London2012

10. August 2012

Journalist Jens Weinreich (Foto lks.) analysiert (mit Hilfe von Grit Hartmann und Barbara Klimke) in seinem Blog die deutsche Sportförderung und vergleicht sie mit der britischen.  Man liest Spannendes und findet bestätigt, dass Gold nicht wie Manna vom Himmel fällt. Doch eigentlich wusste man dies längst, um so seltsamer ist die staatliche Geheimniskrämerei:

„Wer noch einen Beleg braucht für die Intransparenz der deutschen Sportpolitik, sollte nicht aufgeregten Stimmen lauschen, sondern Dokumente lesen. Oder über die Grenzen blicken:

Im Vereinigten Königreich sind Angaben darüber, mit wie vielen Millionen olympische Sportverbände gefördert werden und wie viele Medaillen dafür geliefert werden sollen, einfach zu bekommen. Sie stehen in einer Broschüre von „UK Sports“, jener Organisation, die staatliche Zuschüsse und Gelder aus der Nationalen Lotterie bündelt und verteilt.

40 bis 70 Medaillen hatten sich die britischen Verbände für diese Sommerspiele als Ziel gestellt, bis Donnerstagmittag standen 48 auf der Habenseite. Derzeit kassiert man dafür rund 66 Millionen Euro jährlich – die Zukunft dieser Förderung ist allerdings ungewiss.

In Deutschland muss man nach derlei Daten lange suchen und bekommt sie dennoch nicht alle. Die Aufschlüsselung der direkten Zahlungen an Sommersportverbände gab es vor einem Jahr erstmals vom Bundesinnenministerium (BMI), versteckt in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Rund 33 Millionen Euro werden jährlich verteilt – hinzu kommen Gelder aus anderen Töpfen. Gegen die Veröffentlichung der Medaillenziele, die das BMI den Verbänden abverlangt, zieht das BMI nun vor das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Vor zwei Wochen hatte das Verwaltungsgericht Berlin dem Ministerium und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aufgetragen, die Daten und die Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden unverzüglich zu veröffentlichen. (mehr…)

Das BMI hat nun jene Advokaten verpflichtet, die schon den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff verteidigt haben. Das kostet viel Geld, das wird am Ende erfolglos sein – doch dem sportpolitischen Komplex Deutschlands geht die Intransparenz über alles. Man will sich einfach nicht in die Karten gucken lassen. So wie sich schon Mitglieder des Sportausschusses im Bundestag nicht beim Kartenspielen beobachten lassen wollten – und die Sitzungen seit zehn Monaten deshalb wieder nichtöffentlich stattfinden.

Einige Zielvereinbarungen kennt man inzwischen auch deshalb, weil etliche Verbände, anders als von BMI und DOSB behauptet, kein Problem damit haben. Sie haben eher ein Problem mit der herrschenden Intransparenz und wollen nicht länger akzeptieren, dass BMI und DOSB ihr Herrschaftswissen ausspielen und die Verbände unter Druck setzen. Der Soziologe Eike Emrich, ehemals Vizepräsident des Leichtathletikverbandes, hat das System einmal wunderbar in einem Aufsatz beschrieben:

Wer gut bedient werden will, muss bereit sein, zu jeder geforderten Zeit, und sei es kurz vor wichtigen Sportereignissen, der gutachterlichen Behörde seine Aufwartung zu machen.“

Die Behörden, BMI und DOSB, verlangen von den Fachverbänden …

… in allen nur denkbaren Punkten immer mehr Transparenz, um zugleich umgekehrt proportional zu diesen Ansprüchen die eigenen Kriterien der Entscheidungen teilweise intransparent zu gestalten.”

Für derlei Machtspiele hat ein anderer Sport-Soziologe, Karl-Heinrich Bette, die Vokabel „Hofschranzenkultur des deutschen Sports“ geprägt.

Es sind aber nicht nur die Hofschranzen, es sind die Fürsten, die Transparenz meiden wie der Teufel das Weihwasser: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), dessen Sport-Staatssekretär Christoph Bergner (CDU), DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP) und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen). Solange sich dieses Quartett, assistiert von der Koalitions-Mehrheit im Sportausschuss, demokratischen Grundsätzen verschließen, das Presserecht und das Informationsfreiheitsgesetz missachten, kann keine vernünftige und vor allem nachhaltige Diskussion über die Sportförderung geführt werden. Öffentlichkeit aller Daten und Transparenz aller Entscheidungswege müssen oberste Grundsätze einer solchen Debatte sein. Dies aber würde die Machtverhältnisse, die zu großen Teilen auf Informationsmonopolen und Seilschaften beruhen, ins Wanken bringen.

Daran hat der sportpolitische Komplex kein Interesse.

