Student Agency

18. September 2012

Bei uns weitgehend unbeachtet hat der tschechische Unternehmer  Radim Jančura (Foto re.)  im seinem Heimatland eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte geschrieben. In der 1990er Jahren hatte Jančura in Großbritannien gearbeitet, um sich das Geld für sein Studium zu verdienen, und traf dort auf viele junge Landsleute;  eine ganze Generation schien auf Reisen zu sein. Nach seiner Rückkehr in die Heimat gründete Jančura eine Vermittlung für Au-pairs, die er Student Agency nannte. Innerhalb von drei Jahren war es die größte Vermittlungsfirma weit und breit. Jančura kaufte einen alten Bus, um auch den Transport der Studenten nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland mit anzubieten und verkaufte im Internet billige Flug-Tickets.

Der Eisenbahn Konkurrenz zu machen, daran dachte er erst später, als -wie das deutsche Magazin brandeins  weiß-, Jančura „der Kragen platzte:

Seine Student Agency hat ihr Hauptquartier im mährischen Brünn, der zweitgrößten Stadt Tschechiens. Von dort sind es 209 Kilometer nach Prag, und wenn Jančura in der Hauptstadt zu tun hatte und die Bahn nahm, kam er jedes Mal entnervt an. Es fuhren uralte Züge ohne Klimaanlage, die an manchen Bahnhöfen einfach mal eine Viertelstunde anhielten. Jančura dachte an seine Au-pair-Bus-Verbindung von Prag nach London – und nahm sich vor, es besser zu machen als die Bahn. Im Jahr 2004 orderte er acht moderne Busse, um einen Linienverkehr zwischen Prag und Brünn aufzubauen. Mehr als 300000 Euro kostet ein einziger von ihnen. Für eine Fahrkarte verlangte Radim Jancura als Einführungspreis umgerechnet zwei Euro.

Die Passagiere sollen sich so fühlen wie im Flugzeug: Stewardessen verteilten Getränke und Zeitungen sowie Kopfhörer für das Bordprogramm mit Hollywood-Filmen. Das Timing ist perfekt: Wenn gerade der Abspann kommt, rollt der Bus am Ziel ein.“

Stimmt! Noch heute freue ich mich, dass ich zufällig im Juni die ganze brandeins-Reportage gelesen habe; denn im Sommer bin ich von Liberec nach Prag gefahren. In einem dieser sauberen, modernen, schnellen, gelben, pünktlichen Busse, mit bequemen Sitzen (Foto unten) Stewardess , Kaffee und Hollywoodfilm. Die Fahrt war ausgesprochen preiswert und ein Genuss. Am Endpunkt der Fahrt in Prag-Cerny Most waren es 10 Meter bis in die bereit stehende U-Bahn.  Kurz gesagt war es das genaue Gegenteil dessen, was der öffentliche Busverkehr hierzulande zustande bringt.

Ich musste an diese Busfahrt in Tschechien denken, als die Medien jetzt berichteten, dass in Deutschland ein 75 Jahre altes Monopol zu Ende geht. Es hatte der Bahn bisher die Konkurrenz auf der Straße vom Halse gehalten. Künftig sollen also zwischen deutschen Städten auch Fernbusse fahren – als Alternative zur Bahn. Die schwarz-gelbe Koalition und die rot-grüne Opposition haben sich nach monatelangen Verhandlungen auf die Einführung eines umfassenden Fernbus-Systems geeinigt.

Zum Schutz des von den Bundesländern mitbezahlten regionalen Zugverkehrs haben die Politiker  vereinbart, dass Fahrtstrecken unter 50 Kilometern Länge und mit weniger als einer Stunde Reisezeit nicht angeboten werden dürfen. Auf Drängen der Grünen und der SPD müssen die Busse bis Ende 2019 barrierefrei sein. Neue Fernbusse müssen auch ab 2016 mindestens zwei Plätze für Rollstuhlfahrer haben. Die von der SPD geforderte gesonderte Maut für Busse wird es nicht geben. Nach entsprechenden Beschlüssen in Bundestag und Bundesrat geht es wohl schon Anfang kommenden Jahres los.

