Epidemie

30. September 2012

Die Epidemie breitet sich bisher immer noch weiter aus. Tausende Kindergartenkinder und Schüler in den ostdeutschen Bundesländern leiden an Brechdurchfall. Die Suche nach der Ursache für die Magen-Darm-Erkrankung hat zwar noch kein endgültiges Ergebnis gebracht. Aber die Medien berichten, dass   sächsische und thüringische Untersuchungsergebnisse  auf Noroviren als Auslöser  hinweisen.

Die letzten Zahlen sprechen von 8.365 erkrankten Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland. Experten des Robert-Koch-Instituts sprechen längst von dem „mit Abstand größten bekannten lebensmittelbedingten Ausbruch in Deutschland“. Es hilft nicht wirklich, dass die Fachleute inzwischen deshalb auf ein Abklingen der „akuten Gastroenteritis“ (medizinischer Fachbegriff) hoffen, weil es in Brandenburg und Berlin jetzt Herbstferien gibt.

Wenden wir uns vielmehr der Frage zu, wie eine solche Erkrankungswelle möglich ist, die es bisher nicht gab. Was sind die über die verdorbenen Lebensmittel hinausgehenden Ursachen, was also sind die „Strukturen“ und sind die verantwortlich?

Ins Visier geraten ist die Firma Sodexo. U.a. in Berlin werden weiterhin Proben aus dem Unterehmen ausgewertet, da alle in der Hauptstadt betroffenen Kitas und Schulen von dieser Firma beliefert worden sind.  Laborergebnisse werden erst am Montag erwartet. Sodexo winkt aber schon ab. „Weniger als fünf Prozent der insgesamt von uns belieferten Schulen sind von den Erkrankungen betroffen“, sagt der Unternehmenssprecher Stephan Dürholt. Aber er räumt auch ein: „Der Grund dafür, dass fast alle Kinder Essen aus unseren Küchen gegessen haben, ist einfach, dass wir gerade in Deutschland sehr viele Schulen beliefern.“ (Quelle) Der Firmensitz des Unternehmens ist im hessischen Rüsselsheim. Es hat die Aufträge nach zum Teil europaweiten Ausschreibungen erhalten. Es liefert bundesweit und dies besonders preiswert.

Der Tagesspiegel berichtet, was „Rolf Hoppe vom Verband der Schulcaterer“ dazu meint: „Wenn Sparzwang herrsche, sparten einige in der Branche womöglich auch an Sicherheit und Hygiene.“ Abgeordnete der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus kritisierten  fehlende Vorgaben bei Preisen und Kontrolle der Lieferfirmen. „Mit dem Betrag von 1,97 Euro pro Mahlzeit könnten viele Firmen kein hochwertiges Essen liefern.“ –

Sie lesen richtig. Keine zwei Euro für eine Schulspeisung. Das hat Knastniveau. Niemand kann dafür gesundes Essen auf den Tisch bringen. „Schweinemast“ ist teurer. Aber wenn man unsere Kinder 8 Stunden in die Schule oder die Kita schickt,  muss es „gesunde Ernährung“ geben. Sternekoch Josef Lafer zeigt in einem Versuch in Bad Kreuznachwie es gehen könnte. Frisch und gesund ist das.

Unsere  erst an ökonomischen Kriterien ausgerichtete  „Kinderspeisung“ hingegen hat erst einmal billig zu sein.  Und bequem. Für die Ämter ist die Sache einfach: Bundesweite Großbetriebe stellen nach europaweiten Ausschreibungen das billige Mittagessen den Schulen auf den Tisch. Und es ist, wie der Osten zeigt, für Abertausende gefährlich, weil Noro, Salmonelle und Co weder so weit verbreitet werden und so prächtig gedeihen. Ein Kommentator in der ZEIT schreibt:  „Natürlich ist es strunzdumm, sauriergleiche und nicht überlebensfähige Strukturen mit wichtigen Anliegen zu betrauen.“ Er meint die dafür Verantwortlichen und hat recht. Denn große Strukturen und Einheiten haben noch nirgendwo Probleme wirklich gelöst.  Sie machen nur welche.

Wird statt dessen dezentral gekocht, also in den Schulen, dann ist dies immer vielfältiger, gesünder und gesundheitlich nicht so gefährlich wie das, was zur Zeit geschieht. Dass es auch teurer wird, ist zweitrangig.  Wir müssen unser System der Schulspeisung schnell ändern.