Die Mutter aller Zielvereinbarungen umfasst übrigens nur sechs Seiten und wurde im November 2007 von BMI und DOSB-General Vesper unterzeichnet. Das BMI, heißt es darin, „trifft sportpolitische Grundsatz- und Einzelentscheidungen“. Ein olympischer Verbandspräsident hat das einmal so beschrieben:

Wir haben in Deutschland ein System des Staatssports, in dem eine Ministerialbürokratie willkürlich über Sportförderung und Steuermittel entscheidet. Wer in diesem Kartell nicht drinsteckt, hat Pech gehabt.“

Neun Bundesministerien finanzieren mit rund 240 Millionen Euro pro Jahr Maßnahmen auf dem Gebiet des Sports. Der größte Anteil entfällt auf die Spitzensportförderung durch das BMI, mit dem Topf der „Zentralen Maßnahmen“, der über DOSB wie durch eine untergeordnete Bundesbehörde verteilt wird. Das BMI stellt 132 Millionen aus Steuermitteln bereit. Aus dem zweitgrößten Sportetat, dem des Verteidigungsministeriums, werden die Hundertschaften von Sportsoldaten alimentiert, in diesem Jahr mit 63 Millionen Euro. Außerdem wurden sechs Millionen aus dem BMI-Einzelplan für die Olympiavorbereitung verwendet. Tatsächlich aber kommt viel mehr zusammen, weil viele Zurechnungen unklar bleiben und ja auf anderer Ebene – lokal, regional, geldwerte Vorteile bei Bundespolizei und Zoll – ebenfalls Steuermittel in den Spitzensport fließen. Eine umfassende, nachprüfbare Auflistung aller Zuwendungen existiert nicht.

In Großbritannien schon – aber eben nicht in Deutschland.

Die Daten aus der parlamentarischen Anfrage der SPD im Sommer 2011 und die von UK Sports habe ich in einer Tabelle zusammen gefasst.

Wobei sich niemand täuschen lassen sollte, denn anders als bei den Briten (deren Transfers sich aus Steuermitteln und Lotterieeinnahmen zusammen setzen, kommen bei den deutschen noch etliche andere Leistungen hinzu, auch Sachleistungen … ich sage ja, eine genaue Aufschlüsselung, wie viel Geld wirklich in den Sport fließt, existiert nicht.)“

Inzwischen droht dem CSU-Innenminister übrigens die Vollstreckung des Berliner Gerichtsbeschlusses. Deadline: Jetzt gleich 15.00 Uhr!

Nachtrag:
Und jetzt wissen wir auch, warum die Zielvereinbarung nicht publik werden sollte: Die waren alle ein bisschen Gagga und überdreht, als sie vereinbarten, was sie wollten. Guckst Du hier!

(Quelle und Foto(c): jensweinreich.de)

Over de Grens

10. August 2012

Auch bei den Nachbarn im Westen regt sich Protest gegen immer mehr Hähnchenmast: Sie legten nach einem Bericht des NDR durch die niederländische Forstverwaltung („Staatsbosbeheer“) und den Naturschutzbund Natuur en Milieu Overijssel Beschwerde gegen die Erweiterung eines  Hähnchenmastbetriebs  im deutschen Gildehaus (Grafschaft Bentheim) ein. Ein entsprechendes Schreiben sei bei der Kreisverwaltung der Grafschaft Bentheim eingegangen, bestätigte jetzt ein Kreissprecher in Nordhorn. Der Protest der niederländischen Nachbarn richtet sich gegen die Kippenstal-Pläne von Landwirt Heinrich Rikhof, der seine direkt an der niederländischen Grenze gelegene Hähnchenmastanlage an der Haarer Straße um 40.000 auf  „119.625 Mastplätze vergrößern“ will.

Die Anlage wurde -wie auch anders!- Mitte Juni genehmigt; ich finde nichts darüber, dass dem  „over de Grens“ eine Nachbarbeteiligung vorausgegangen wäre. Wohl deshalb war die Einspruchsfrist von einem Monat möglicherweise verstrichen, wie die deutschen Verantwortlichen betonen. Ich lese, die Kreisverwaltung wolle die niederländische Beschwerde aber „auf jeden Fall beantworten“, so der NDR. Ach so: Beantworten!

Der Grund für die niederländischen Proteste: In 200 Metern (!) Entfernung von dem Maststallriesen befindet sich auf niederländischem Boden das Naturschutz- bzw. FFH-Gebiet Dinkelland in der Gemeinde Beuningen (Foto oben, heutiger Zustand), wissen der NDR und  auch die niederländische Tageszeitung Tubantia. Das  allerdings wäre eine Ungeheuerlichkeit, hätte die deutsche Verwaltung trotz dieses Naturschutzgebiets das Vorhaben genehmigt. Der Vertrag von Aarhus jedenfalls legt für  deutsche Behörden etwas anderes fest. Ganz abgesehen von dieser rechtlichen Seite:  Mit welcher politischen Berechtigung eigentlich will der Grafschafter Landrat Friedrich Kethorn (CDU)  gegen Lärm des neuen Flughafen Enschede protestieren, wenn man gleichzeitig selbst seine Nachbarn nicht beteiligt bzw. ihre Naturschutzrechte mit behördlichen Füßen tritt? Dabei fragt man sich, wie überhaupt das genehmigt werden konnte, was dort in Naturschutzgebietsnähe entstanden ist.

