Orgelboden

3. Oktober 2013

Da bin ich  eigens etwas früher aufgestanden, um zu suchen. Doch inhaltlich Überzeugendes, Flottes, Ansprechendes zum heutigen Tag der Deutschen Einheit habe ich nicht im Netz gefunden.  Nur einen dieser so nölig wirkenden Beiträge, in dem ein Erwerbsunfähigkeitsrentner  seine Benachteiligung beklagt. Dann twitterte minütlich @hpweyer bedenkenschwangere Kritik mit Hashtag #tdde13. Natürlich gehören die mitgeteilten Missstände zur deutschen Wirklichkeit, aber ich fand’s bloß nervend.

Was läuft also? Weit weg in Berlin die „private“ Feier um das Brandenburger Tor, noch weiter in Stuttgart die „offizielle“ Feier, die gar ein dümmlich-modisches Motto brauchte. Und bei uns in Lingen?  Nein, die Eröffnung der  Lingener Herbstkirmes durch  Oberbürgermeister Dieter Krone heute um 15.30 Uhr ist kein heimischer“Act“  für die Feiern zum 3. Oktober; denn trotz der Sangeskraft unseres OB darf man erwarten, dass dabei vielleicht eine der beliebten Rückwärtsfahrten mit der „Raupe“ stattfindet, aber die Nationalhymne nicht gesungen wird.

Die offizielle Feier hat man -wenig säkular- wiederum outgesourct: Um 18 Uhr gibt es in der St. Bonifatius-Kirche einen ökumenischen Gottesdienst  mit einer -sicherlich politisch-korrekten- Ansprache von Dr. Walter Remmers (CDU), Justizminister a. D. von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt über „Wendezeit“ – Auf dem Weg zum Rechtsstaat. Der „Sankt Bonifatius“-Chor unter der Leitung von Joachim Diedrichs übernimmt die musikalische Gestaltung. Da erwarte ich dann die Nationalhymne. Anschließend ist  „unter dem Orgelboden“ Gelegenheit zum „Gespräch mit dem Gastprediger und untereinander“ (Pressetext).

Irgendwo fragte heute Nacht jemand auf Twitter, weshalb die Deutschen ihren Feiertag nicht so feiern können wie die Amis den 4. Juli.  Oder die Schweizer ihren 1. August. Also im ganzen Land ausnehmend locker und unverkrampft. Das wär‘ doch mal ’ne Idee…

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32 Antworten zu “Orgelboden”

  1. kib said

    Robert, eine thematische „Punktlandung“. Bereits bei dem Titel „Orgelboden“ habe ich an Michael Sänger gedacht- beim eigentlichen Thema erst recht. Wer, wenn nicht er hätte dazu etwas zu sagen?
    Ich würde mich sehr freuen,wenn MS Zeit& Muse fände.

  2. gerhard said

    Wie soll das denn gehen? Noch ne Pommeszeile, Würstchenbude und Bierzelt – mehr fällt in Lingen zu solch einem wichtigen Anlass keinem „Politiker“ ein – und der war ja schon von der traditionellen Herbstkirmes erfolgreich belegt!
    Wollte beim Bäcker heute ein „Einheitsbrötchen“ kaufen. Gab aber nur „Opa Anton“-Brötchen. Habe dann wenigstens mit meiner Gattin Einheit beim Frühstück vollzogen.

  3. Michael Sänger said

    Warum wir den 3. Oktober nicht so feiern können wie die Amerikaner ihren 4. Juli, die Schweizer ihren 1. August oder die Franzosen ihren 14. Juli? Da ist doch ganz einfach zu beantworten: Nationalfeiertage haben immer etwas mit der jeweiligen Nation zu tun. Deutschland ist aber nie eine einheitliche Nation gewesen oder geworden; weder nach 1848 oder gar das durch preußische Gewaltandrohung entstandene Deutsche Reich von 1871 in Versailles. Der Nationalismus in Europa hat zu dem schon verheerenden I. Weltkrieg geführt und die deutsche Überhöhung des Nationalismus in die perverse Form des Nationalsozialismus hat dann den noch schrecklicheren II. Weltkrieg ausgelöst. Die älteren Blockleser werden sich noch daran erinnern, dass Alexander Mitscherlich in seinem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ das sehr genau analysiert hat. Zum einen haben die Siegermächte – allen voran die USA – den Deutschen jeglichen Nationalismus ausgetrieben und zum anderen hat die Generation meiner Väter und Mütter einen kollektiven Verdrängungsprozess in Gang gesetzt, der das ganze Nationalismus-Elend schnell vergessen ließ. Und das wirkt bis heute nach! Und vielleicht ist das auch gut so.

