17. Juni 1953

17. Juni 2013

Fliegen

17. Juni 2013

„In einigen Städten nehmen die Entscheidungsträger ihre kulturelle, soziale und ästhetische Verantwortung gegenüber der Stadt und ihren Menschen sehr gewissenhaft wahr. Sie haben erkannt, dass mit Städtebau und Architektur langfristig über die Zukunft der Stadt entschieden wird und die Architektur ein weit wirksames Aushängeschild sein kann.“ (Zvonko Turkali)

In diesen Tagen will ich ein wenig über Architektur und Lingen schreiben. Der Anlass: Am Dienstag in einer Woche wählt der Rat unseren neuen Stadtbaurat, der in gut 100 Tagen sein Amt antreten soll. Dabei werden die Lingener Ratsmitglieder dem Vorschlag von Oberbürgermeister Dieter Krone für den neuen Stadtbaurat mit außerordentlich großer Mehrheit, vielleicht so gar einstimmig zustimmen. [Übrigens: Damit deutlich wird, wie ehrlich die Zustimmung jenseits von Fraktionszwängen ist, werde ich eine geheime Wahl beantragen.]

Was mich besonders freut: Es wird -ausgewählt aus 15 Bewerbungen- ein Architekt sein (Foto), nicht wieder ein Stadtplaner. Im Vorfeld habe ich es so ausgedrückt: Ein Stadtplaner – seit 2000 hatten wir zwei als Stadtbaurat – sieht Städte sozusagen von oben, aus der Vogelperspektive, doch ein Architekt erlebt die Stadt aus der Perspektive der Menschen, die in ihr leben. Oder anders: Können Sie etwa über unsere Stadt fliegen? Ein Architekt ist also die richtige Wahl.

StadtbauratEin „wohl bestelltes Feld“ wird unser neuer Lingener Stadtbaurat leider nicht vorfinden. Der Neue wird also ungewöhnlich viel Arbeit haben. Denn die Architektur in Lingen hat seit dem Weggang von Stadtbaurat Nikolaus Neumann keine gute Entwicklung genommen. Sünden allerorten. Wer heute unsere Stadt erlebt, sieht eine von Werbung, Tand und nicht überzeugender, beliebiger Architektur immer mehr geprägte und dabei in der Innenstadt stetig strukturschwächere Stadt. Eine wesentliche Ursache ist die achselzuckende Sicht des noch amtierenden Stadtbaurats: „So baut man heute!“. Er ließ zu, er gestaltete nicht. Bequem statt mit Herzblut.

Angesichts des Berges an Arbeit kann Hilfe für den Neuen gut sein:
Vor gut 18 Monaten habe ich für meine Fraktion „Die BürgerNahen“ vorgeschlagen, in Lingen einen Gestaltungsbeirat zu schaffen. Der Kaufmann Jochen Brackmann hatte mich bei einem Gespräch über Gestaltungsbeiräte ermuntert, hier aktiv zu werden; auch ihn trieb die negative Entwicklung des Stadtzentrums um. Kluge Städte haben längst einen solchen Gestaltungsbeirat, in dem die Kommunalpolitik zuhören und lernen darf. Dutzende deutscher Städte verfügen ein solches Fachgremium. Es begutachtet Vorhaben von städtebaulicher Bedeutung und formuliert dazu Empfehlungen; die übrigens betreffen nicht nur gestalterische Gesichtspunkte, sondern berücksichtigen gleichzeitig wirtschaftliche Interessen, ökologische Kriterien und den städtebaulichen Zusammenhang für das geplante Gebäude. Die Erfolge von Gestaltungsbeiräten sind beeindruckend.

Bei uns schaffte es der Brackmann-Koop-Vorschlag sogar in die Klausurtagung der CDU-Ratsmehrheit, wo er sich aber nicht durchsetzen konnte – trotz des Einsatzes des eigens hinzugezogenen ehem. Stadtbaurats Christian Schowe (Münster). Hinterher erfuhr ich eine sehr überraschende Begründung: Lingen sei zu klein für einen Gestaltungsbeirat, befand die Bedenken tragende CDU. Doch wie passt es, wenn selbst Ahaus, Arnstadt oder Ahlen einen Gestaltungsbeirat haben? Also sollte die CDU mehr Mut haben. Unser neuer Mann braucht nämlich viel Unterstützung bei seiner Arbeit. Ein Gestaltungsbeirat kann durch mehr Kommunikation eine „bessere Alltagsarchitektur“ (BDA) in Lingen schaffen. Ich finde, das wäre es doch wert.