Die deutschen NABU-Naturschützer haben übrigens rechtzeitig gegen die Genehmigung Widerspruch eingelegt. Sie fürchten die hohen Stickstoffbelastungen und damit Schäden für Moore und Heiden. Auch die Belange besonders geschützter Tiere seien nicht berücksichtigt worden. Auf vorangegangene Warnungen habe der Landkreis Grafschaft Bentheim als Genehmigungsbehörde nicht reagiert. Man hoffe, dass von dem Schritt positive Auswirkungen auf andere Genehmigungsverfahren im Landkreis ausgingen, bei denen ähnliche Mängel aufträten, sagte eine NABU-Sprecherin.

(Quelle)

8. Rüt’n Rock

10. August 2012

Benfiz für Afrika
8. Rüt’n Rock Festival
in Rütenbrock
Heute (ab 17.30 Uhr) und morgen Samstag (ab 13.30 Uhr) mit
Bakkushan | Between Borders | Bratze | Death By Stereo | Der Fall Böse | Front Yard Dummies | Friska ViljorKilians* | Go Back To The Zoo | Hate Embraced | Hurricane Dean | Ira Atari | Kalypso | Kid North | Madball | Neaera | Razz | Smokey Joe | The Intersphere

Eintritt: beide Tage  32 Euro , nur Freitag 22 Euro, nur Samstag 23 Euro (jeweils Abendkasse)

*Headliner Friska Viljor musste kurzfristig absagen. Eingesprungen sind Kilians.

Rüt’n Rock Impressionen aus 2011

Hühnerbrust

10. August 2012

Tja, Gutes aus der Region kommt bekanntlich weniger aus den ungezählten Mastställen als  … aus dem Weserstadion beispielsweise. Sportlich jedenfalls. Doch seit zwei Tagen herrscht in Bremen große Aufregung. Werder, das sportliche Aushängeschild im Nordwesten, liebäugelt mit einem neuen Trikotsponsor. Dieser Sponsor soll ausgerechnet der umstrittene Geflügelmäster Wiesenhof sein. Die Werder-Vereinsführung beschwichtigt, das noch nicht entschieden sei, ob das „Wiesenhof“-Logo künftig die Trikots des SV Werder Bremen zieren wird. Aber schon die Aussicht auf die grün-weiße Hühnerbrust bringt Tausende Werder-Fans auf die Palme: Gestern Abend unterstützten bereits 11.111 Fans  die Facebook-Seite „Werder-Fans gegen Wiesenhof“.  (Spaß am Rande: Ich war übrigens Nr 11.111 – ganz in echt).

Schon bisher hatte der Fußballverein aus der Hansestadt mit seinen Sponsoren durchaus seine Probleme Der Textildiscounter Kik, schreibt Simone Schnase in der Bremer taz, war beispielsweise von 2004 bis 2006 Werders Hauptsponsor. Der Konzern fiel durch die Behinderung von Betriebsratswahlen, schlechte Bezahlung und die Ausbeutung seiner Zulieferer in Bangladesh auf.

Die Schwergutreederei Beluga Shipping sponserte seit 2005.Werder kündigte 2011 den Vertrag, weil die Firma Insolvenz anmeldete. Die Bremer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen falsch ausgewiesener Umsätze im dreistelligen Millionenbereich.

Der privaten Wettanbieter bwin kam 2006/2007. Bereits im Juli verbot die Stadt Bremen die Werbung. Bei Heimspielen trugen die Werderspieler deshalb die Aufschrift „we win“.

Die Citibank war Hauptsponsor von 2007 bis zum Ende der vergangenen Saison. Seit Februar 2010 heißt sie Targobank. Der internationale Finanzdienstleister verkaufte fast drei Viertel aller in Deutschland erstandenen Lehmann-Zertifikate, die die zweite, größere Welle der Finanzkrise ab 2008 mit auslösten. Über 40.000 deutsche Anleger verloren Ersparnisse.

Der Grund für die Probleme: Vor Jahren hat Werder Bremen Vermarktung an die Firma  Infront abgetreten. Das Marketingunternehmen sucht Sponsoren und bekommt dafür Provision. Der Clou: Wenn Infront keinen Sponsor findet, fließt trotzdem Geld. Angeblich sollen es mehrere Millionen Euro sein, die Details sind strikt vertraulich. Für Werder soll der Vertrag aber eine unbequeme Klausel enthalten: So dürfe der Verein zwar ein Veto gegen einen Sponsor einlegen. Doch dann müsse Infront auch nicht zahlen. Beim geplanten Wiesenhofdeal soll es um einen Betrag zwischen 5 und 8 Mio Euro jährlich gehen.

Und was jetzt? Werder-Fans, die auf Nummer sicher gehen wollen, kaufen zweckmäßigerweise noch schnell das aktuelle Werder-Trikot ohne jeden Sponsor. Sieht ganz gut aus, und man läuft ohne Werbeunterbrechung bzw. ohne  Reklame für zweifelhafte Unternehmen. Man muss es allerdings noch bekommen.

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(Quellen: Taz, Simone Schnase; Süddeutsche)