    Die deutsche Wiedervereinigung von 1989 hat auch nach 14 Jahren keine echte Zusammengehörigkeit entstehen lassen. Was also will man feiern?

    Auch halte ich das Datum 3. Oktober für falsch, das Ereignis des Mauerfalls am 9.November wäre das richtige – und vor allem emotional richtige Datum – für einen „Volks“- und nicht „Nationalfeiertag“ gewesen. Aber hoffen wir auf die junge Generation, die da sehr viel unbefangener an diese Problematik herangeht. Und bei der Fußballweltmeisterschaft ging´s doch auch: Da haben sich viele Autofahrer kleine Deutschlandfahnen ans Auto gesteckt. War doch nett, oder? Aber da kamen auch schon wieder die nationalen Bedenkenträger und warnten vor dem Aufkommen eines neuen deutschen Nationalismus. Die Deutschen sind mir vielfach zu ernst, zu korrekt und haben zu wenig Humor, um über sich selbst lachen zu können. Dafür haben wir Dieter Bohlen, der gern ein ganzes Publikum dazu bringt, sich über andere lustig zu machen. Ist das die wahre deutsche Humorkultur?

    • BN_Riße said

      DAS ist mal ein Kommentar des Monats, Herr Sänger! Nur in den Jahreszahlen haben Sie sich vertan: Wir sind (angeblich) seit 24 Jahren wiedervereint.

      Geschenkt – unsere Nachfolgegeneration, die mittlerweile in Ihrem Fall erwachsen, in meinem Fall gerade heranwachsend ist, kennt kein zweigeteiltes Deutschland mehr. Spätestens die wird einen „richtigen“ Nationalfeiertag wollen. Wenn sie es schafft, unser Land derweil nicht wieder einmal in den Abgrund zu treiben. Davor habe ich Angst – fast noch mehr als vor Opa Anton. (Wobei der wirklich eine große Gefahr für unsere Kultur darstellt…)

      • kib said

        Was Humor betrifft, kann man EIGENTLICH nicht großzügig genug sein: „Opa Anton“ ist aber tatwahrhaftig eine schwere Zumutung. Ich kenne übrigens niemanden, der ihn witzig findet (er sich vermutlich). Gut, dass BN_Risse aufpasst: Blaue Schafe sind vergleichsweise eindeutig besser verträglich (Entschuldigung, liebe Ulrike).

    • Kommentar des Jahres!

  4. Michael Sänger said

    Der Tippfehler ist mir peinlich, aber da wird sich Frau Kemmer drüber freuen. Ich gönn es ihr!

    • kib said

      Nein, Frau Kemmer hat Ihren Kommentar sicherlich auch gern gelesen. Herr Sänger: Dankeschön dafür! Was für Sie „klar“ ist, erschließt sich für viele Menschen nicht: Ich habe auch Fragen, und bin dankbar, dass Sie Selbige beantworten!

  5. G.M.K. said

    Einheit? Einerlei!

    „Einigkeit und Recht und Freiheit“, mit diesem Dreiklang beginnt die dritte Strophe unserer Nationalhymne, und dass diese Strophe bei wohlwollender Betrachtung den harmlosesten und klügsten Abschnitt des ganzen Deutschlandliedes bildet, sagt schon viel aus. Ist es nicht interessant, dass die Einigkeit hier an erster Stelle steht, während Recht und Freiheit wie nachgeordnete Faktoren hintendran gepappt werden? Ich stimme Herrn Sänger zu; eine deutsche Einheit hat es nie gegeben, schon deshalb nicht, weil ja niemals abschließend gekärt wurde, wer oder was eigentlich deutsch ist. Was ist deutsch, was ist Deutschland? Ist Deutschland überall dort, wo Deutsch gesprochen wird? Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst keine abwegige Idee, die sich jedoch schon spätestens 1848 als nicht praktikabel erwies. Wenn also nicht die Sprache ausschlaggebend ist, dann vielleicht die Fläche, d.h. die Erde, die Wälder, die Flüsse? Wirft man einen Blick in die patriotische Mottenkiste („Vater Rhein“ usw.), wird deutlich, dass selbst dieser unsinnige Gedanke nicht lächerlich genug war, um sich nicht trotzdem großer Beliebtheit zu erfreuen. Nationale Identität jedoch ernsthaft an Landschaften festmachen zu wollen, wird jedoch spätestens dann problematisch, wenn man das Alter der Landschaften und jenes der Nationen miteinander vergleicht.

