RamizTulji2[Dieser Beitrag heute geht mir nahe. Aber er muss -zumal in Wahlkampfzeiten- geschrieben werden, gerade deshalb. Er handelt davon, wie Menschen in Behörden mit Menschen außerhalb von Behörden umgehen und warum Schreckliches passiert, wenn man Bürokraten machen lässt und es dafür Vorgaben aus Ministerien gibt.]

Vor einem Monat hat sich in Papenburg Ramiz Tulji, der sich selbst bisweilen und gern tul gee nannte, das Leben genommen. Besonders  furchtbar. Er erhängte sich auf einem Spielplatz seiner Heimatstadt. Ramiz wurde 22 Jahre alt.

Aufmerksam auf ihn und sein Schicksal wurde ich am Dienstag durch einen Anruf und dann seine Facebook-Gedenkseite. Der schreckliche Tod hat, sagte mir meine Gesprächspartnerin am Telefon, mit seinem Status zu tun. Status – so bezeichnet man es, weshalb ein Mensch ohne deutschen Pass hierzulande bleiben kann oder gehen muss. Ramiz hatte keinen deutschen Pass. Er sollte gehen, womöglich wegen irgendwelcher Jugendverfehlungen. Die Verantwortlichen des Landkreises Emsland wollten ihn abschieben.  Obwohl er hier aufgewachsen und somit eigentlich Deutscher war – wenn auch eben ohne Pass. Da hat sich ein verzweifelter Ramiz Tulji dann das Leben genommen.

Gestern Abend habe ich nach Spuren von Ramiz Tulji gesucht. Er war sehr kreativ,  der junge Mann, habe ich herausgefunden, und er hatte mit anderen zusammen als GagGang („German! Action! Guy!“ ) einen eigenen Youtube-Kanal mit unglaublichen 3.858 Abonnenten und 432.766 Abrufen innerhalb von 11 Monaten; den GagGang-„Channel“ bei Youtube gibt es seit dem 22. Januar 2012. Man findet dort  so erfrischende Beiträge wie diesen:

Nur wenige Tage vor seinem Tod veröffentlichte Ramiz Tulji unter seinem Künstlernamen tul gee dieses letzte Video und einer seiner Freunde schrieb dann nach seinem Tod darunter:

„Ich kann das nicht glauben, tul gee war immer der geilste von der GagGang“

Ramiz Tulji war ohne Eltern in unserem Land aufgewachsen, in einem Heim, wie ich hörte. Aber er war jung, fröhlich und voller Kraft, bisweilen vielleicht auch ein wenig leichtsinnig. Dann aber traf er auf die deutsche Bürokraten und wusste schließlich keinen Ausweg mehr. In der Lokalzeitung stand tags darauf diese Meldung:

Ein 22-jähriger Mann hat sich am Donnerstagmorgen auf einem Spielplatz in der Papenburger Dietrich-von-Velen-Straße das Leben genommen. Das bestätigte die Polizei auf Nachfrage unserer Zeitung. Passanten hatten den jungen Mann tot aufgefunden. Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei sei Fremdverschulden als Todesursache auszuschließen, erklärte Polizeisprecher Achim van Remmerden.

Muss man nicht Zweifel an den Polizeiworten haben, dass jedes „Fremdverschulden als Todesursache auszuschließen ist“ in unserem Land, in dem beispielsweise selbst kleinste urheberrechtliche Fahrlässigkeiten mit großer perfektionistischer Wucht geahndet werden? Folgerichtig begann in der Online-Ausgabe der „Emszeitung“ eine teilweise wütende, erschütternde Diskussion, bis die „NOZ-Zentrale“  verkündete:

Liebe Kommentatoren,

wir haben uns entschlossen, die Kommentarfunktion unter diesem Artikel nachträglich zu schließen und alle bisher veröffentlichten Kommentare zu löschen. Bei diesem sensiblen Thema wollen wir vermeiden, dass Angehörige und Bekannte des Toten durch unangemessene, bewertende oder abschweifende Kommentare vor den Kopf gestoßen werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre noz.de-Redaktion, Meike Baars“

TuljiIch glaube nicht, dass die Angehörigen das Problem gewesen sind. Denn vor seinem Tod hat Ramiz Tulji diese letzten Zeilen geschrieben und er bat darin, sie  auf seiner Facebook-Seite zu veröffentlichen. Ramiz schrieb:

„Unser Leben ist sicher nicht gerecht. Menschen, die reich geboren werden, hätten es verdient, arm zu sein. Menschen, die arm geboren werden, hätten es verdient, reich zu sein.

