!! said

        Ganz ehrlich fände ich es nur konsequent (und nicht wirr), wenn Robert diesen Blog aufgeben würde: Es mag fürchterlich naiv erscheinen, aber ich kann und will nicht nachvollziehen, dass ein Anwalt & Notar dermaßen unseriös auftritt.
        Was ich persönlich von Marc Risse halte- ist hinlänglich bekannt- und sicherlich nicht unfair 

  5. Job said

    @Kib
    Ich kann es nicht lassen.
    Aber Dein Beitrag ist wieder einmal so durcheinander geraten, dass nur Insider ihn wahrscheinlich deuten bzw. übersetzen können. Was soll eigentlich in jeden Deiner Beiträge der verbale Angriff auf R. Koop. Wenn Du ihn und sein Blog nicht magst bzw. verstehst, dann lass doch die Finger davon.
    Kirsten lass es bitte gut sein. Alles wird gut.

  6. Kirsten Banach said

    und wenn Du Dir jetzt noch abgewöhnst mich beim Vornamen zu nennen, wird`s richtig gut. Allemal weil ich Dir an Deine aberwitzige (feige) Adresse lingenimwandel… geschrieben habe.
    Job, mach was draus & trau Dich!
    Kirsten

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