    Was also ist Deutschland? Die Sprache ist es nicht, das Land als geographischer Raum kann es auch nicht sein…verrückt gewordene Romantiker kamen vor rund 200 Jahren auf die Idee, die sich wie ein roter Faden durch die Geschiche des deutschen Nationalstaates zieht, nämlich dass Deutschsein nicht eine Frage der Abstimmung (also der Diskussion verschiedener Möglichkeiten), sondern eine Frage der Abstammung, d.h. des Blutes sei. Eine Annahme mit bekanntlich sehr bösen Folgen; die aber in gewisser Hinsicht bis heute fortbesteht. Wie sonst ist es zu erklären, dass man zwar in Deutschland auf die Welt kommen, aufwachsen und arbeiten kann, aber trotzdem erst einen kostenpflichtigen, absurden, von mißmutigen Beamten willkürlich zusammengebastelten Einbürgerungstest über sich ergehen lassen muss, um in den Genuss staatsbürgerlicher Rechte zu gelangen? Und das ist ja nur die offizielle, um Seriosität bemühte, da um ihr Ansehen besorgte, verwaltungstechnische, staatliche Seite!

    Auf der „Volks“-Seite sieht es ja noch viel schlimmer aus, wird der Rassismus ja noch viel unverhohlener zur Schau gestellt, wie man es zum Beispiel in der Diskussion um Nationalspieler, die die Nationalhymne nicht mitsingen, oder in Debatten über Zuwanderung immer wieder erleben kann. Das „Volk“ der Deutschen ist keine Gemeinschaft, kein Volk ist eine Gemeinschaft, und wer etwas anderes behauptet, ist entweder dumm oder böse. Wenn wir heute in Deutschland trotz allem ein im historischen und globalen Vergleich hohes Maß an Wohlstand, Freiheit und Sicherheit genießen, dann hat das viele Ursachen (skrupelloses Wirtschaftsverhalten, internationale Verträge, gut gemachtes Grundgesetz und mehr oder minder intakte Rechtsintsitutionen, wobei es auf letzterem Feld allerdings schon seit geraumer Zeit massive Probleme gibt) – auf keinen Fall aber verdanken wir Freiheit und Wohlstand einer ominösen „Einheit“, sei sie nun völkisch oder staatlich verstanden.

    Dass sich Menschen darüber freuen können, dass ihr Land heute auf einer Landkarte ein größerer Fleck ist als vor 24 Jahren stimmt nachdenklich; und dass schon mit der Bezeichnung „Tag der deutschen Einheit“, eine Einheitssehnsuchtstradition fortgeführt wird, die sich schon beim ersten kritischen Blick als grotesk entpuppt, stimmt noch bedenklicher. Dass es aber, überhaupt als nationalen Feiertag, ganz wie es schon in der bezahlten Auftragsarbeit von H.v. Fallersleben anklingt, eben nur den Tag der Einheit, nicht aber einen Tag des Rechts oder einen Tag der Freiheit gibt, obwohl es sich bei den letzteren Dingen wirklich um Güter und nicht um wahnwitzige Phantasien handelt – das macht mich wütend und würde mir, wenn es dazu noch eines weiteren Grundes bedürfte, endgültig die Lust an diesem „Nationalfeiertag“.

    • Michael Sänger said

      „Ist es nicht interessant, dass die Einigkeit hier an erster Stelle steht, während Recht und Freiheit wie nachgeordnete Faktoren hintendran gepappt werden?“ – Das sollte man inhaltlich nicht überbewerten. Die „Einigkeit“ hat Hoffmann von Fallersleben nicht aus ideologischen Gründen an die erste Stelle gesetzt, sondern lediglich aus sprachrhythmischen Überlegungen. „Recht und Freiheit und Einigkeit“ – klingt nicht und ist musikalisch auch schwerer umzusetzen. Sonst enthält der Beitrag von GMK viel Richtiges. GMK, wer ist das? Könnt ihr euch hier nicht mit eurem Namen nennen? Aber RK sagt dann gleich wieder, im Emsland hätte das Konsequenzen. Als ob wir in der ehemaligen DDR lebten!??

      • kib said

        Könnt ihr euch hier nicht mit eurem Namen nennen?
        Ich finde es besser, wenn Menschen, die ich schätze wissen, mit wem sie es zu tun haben- ansonsten hat Anonymität im Netz mehr Vor- als Nachteile!