Die Polizei ist ein Haufen Idioten, von denen nicht einer als Freund oder Helfer durchgeht. Falls ihr anderer Meinung seid, so erinnert euch an an eine Situation, in der ihr so empfunden habt.

Ich gebe niemanden die Schuld an meiner Entscheidung. Wieso sind wir nicht alle Menschen? Wieso teilen wir uns auf, grenzen uns ab. Egal ob im Großen z.B. mit Nationalitäten und der Hautfarbe oder im Kleinen, wo man den Nachbarort nicht leiden kann.

[Was] unterscheidet uns? Weil ich nicht die gleichen Rechte [habe] wie ein Mensch mit deutschem Pass? Was unterscheidet uns?‘ Weil ich nicht aus einer deutschen [Familie] komme? Das berechtigt die Welt, mich einzuschränken? Wieso gebt ihr meinen Brüdern nicht eine bessere Chance? „Liebe“ Ausländerbehörde oder, um einen direkt anzusprechen, Herr Markus.

Ich glaube nicht an was Göttliches. Das ist eine Erfindung der Menschen, um den Tod einen Sinn zu geben nicht dem Leben. Was erwartet ihr als das Leben. Man kann alles machen, was man will. Doch dann würde unsere Konsumgesellschaft nicht funktionieren. Wenn jeder Mensch das tun würde, was er will, würde das System zusammenbrechen.

Falls ich tot bin, dann nur weil alleine die Willenskraft ausgereicht hat, dass ich nicht mehr atme.

Zxxx, ich bitte dich darum, falls ich tot sein sollte, diesen Text zu kopieren und in meinem Facebook zu posten. Ich hatte vor, alle Namen der Personen aufzulisten, die mir wichtig sind, doch [ich] musste anfangen zu weinen. Nehmt es mir nicht übel.

Falls ich tot bin, Zxxx, nimm meine Bankkarte und heb‘ 300 Euro ab. Wie die Welt so ist, wirst du sicher die Beerdigung zahlen müssen. Alles was ich in dieser Wohnung habe, soll dir gehören. Ich hoffe, Melissa kümmert sich um dich – oh Mann. Es tut mir leid, ich bin am Weinen, wenn ich denke, dass ich dich zurücklasse mit all deinen Problemen. Wenn du mich tot siehst, glaub nicht, dass ich im Himmel bin oder so ein Schwachsinn. Ich bin in deinem Herzen. Ich hab all meine Passwörter für GAG etc. gespeichert. Falls ihr weitermachen wollt.

An alle Religionen sag ich nur noch: Ihr seid der größte Scheiß. Alle Bonzen: Ihr seid scheiße. Alle die Geld haben, aber niemanden helfen außer sich und ihrer Familie: Ihr seid scheiße.

An die Polizei, alle laufenden Verfahren gegen mich – ja sprecht mich ruhig schuldig, aber verpisst euch, meinen Bruder da reinzuziehen….“

RamizTulji3Der Abschiedsbrief macht betroffen. Als die beiden Brüder von Ramiz und Freundin Melissa ihn veröffentlichten,  begann binnen Minuten auf der Facebook-Gedenkseite eine Diskussion, die ich gern nachgelesen hätte. Doch seine Brüder und Melissa haben es dann wohl nicht ausgehalten, die Beiträge zu lesen, die da über Ramiz standen und schließlich alles gelöscht. Wie die Emszeitung.

Mich treibt einmal mehr diese Frage um:

Was ist das für ein Land, was sind das für Behörden und Beamte, was für Menschen, die einen 22-jährigen so traktieren, dass er keinen anderen Ausweg mehr weiß, als sich selbst zu töten? Nur weil er keinen deutschen Pass hat.

Es wird Zeit, dass sich etwas ändert hierzulande.

(Fotos: © privat)