Soul Kitchen

30. September 2012

Soul Kitchen im Centralkino, Lingen (Ems)
am 5. und 6. Oktober
in Zusammenarbeit mit den Lingener Kult-Kneipen Litfass und Koschinski

 

Epidemie

30. September 2012

Die Epidemie breitet sich bisher immer noch weiter aus. Tausende Kindergartenkinder und Schüler in den ostdeutschen Bundesländern leiden an Brechdurchfall. Die Suche nach der Ursache für die Magen-Darm-Erkrankung hat zwar noch kein endgültiges Ergebnis gebracht. Aber die Medien berichten, dass   sächsische und thüringische Untersuchungsergebnisse  auf Noroviren als Auslöser  hinweisen.

Die letzten Zahlen sprechen von 8.365 erkrankten Kindern und Jugendlichen in Ostdeutschland. Experten des Robert-Koch-Instituts sprechen längst von dem „mit Abstand größten bekannten lebensmittelbedingten Ausbruch in Deutschland“. Es hilft nicht wirklich, dass die Fachleute inzwischen deshalb auf ein Abklingen der „akuten Gastroenteritis“ (medizinischer Fachbegriff) hoffen, weil es in Brandenburg und Berlin jetzt Herbstferien gibt.

Wenden wir uns vielmehr der Frage zu, wie eine solche Erkrankungswelle möglich ist, die es bisher nicht gab. Was sind die über die verdorbenen Lebensmittel hinausgehenden Ursachen, was also sind die „Strukturen“ und sind die verantwortlich?

Ins Visier geraten ist die Firma Sodexo. U.a. in Berlin werden weiterhin Proben aus dem Unterehmen ausgewertet, da alle in der Hauptstadt betroffenen Kitas und Schulen von dieser Firma beliefert worden sind.  Laborergebnisse werden erst am Montag erwartet. Sodexo winkt aber schon ab. „Weniger als fünf Prozent der insgesamt von uns belieferten Schulen sind von den Erkrankungen betroffen“, sagt der Unternehmenssprecher Stephan Dürholt. Aber er räumt auch ein: „Der Grund dafür, dass fast alle Kinder Essen aus unseren Küchen gegessen haben, ist einfach, dass wir gerade in Deutschland sehr viele Schulen beliefern.“ (Quelle) Der Firmensitz des Unternehmens ist im hessischen Rüsselsheim. Es hat die Aufträge nach zum Teil europaweiten Ausschreibungen erhalten. Es liefert bundesweit und dies besonders preiswert.

Der Tagesspiegel berichtet, was „Rolf Hoppe vom Verband der Schulcaterer“ dazu meint: „Wenn Sparzwang herrsche, sparten einige in der Branche womöglich auch an Sicherheit und Hygiene.“ Abgeordnete der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus kritisierten  fehlende Vorgaben bei Preisen und Kontrolle der Lieferfirmen. „Mit dem Betrag von 1,97 Euro pro Mahlzeit könnten viele Firmen kein hochwertiges Essen liefern.“ –

Sie lesen richtig. Keine zwei Euro für eine Schulspeisung. Das hat Knastniveau. Niemand kann dafür gesundes Essen auf den Tisch bringen. „Schweinemast“ ist teurer. Aber wenn man unsere Kinder 8 Stunden in die Schule oder die Kita schickt,  muss es „gesunde Ernährung“ geben. Sternekoch Josef Lafer zeigt in einem Versuch in Bad Kreuznachwie es gehen könnte. Frisch und gesund ist das.

Unsere  erst an ökonomischen Kriterien ausgerichtete  „Kinderspeisung“ hingegen hat erst einmal billig zu sein.  Und bequem. Für die Ämter ist die Sache einfach: Bundesweite Großbetriebe stellen nach europaweiten Ausschreibungen das billige Mittagessen den Schulen auf den Tisch. Und es ist, wie der Osten zeigt, für Abertausende gefährlich, weil Noro, Salmonelle und Co weder so weit verbreitet werden und so prächtig gedeihen. Ein Kommentator in der ZEIT schreibt:  „Natürlich ist es strunzdumm, sauriergleiche und nicht überlebensfähige Strukturen mit wichtigen Anliegen zu betrauen.“ Er meint die dafür Verantwortlichen und hat recht. Denn große Strukturen und Einheiten haben noch nirgendwo Probleme wirklich gelöst.  Sie machen nur welche.

Wird statt dessen dezentral gekocht, also in den Schulen, dann ist dies immer vielfältiger, gesünder und gesundheitlich nicht so gefährlich wie das, was zur Zeit geschieht. Dass es auch teurer wird, ist zweitrangig.  Wir müssen unser System der Schulspeisung schnell ändern.

(Danke an Petra Franz für das Gespräch gestern über das Thema! Foto: (c) wikipedia)

Kindstötung

30. September 2012

Im nordfriesischen Husum  hat eine Frau ihre fünf Kinder getötet – jeweils direkt nach der Geburt. Im westfriesischen Leeuwaarden steht eine Frau vor Gericht, der Ähnliches vorgeworfen wird. Sietske H. aus Nij Beets, einige Dutzend Kilometer von unserer Region entfernt. Vier Kinder. Geboren, getötet, in Koffern im Dach versteckt.

Erst bekam die Westfriesin zwölf Jahre Gefängnis. In der Berufung fordert die Staatsanwaltschaft nun vier Jahre plus TBS, also Behandlung im niederländischen Maßregelvollzug. Erst hatte die Angeklagte zuvor eine Untersuchung verweigert, daher die zunächst hohe Gefängnis-Strafe. Dann machte sie doch noch mit. Laut Medienberichten wird ihr Verstand einer Zehnjaehrigen bescheinigt. Sie habe Polymicrogyrie. Eine Fehlfunktion des menschlichen Gehirns (Foto).

Mich erinnern diese Schicksale an eine Strafsache, in der ich vor Jahren eine junge Frau verteidigte, der die Tötung ihres Neugeborenen vorgeworfen wurde. Sie war mit einem IQ von 50 schwachsinnig. Die Staatsanwaltschaft wollte deshalb die Angeschuldigte dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus sehen. Der aus diesem Grund hinzugezogene Sachverständige aber hatte schon froh signalisiert, sie sei nicht gefährlich, weil sie inzwischen erkannt habe, was geschehen sei, und man könne der Frau wegen ihres Schwachsinns auch keinen strafrechtlichen Vorwurf machen. Sie sei bei der Tat nicht schuldfähig gewesen.  Der Vorsitzende der Strafkammer fragte den Sachverständige damals, ob die Angeschuldigten nicht doch verantwortlich sei. Mit Blick auf den IQ  antwortete der erfahrene Mann mit der Gegenfrage: „Würden Sie eine Zehnjährige ins Gefängnis stecken?“

(Quelle, Foto: Polymicrogyrie, © wikipedia.de)