        • Eben hier gelesen:

          „…Die Suche … führt tief in die digitale Welt. Dort sind die Dinge selten so, wie sie scheinen. Kommuniziert wird in Foren, Chats und Netzwerken. Klarnamen sind selten, fast jeder spielt eine Rolle, die er im wahren Leben nicht einnehmen kann, darf oder will….“

          Eben!

          ps Der WELT-Artikel ist übrigens lesenswert, weil die Journalisten bei ihrer Plagiatsjägersuche dann doch scheitern – trotz aller Verdachtsmomente, wer denn Robert Schmidt sei.

          • kib said

            Ach, lass Du erst einmal Deine missglückte „Merkel-Raute“- Du Stinkefinger-Fan 🙂 und „Hobby-Manipulator““.
            Dir sollte es allemal reichen zu wissen, wer „kib“ ist. Ein Egomane wie Du hat hiermit genug zu tun.

          • Hannsderkannsauchanonym said

            Seltsamer Ausbruch? Geht’s noch???

          • Hannsderkannsauchanonym said

            Entschuldigung ein Fragezeichen zu viel. Richtig:

            Seltsamer Ausbruch! Geht’s noch?

        • kib said

          @Hannsderkannsauchanonym : GMK hat unter anderem hierzu etwas geschrieben, das man mehrfach lesen sollte! Die Beiträge von MS übrigens auch: Ich habe mir durchaus etwas dabei gedacht, Herrn Sänger zum Thema „Orgelboden“ zu fragen. Der Austausch zwischen ihm und GMK sind das Beste, was in diesem Blog jemals gelesen habe! Dankeschön dafür.

          • kib said

            Sich von „Hans der ganz“ in „Hannsderkannsauchanonym“ umzubenennen ist übrigens eine Tautologie.

          • kib said

            Hans, wo ist denn bitte das Problem seine „Defizite“ zu erkennen oder mehrfach etwas zu lesen; Ein Text steht und ist an sich sehr „geduldig“… Da darf man übrigens auch mal „Goethe“ zitieren.. GMK hat das toll platzieret

  6. G.M.K. said

    verderben.

    • kib said

      Uff, GMK: Das werde ich mehrfach lesen (müssen). Dank Ihnen zunächst vorab für Ihre Gedanken
      Aber die Größe unserer Republik ist doch einfach nicht relevant!
      Da sind Sie gerade nationalistisch unterwegs, oder?

  7. Henk Muhammad Wilders said

    @ G.M.K.
    Welchen Ausdruck würden Sie denn für die 80 Millionen Einwohner in Deutschland heutzutage durchgehen lassen, wenn die Begriffe “Volk“ und “Gemeinschaft“ für Sie nicht akzeptabel sind und von bösen oder dummen Menschen stammen?
    Was macht die von Ihnen so (holperig) bezeichnete “Einheitssehnsuchtstradition“ grotesk und die Vereinigung BRD/DDR von 1990 zu einer „wahnwitzigen Phantasie“?
    Sie beklagen die Vergrößerung des Landes von vor 24 Jahren. Nun gut, sie war mathematisch nicht verhinderbar.
    Die Kampagne NIE WIEDER DEUTSCHLAND von 1990 lebt also.

  8. G.M.K. said

    Die Debatte um Klarnamen ist sehr interessant; und beide Seiten haben gute Argumente vorzutragen. Für mich persönlich gilt in diesem Zusammenhang: Freiheit ist, sich weder verstecken noch exponieren zu müssen; d.h. eine Wahl zu haben. Übrigens gibt es viele Gründe, warum sich schreibende Menschen für ein Pseudonym entscheiden. Gerade die Journalismus-und Literaturgeschichte bietet dafür zahlreiche Beispiele, von denen letztlich nur wenige repressiven politischen Bedingungen geschuldet sind.

    Es kann zum Beispiel sein, dass jemand, der unter Pseudonym schreibt, sich gar nicht vor der Welt, sondern hinter seinem Text verbergen möchte. Ein Verfassername ist schließlich weit mehr als bloß eine interessante Zusatzinformation; sondern fester Bestandteil des Textes, den wir lesen. Er beeinflusst überdies ganz entscheidend, wie wir ihn lesen; ob wir ihm wohlwollend oder kritisch gegenüberstehen, ob wir ihn ernstnehmen oder von Anfang an für Unsinn halten. „Viele achten den Namen mehr als das Wort.“, wußte doch schon Goethe (oder?). Ich finde es gut, hier auch Pseudonyme erlaubt sind – ob soetwas in der DDR möglich gewesen wäre, weiß ich hingegen nicht. Pseudonyme sind nicht lästig, sondern ein schützenswertes Stück Freiheit.