Vielleicht wagt sich Radim Jančura ja über die Grenze und tritt jetzt auch hierzulande an. Die gelben Busse der teschechischen Student Agency sind jedenfalls für mich der Maßstab. Für unsere Region wünsche ich mir unabhängig davon Verbindungen von Lingen nach Oldenburg, Osnabrück, Bremen, Hamburg  – also überall dahin, wohin man  mit der Bahn erst mit ein- oder zweimaligem Umsteigen und entsprechenden Umwegen gelangt. Die BN wird sich sicherlich kümmern.

(Quelle brandeins, Morgenpost; Foto  Radim Jančura CC Josef Petrák; Busfoto: robertsblog )

12 Antworten to “Student Agency”

  1. Hendrik said

    Aber was hat das mit Lingen zu tun? Wie konnte man diese Information für einen direkt am Bahnhof gelegenen ZOB nutzen? Sollte man nicht vielmehr ersteinmal abwarten, bis Meppen oder Rheine einen „Fern-ZOB“ einrichten, um dann zu schauen, ob es noch einen zweiten davon geben könne?
    Da der neue ZOB aber ja so optimal über den ganzen 24 Std eines Tages genutzt wird, sind das doch sowieso nur Gedankenspielereien.

    Oder?

    • ulrike said

      Leute , das stell ich mir so toll vor. Wenn ich an die Autobahn Cloppenburg – Hamburg denke !

      Genau wie die A 2 eine einzige rollende Lagerhalle durch die unsägliche „just in time production “ .

      Dazu noch am besten stündlich Linienbusse , das wird ein wahres Fest .

      Unter dem Motto : den Verkehr von der Straße holen

      Und nicht zu vergessen : nur die neuesten Busse mit schicken Stewardessen und kostenlosen Getränken , Zeitschriften und Filmen. Für etwas mehr als Null Euro.

      Und sauber , das ist klar. ( Dafür muß ein Bus in Deutschland l e e r fahren . Wir haben ein Recht auf Vermüllung und Dreck , wie der Zustand von Kinos, öffentlichen Anlagen , Bahnhöfen , Nachtbussen usw. usw. zeigt.)

      Ich vermute , daß ein Bus für die von Herrn Koop gefordert Sauberkeit auf der Strecke bis HAMBURG viermal halten muß, um ihn zu säubern und den Müll zu entsorgen. Da wird das mit der Pünktlichkeit auch aus diesen Gründen, wenn man von den Staus absieht , schon diffiziel. So lange kann keine U- Bahn warten.

      Ich verkneife mir mal , von den KOSTEN für den Unternehmer zu reden , dann wird mein Beitrag hier zu
      lang.
      Das Geld kommt nicht aus der Wand ,auch wenn dort die Geldautomaten hängen.
      Wir bezahlen für alles. Nicht nur für Herrn Wulff.

      • küster said

        Ulrike, sie haben aber auch wirklich einen Charme!

      • Bernd Koop said

        Es gibt im Fernverkehr nicht nur Bus und Bahn. Lohnt es sich nicht – auch(!) unter ökologischen Gesichtspunkten – Verkehrsströme von Flugrouten auf den Boden zu verlagern?
        Und auch Mitfahrgelegenheiten sind via Pkw schon jetzt auf der Straße unterwegs. Ein System, welches sich – vorbei am Quasi-Monopol der DB – etabliert hat und schon jetzt, mit Meinbus.de, auch in Richtung Bus schwappt. Wieder vorbei an der schwerfälligen Deutsche Bahn.

        Und falls es denn dann doch keine Nachfrage geben sollte, sind die Disponenten jederzeit in der Lage, flexibel kleine Busse oder sogar Bullis einzusetzen. Wohingegen leere Züge die Umwelt und den unternehmerischen Geldbeutel gleichermaßen unnötig belasten.

        • ulrike said

          Mein Bus.de ist ein stinknormales Busunternehmen aus Andreasberg im Harz.
          Mindestanzahl der Reisenden 20 , zwei Wochen im Voraus buchen.
          Dann lieber aus patriotischen Gründen mit Meyering fahren .
          Und aus grünen Gründen mit der Bahn reisen .

          Europaweit bei uns Spitze.