(Danke an Petra Franz für das Gespräch gestern über das Thema! Foto: (c) wikipedia)

7 Antworten to “Epidemie”

  1. Joachim said

    Zu dem folgenden Teil des Berichtes:
    „Sie lesen richtig. Keine zwei Euro für eine Schulspeisung. Das hat Knastniveau. Niemand kann dafür gesundes Essen auf den Tisch bringen. “Schweinemast” ist teurer.“
    kann ich nur feststellen, dass in den Vollzugsanstalten zu etwa gleichen Preisen gekocht wird. Das Essen dort ist in Ordnung und wird regelmäßig, auch medizinisch überwacht. Also Dein Begriff „Knastniveau“ ist eher ein Gütesiegel. Das Essen in der JVA ist gesund und sollte nicht mit Schweinemast verglichen werden. Robert lass Dir bei Deinem nächsten Besuch in der JVA einmal das Leitbild aushändigen. Daraus ergibt sich einiges.

    • Ach Joachim, sprich einfach mit den Leuten, die Nahrung in der JVA aufnehmen müssen. Sie teilen nicht Deine Meinung. Allerdings wird das Essen in der jeweiligen JVA -also nicht zentral- zubereitet. Insoweit unterscheidet es sich von dem kritisierten Cateringessen.

      • Joachim said

        Die Rückmeldungen, die ich zu unserem Essen erhalte, bestätigen die hohe Qualität. Ich nehme selbst regelmäßig am gemeinsamen Essen mit den Leuten teil und kann es beurteilen.

        • Tiger, T. said

          Lieber Herr Joachim,

          Ihre Empörung über den Begriff „Knastniveau“ in allen Ehren, aber Sie verwechseln hier Äpfel mit Birnen!

          In Schulen, auch im Emsland, kommt das Essen von Caterern und in Gefängnissen kocht meines Wissens öffentlich-rechtlich angestelltes Personal!
          Das ist doch eine völlig andere Kostensituation (Personal, Transport, Pacht, Gewinn, Konkurrenz, …) als bei einem Caterer!

          Ich habe jetzt keine Zeit mehr: Vielleicht morgen noch einmal zu diesem traurig-spannenden Thema „Essen in unseren Schulen“.

          Nichts für ungut und weiterhin guten Appetit!

          • ulrike said

            Leute , um mal wieder was Sprödes beizutragen:

            die dezentralste, vielfältigste und gesündeste Nahrungszubereitung könnte am häuslichen Herd stattfinden.

            Nur die Verhältnisse , die sind nicht so.

            Der Fortschritt verlangt eben so seine Opfer ….. .

  2. Job said

    @Ulrike
    Ach was!

    • ulrike said

      Ich las vor knapp einem Jahr von dem geplanten Schulessen-Projekt des Herrn Lafer in der Presse. In dem Artikel,auf den Herr Koop hinweist, wird leider nicht erwähnt , daß Lafer in mindestens den ersten drei Jahren mit Verlusten rechnet , also nicht kostendeckend arbeiten kann.

      Es besteht wohl Übereinstimmung in der Annahme, daß in kleinen Schulen eine dezentrale Essenzubereitung sich kaum lohnt. Denken wir also an Schulzentren wie z.B. das Georgianum oder Franziskus.

      Was braucht man für eine Großküche?

      Wir werden bei den Schülerzahlen mit angeforderten Mittagessen in der Größenordnung von 600 -700 Portionen pro Essensausgabe planen müssen.
      Eine Großküche , die das bewältigen kann , wird in der Einrichtung ( Geräte, Schränke,Kochgeschirre usw in etwa 200.00 EURO im günstigsten Fall kosten. Eher mehr.

      Zuvor sind die baulichen Gegebenheiten zu klären. Vermutlich ein NEUBAU :sämtliche Versorgungsleitungen neu zu legen usw. usw.
      Die eigentliche Küche zum Arbeiten benötigt noch Nebenräume, einen großen Kühlraum und ungekühlten Lagerraum.

      Und jetzt kommen wir zum PERSONAL :Natürlich brauchen wir einen ausgebildeten Koch als Leiter und ein oder zwei Sub – Köche.Zusätzlich schätzungsweise 10 Mann – Frau HILFSPERSONAL zum Vorbereiten und Zuarbeiten.Dazu noch Personal zur Essensausgabe .Schon diese Personalkosten sind erklecklich .Kostenblock monatlich etwa 30.000 Euro zuzüglich Sozialabgaben.

      Das Kochen kann aber nicht erfolgen, ohne daß ein Leiter des Einkaufs die Angebote reinholt , vergleicht und die erforderlichen Mengen berechnet und bestellt. Halt, der Mann braucht ein ausgestattetes Büro und eine Sekretärin für den Telefondienst. Schön wäre auch ein eigener Bulli und ein Fahrer, der Sonderaufgaben und Besorgungen erledigen kann.

      Das sind ganz grob und sicher unvollständig die Kosten , von denen Herr Koop spricht und an denen eine dezentrale Essensausgabe nicht scheitern dürfe.

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