    Herr Wilders, wir teilen immerhin diese Gemeinsamkeit, dass wir unter Pseudonym schreiben; ansonsten haben wir wohl wenig miteinander gemein; es sei denn Sie bestehen weiterhin darauf, mit mir eine Volksgemeinschaft zu bilden; dagegen kann ich dann natürlich nichts tun. Dass Sie von ‚Nie wieder Deutschland‘, erst 1990 gehört haben, kann ich mir freilich denken; und vermute dass Sie sich mit dieser“Kampagne“, in deren Nähe Sie mich unzutreffenderweise rücken möchten, noch nie näher beschäftigt haben. Neugierig bin ich auf die Formel, mit der Sie die Unvermeidbarkeit der Vereinigung (lt.Einigungsvertrag übrigens „Beitritt“) mathematisch beweisen wollen. 1+1=1 oder, treffender, a+b=b?

    Ich versuche es mal ein bißchen weniger polemisch. Die Ausgangsfrage war ja die, warum der „Tag der deutschen Einheit“ kein richtiges Volksfest, sondern nur ein staatlicher Feiertag ist. (Ob man diesen Umstand nun beklagenswert finden muss oder nicht, steht auf einem anderen Blatt).

    Die deutsche Einheit (manche Leute, die damals von „Wiedervereinigung“ gesprochen haben, hatten noch ganz andere Gebiete im Sinn; nähere Informationen hierzu bei Erika Steinbach), war eine internationale Angelegenheit, keine Sache des „Volkes“. Sie wurde weder von den berühmten Montagsdemonstranten errungen, noch von Westberlinern, die ihren Mitbürgern gönnerhaft aufs Trabbidach schlugen. Auch die deutsche Fussballnationalmannschaft von 1990 hat nur einen Pokal erkämpft, keinen Staat. Von ihren zahlreichen Fans, die sich weder das eine noch das andere auf die Fahnen schreiben können, die sie dennoch bis heute so unverdrossen schwenken, einmal ganz zu schweigen. Stattdessen vollzog sich die Einheit so, wie sich alle maßgeblichen Wendepunkte der deutschen Geschichte vollzogen: wohlgeordnet und von oben (Die Ausnahmen, die diese Regel bestätigen sind die gescheiterten Revolutionen von 1848 und 1918). Im Gegensatz zum Beispiel zur französischen Revolution; oder der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, diese Nationalfeiertage verweisen zumindest noch auf rebellische Ereignisse.

    Daher ist es doch eigentlich nur konsequent, dass es an diesem Tag selbst die sogenannten „Volksfeste“ eigentlich Staatsakte sind (inklusive Aufritte von Politikern usw.).
    Interessant ist zudem die Geschichte der Nationalfeiertage in Deutschland selbst; während in Frankreich und den USA immerhin seit mehr als zweihundert Jahren stets der gleiche Tag und das gleiche Ereignis gefeiert wird, konnte sich eine so lange Tradition in Deutschland nicht herausbilden. Oder wer feiert heutzutage noch den Tag von Sedan, Nationalfeiertag im Kaiserreich? Den Verfassungstag der Weimarer Republik? Bezeichnet heute noch jemand den 1.Mai als Tag des deutschen Volkes? Weiß überhaupt im Westen noch jemand, was bis 1989 in der DDR am 7.Oktober gefeiert wurde? Was ist aus dem 17.Juni geworden, der bis 1990 als Tag der Einheit begangen wurde? Man sieht: in Deutschland sind die Nationalfeiertage, historisch betrachtet, zahlreich und ziemlich beliebig im Kalender verstreut. Auch dieser Umstand hat die Entwicklung von Traditionen, die über ritualisierte Staatsakte hinausgehen, sicher nicht begünstigt.

  9. Michael Sänger said

    „Die deutsche Einheit (…..) war eine internationale Angelegenheit, keine Sache des “Volkes”. Sie wurde weder von den berühmten Montagsdemonstranten errungen…….

    Diese These von GMK ist so nicht haltbar! Wäre nicht die Unzufriedenheit des größten Teiles der DDR-Bevölkerung mit dem System in den friedlichen Protest – also auch in die Montagsdemonstrationen – gemündet, hätte es keine politische Regelung der 1989 immer noch für Ost- und Westdeutschland zuständigen alliierten Siegermächte gegeben. Warum hätten Amerika, Frankreich und England eine Zusammenlegung beider deutschen Staaten favorisieren sollen? England hat sich bis zuletzt dagegen gewehrt. Der Druck des friedlichen Protestes in der DDR war aber so stark, dass die DDR-Führung dem nichts mehr entgegen zu setzen hatte, weil sie von der Sowjetunion keine militärische Unterstützung mehr zu erhoffen hatte. Die „Revolution von 1989“ war zu einem großen Teil natürlich eine Revolution des Volkes!