          Und noch ein Zusatz für Herrn Küster :

          Die Mitarbeiter der Bahn werden ordentlich bezahlt .
          Im Gegensatz zu jenen , die bei Privatbahnen und manchen Busunternehmen arbeiten.

      • Benjamin said

        @ulrike

        Offensichtlich ist all das möglich. Hören sie auf sich wie ein antikapitalistischer Revolutzer zu benehmen und sehen sie das offensichtliche ein.

        …manmanman, bei man hen muss man echt selbst den Stock aus dem hintern ziehen -.-

  2. gib said

    Aha… ?! RK-Zitat: Aber, wenn „Radim Jančura (oder wer auch immer) sich über die Grenze wagt…“

    Eitel Sonnenschein? Eher wohl nicht , denn das wäre eine rein unternehmerische Entscheidung: Es gibt ja (Lohngefälle bekannt?) durchaus eine Begründung für die Reisefreudigkeit unserer östlicher gelegenen EU-Partner (Spargelstecher / Bauarbeiter aus Polen werden z.B. im Bulli angekarrt), deren Unternehmer nicht weniger dem Mart gehorchen als unsere… Also bitte: bei all der berechtigten Kritik zur „DEUTSCHEN EISENBAHN“, auch mal die Füße still halten! Meinetwegen kann die BN sich gern darum kümmern, sollte allerdings differenzieren, wer warum wohin fährt…: Denn e gibt schon einen Unterschied zwischen Kulturausflügen und Broterwerb….

    • Bernd Koop said

      Der Einsatz von (Fern)Bussen ist doch kein Zeichen von mehr oder weniger Wohlstand.

      • gib said

        Bernd, jetzt wird es wirklich bunt bzw. differenziert wird schon gar nicht mehr – auch bereits im Beitrag nicht.
        Ist ein Einsatz von (Fern) Bussen nun ein unternehmerischer Aspekt oder gar ein (u.a. Lokal-) politisches Thema?
        Im letzt genannten Fall würde ich Dich gern an die finanzielle Situation der öffentlichen Hand erinnern und empfehlen, dies nicht nur als politisches Thema zu betrachten. Allemal deshalb nicht, weil der Einsatz von Fernbussen innerhalb unserer Republik „Länderübergreifend“ geregelt ist…
        nach meinem Empfinden, kann die BN (oder sonst wer) sich gern mit dem Thema auseinander setzen: Ich halte es –nach wie vor- für ausgesprochen unsinnig!
        Gegen innovative tschechische Busunternehmen habe ich allerdings nichts…aber die brauchen weder uns noch die BN….. So einfach kann das Leben sein!

    • Benjamin said

      Tolles Kommentar. Ein bisschen Patriotismus mit ein wenig Fremdenfeindlichkeit.

      Offensichtlich ist der,etwas beschränkte, Kommentator nie mit solchen Bussen gefahren.
      Wenn sie in einem Student Agency Bus fahren möchte ich sie gerne bitten mir xen Spargelstecher zu zeigen. Damit werden sie große Probleme haben. Tatsächlich sind das zum größten Teil Studenten die sich andere Länder ansehen.
      Und wenn sie schon vom Lohngefälle reden:
      Soll doch Studentagency zu uns kommen und nur Tschechen anstellen. Fände ich sogar super! Haben sie mehr Arbeitsplätze und wir weniger ausgaben!

  3. gib said

    @ Bernd & Robert: Ich bin hier wahrlich nicht bei „wünsch Dir was“, denke aber, es ist tatsächlich angezeigt sich über bezahlbare Mietwohnungen in Lingen Gedanken zu machen. T. Pertz bzw. die NOZ hat bereits den Finger heftig in die Wunde gelegt.
    Für mich auffällig ist, dass „Volkes Stimme“ zufolge i.e.L. Studenten Schuld an der Misere sind, dass bezahlbarer Wohnraum kaum bis nicht mietbar ist.
    Das ist m.E. völliger Humbug, denn ggf. hat hier allenfalls die Stadt / der Rat gepennt: Lingen als FH-Standort soll & muss wachsen.
    Vielleicht wäre das ein lokalpolitisch eher gängiges Thema? Es würde allemal verhindern, dass spezifische Schichten der Gesellschaft (Harz V`ler, Studenten, Geringverdiener) benachteiligt werden….

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