    Zur Rechtfertigung der Anonymität hier im Blog von GMK fällt mir nur noch ein: Aha! Ich habe den Eindruck GMK ist Theologe, denn die argumentieren in ähnlichen Fällen ebenso. Und dann noch Goethe? Woher aus seinem Werk stammt dieses Zitat? Ich bin nämlich Goethe-Fan und möchte da noch gern dazu lernen.

    • G.M.K. said

      Lieber Herr Sänger,

      nicht nur für das gemogelte Goethe-Zitat bitte ich Sie natürlich aufrichtig um Verzeihung, noch dringlicher möchte ich mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Ihre neugierige Reaktion wo nicht einkalkuliert, so doch zumindest erhofft habe. Bestätigt Ihre höfliche, aber kritische Nachfrage nicht genau den Inhalt des -freilich nicht von Goethe stammenden- Zitats? An dieser kleinen Spielerei zeigt sich doch schon das Wirkungspotential von (vermeintlichen) Klarnamen. So hoffe ich, dass diese philologische Unredlichkeit keine Empörung, sondern nur ein Lächeln bei Ihnen hervorruft!
      In diesem Falle bescherte der angegebene Name „Goethe“ dem erfundenen Zitat über das Verhältnis von Name und Wort eine Aufmerksamkeit, die es sonst nicht erhalten hätte. Wenn wir einen Text lesen, spielt es für unsere Bewertung des Textes eine große Rolle, wen wir für den Verfasser halten. Im Falle Goethes mag dieser Einfluss positiv sein, doch ist das nicht bei jedem Namen der Fall. Und das muss nicht einmal bedeuten, dass man sich mit seinem richtigen Namen in der ‚realen Welt‘ diskreditiert hätte,oder nicht für das geradestehen will, was man schreibt. (In meinem Falle z.B. habe ich ja eine gültige Email-Adressehinterlegt und wäre so jederzeit kontaktier- und identifizierbar). Ich finde einfach, niemand ist dazu verpflichtet, seine Identität überall preiszugeben – zumal es mir in dieser Diskussion wirklich um „die Sache“ geht, und nicht um mich.

      Zum Thema Montagsdemonstranten: Natürlich haben die großen Demonstrationen entscheidend zum Ende der DDR beigetragen, das bestreite ich ja auch gar nicht. Ich warne nur davor, historische Kausalkette allzu einfach zu knüpfen.

      Wie unter anderem im preisgekrönten Roman „Nikolaikirche“ des Autors Erich Loest nachzulesen ist, war die Oppositionsbewegung in der DDR sehr vielfältig. Ihre politischen Forderungen bezogen sich nicht nur, aber vor allem auf bürgerliche Freiheiten und Rechte (faire Wahlen, Reisefreiheit) und wirtschaftliche Reformen, im Sinne einer Verbesserung der Versorgungslage und Konsummöglichkeiten. Nicht ausdrücklich gefordert wurde aber ein Beitritt zur BRD (die bekannte Parole mit der DM lässt doch er an eine Währungsunion denken, als an eine staatliche Vereeinigung).
      (Die Wiedervereinigung ist meines Erachtens noch so gut wie gar nicht aufgearbeitet; dazu trägt unter anderem die starke Fokussierung auf die Tage „9.November“ und „3.Oktober“ bei, während z.B. die Geschichte der Treuhandanstalt -zumindest im Westen- kaum bekannt ist. )
      Es gab sogar Stimmen, die ausdrücklich gegen eine Wiedervereinigung im Sinne eines einfachen Beitritts zur Bundesrepublik waren, unter den prominenten Unterzeichnern der Erkärung „Für unser Land“ waren immerhin Leute wie Christa Wolf oder Stefan Heym, die scharfe Kritiker der DDR waren. Dass diese Stimmen im heutigen (westlichen) Diskurs über die Wende einfach ignoriert werden, ist das nicht -scharf formuliert- Geschichtsklitterung, oder zumindest ein verzerrtes Bild der Geschichte?

      Insofern sollte man sich in meinen Augen auch vor der Gleichung „Mauerfall= Einheit“ in Acht nehmen, denn nicht alle DDR-Bürger, die gegen die Mauer waren, waren deswegen gleich für die deutsche Einheit. Das sind zwei Paar Schuhe. Ganz abgesehen davon, dass der 9.November auch historisch alles andere als unbelastet ist (Hitlerputsch 1923, Progrome 1938), finde ich es daher schon gut, dass dieser Tag nicht auch noch als „Tag der deutschen Einheit“ im Kalender steht.

      Die politischen Rahmenbedingungen, die die Einheit ermöglicht haben, lagen außerhalb Deutschlands, wie Sie ganz richtig schreiben: schwache Sowjetunion + Zustimmung der Westallierten + der Bedingung, dass das vergrößerte Deutschland sich institutionell in der europäischen Gemeinschaft verankert. Ohne diese Faktoren hätte es, selbst wenn man „nationale Einheit“ und nicht „Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen, individuellen Lebensbedingungen“ als Motiv der großen Demonstrationen annimmt, keine Einheit gegeben.

  10. Henk Muhammad Wilders said

    @ G.M.K.

    Meine simple Frage, warum die Begriffe “Volk“ und “Gemeinschaft“ im Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung von 1990 nur von “bösen und dummen Menschen“ verwendet werden, können (wollen) Sie mir offensichtlich nicht beantworten. Sitzt die rote Hasskappe zu fest?

    In Sachen “Vereinigungsmathematik“: Die schiere Flächenvergrößerung des Landes nach der Vereinigung (108.000+249.000=357.000 qkm) stimmt Sie nachdenklich, weil sich “Menschen darüber freuen können, dass ihr Land ein größerer Fleck ist als vor 24 Jahren“. Was für ein Argument. Kann es sein, dass sich viele auch über einen ungehinderten Reiseverkehr (weltweit) gefreut haben?

    Mir ist es egal, ob die “NIE WIEDER DEUTSCHLAND“-Aktion/Bewegung ihre Ursprünge auch vor dem Jahr 1990 gehabt haben könnte. Beim Lesen ihres Beitrags fielen mir spontan Gemeinsamkeiten auf.

    Um mit Frankreich und den USA in Sachen Feierbarkeit des Nationalfeiertags qualitativ gleichzuziehen, schlage ich daher vor, diesen Termin per grundgesetzlicher Abstimmung um zweihundert Jahre, auf das Jahr 2190 zu verschieben. Zwischenzeitlich könnten Überlegungen diskutiert werden, ob der 3.Oktober, der 17.Juni oder der 9. November adäquate Termine sein könnten. Dem 7. Oktober räume ich persönlich nur Außenseiterchancen ein. Im Übrigen wäre bei dieser Lösung der “Tag von Sedan“ zeitlich auch so weit weg, dass sein historischer Einfluss vernachlässigbar wäre.

    G.M.K., das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.

    • kib said

      Was soll denn bitte eine „rote Hasskappe“? Herr Wilders , ich weiß nicht wie oft Sie innerhalb Europas unterwegs sind- ein Kurzreise in die Schweiz, Niederlande oder sonst wo hin hilft Ihnen aber sicherlich zu verstehen, was GMK meint. Ich empfinde Ihr Urteil als viel zu streng…

    • G.M.K. said

      Henk Muhammad Wilders,

      bitte verschonen Sie mich mit Ihrer Freundschaft.

      Zu den Begriffen „Volk“ und „Gemeinschaft“, sowie denjenigen, die mit diesem Vokabular die Ereignisse von 1989/1990 beschreiben wollen.

      Nicht alle, die dies tun, sind tatsächlich „dumm“ und/oder „böse“. Eine solche Einschätzung würde vielen Menschen Unrecht tun, – dass aber gerade Sie sich darüber so aufregen, das ist schon keine schlechte Pointe, denn Ihren Beiträgen nach zu urteilen, würden gerade Sie durch eine solche Zuspitzung nicht zu Unrecht beleidigt. (Im Übrigen habe ich diese beiden Worte einem Gedicht von Erich Kästner entlehnt, „Kleines Marschliedchen“, 1933, dort heißt es: „Ihr liebt die Leute, die beim Töten sterben / Und Helden nennt er sie nach altem Brauch / Denn ihr seid dumm. Und böse seid ihr auch./ Wer dumm und böse ist, rennt ins Verderben.“)

      1.) „Volk“: Wenn Sie mir auch nur eine einzige brauchbare Definition des dieses Begriffes vorlegen können, ziehe ich meine Vorwürfe zurück. Ich meine: „Volk“ ist eine künstliche Kategorie, keine ’natürliche Einheit‘. Ein Volk kann überhaupt nicht einig sein. Wieviel der von Ihnen angesprochenen 80 Millionen Deutsche kennen Sie persönlich? Fühlen Sie sich allen achtzig Millionen gleichermaßen verbunden? Was ist mit den „Roten“? Sind das noch Deutsche, auch wenn sie eine andere politische Meinung verteten als Sie? Ist die Zugehörigkeit zum deutschen Volk also eine Frage der politischen Gesinnung? Und steht es wirklich Ihnen an, diese Einordnung vorzunehmen? Wie unterscheiden Sie übrigens „Volk“ und „Bevölkerung“ – und mit welchem Recht? Ist der deutsch, der deutsche Vorfahren hat? Ist Volkszugehörigkeit also vererbbar? Oder derjenige, der hier lebt und arbeitet? Was ist mit denen, die hier leben, aber nicht arbeiten dürfen (Asygesetzgebung). Gehören die für sie nicht „dazu“? Falls nein, warum nicht? Oder ist es eine kulturelle Frage? Wird jeder Mensch, der z.B. deutsche Lieder mag (z.B. von den international sehr erfolgreichen Künstlern wie Rammstein, Nena oder Tokio Hotel) dann automatisch Deutscher?

      2.) Wir leben in einer Gesellschaft, nicht in einer „Gemeinschaft“. Eine Gemeinschaft kann unmöglich mehere Millionen Menschen umfassen. Das geht nur, wenn man dieser großen Menschengruppe die Pluralität ihrer Interessen abspricht. Pluralität, der offene und öffentliche Wettstreit der Ideen ist aber die Grundlage welches politischen Systems? Der Demokratie! Warum soll man das übertünchen?
      Zu einer Demokratie gehört ebenso ein Konsens, über den sich alle Kontrahenten einig sein, das wäre in unserem Falle das Grundgesetz, insbesondere die ersten zwanzig Artikel. Daraus aber den Begriff einer „Gemeinschaft“ ableiten zu wollen, halte ich für wenig glaubwürdig.

      Man muss es sich klarmachen: Sie bestehen einerseits auf den Begriffen „Gemeinschaft“ und „Volk“; und im gleichen Atemzug beschimpfen Sie mich, der ich doch in Ihren Augen Ihr unverletzlicher Volksgenosse sein müsste, als Narren. Sagt das nun mehr über Sie, oder über Ihr Weltbild aus?

  11. G.M.K. said

    Ich korrigiere mich. Sie haben mir ja keine Narrenkappe, sondern eine „Hasskappe“ aufgesetzt. Diesen Terminus kannte ich noch nicht und habe ihn deshalb unbewusst in einen mir geläufigen Ausdruck überführt. Bitte entschuldigen Sie die Unaufmerksamkeit.

    Bestechend übrigens auch hr Argument, dass weltweite Reisefreiheit unbedingt staatliche Einheit erfordert….

  12. Henk Muhammad Wilders said

    @ G.M.K.

    Auf zweimalige Nachfrage nunmehr also doch Entwarnung ihrerseits für das einfache Volk. Die Begriffe “Volk“ und “Gemeinschaft“ sind also doch nicht per se “böse und dumm“. Auch dann nicht, wenn sie im Kontext einer kritischen Nationalfeiertagsdiskussion verwendet werden. Das ist doch schon mal was.

    Ich persönlich stehe allerdings weiterhin unter Verdacht, zu den Bösen und Dummen zu gehören, weil Sie von mir wissen, wie ich das meinen würde, wenn ich diese Begriffe benutzen würde. Hab´ ich aber gar nicht, sondern nur Sie gefragt, wie Sie zu diesem Urteil kommen.

    Dass Reisefreiheit auch unbedingt staatliche Einheit erfordert, habe ich nicht geschrieben. Andererseits ist mir allerdings auch nicht bekannt, dass zu Lebzeiten der DDR, ein x-beliebiger Einwohner von Karl-Marx-Stadt eine Reise nach Paris unternehmen konnte.

    • kib said

      Herr Wilders, ich finde es überaus schade, dass Sie die wunderbar lesenswerten Beiträge von GMK dermaßen sezieren. Ich kenne Ihr Alter nicht, denke aber, dass wir zwei an der Lebenserfahrung von Herrn Sänger und GMK durchaus partizipieren sollten. Ich kann das gut ertragen (hoffe aber hinsichtlich des Alters niemandem auf den Schlips getreten zu sein).
      Ich empfände es für sehr schade, wenn GMK sich hier zurückzöge.

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