Bebauungsplan

27. Juli 2012

Ein architektonischer Blick über die nahe Grenze. Im niederländischen Hengelo haben  NL Architects in einem industriell geprägten Stadtteil für Siemens einen Bürokomplex errichtet, berichtet Baunetz.de. Er  bildet den Kopfbau eines Straßenzugs, in dessen Sichtweite ein neues Kulturzentrum von Benthem Crouwel und der Bahnhof aus dem Jahr 1950 von Hermanus G. J. Schelling stehen. Das gesamte Hart van Zuid-Areal in Hengelo ist eines der größten innerstädtischen Sanierungsprojekte der Niederlande und soll „in den kommenden Jahren ein lebhaftes Quartier mit Wohn- und Büronutzung werden, in dem High-Tech-Industrie eine treibende Kraft sein soll“. Baunetz.de beschreibt:

„Form follows industry“ scheint das Motto des holländischen Architektenteams zu sein: NL Architects erklären, dass sie das industrielle Erbe zu einem wichtigen Aspekt des zukünftigen Bauens zählen. So hielten sie sich bei ihrem Entwurf strikt an den Bebauungsplan in Hengelo. Der schrieb vor, dass sich die Form des Neubaus aus dem umgebenden Bestand ableiten solle. Für die Architekten bedeutete das, ein robustes, strenges und kompromissloses Gebäude zu entwerfen. Aber mit einem gewissen Twist – die typische Struktur säbelzahniger Sheddächer haben die Entwerfer kurzerhand um 90 Grad gedreht. So ist es nun vor allem die zackige Fassade und das Baumaterial Backstein, das den industriellen Charakter des Neubaus prägen soll, kombiniert mit einer großzügigen Verglasung, die einen gewissen Glamourfaktor versprüht. Vorplatz und Besucher spiegeln sich in der skulptural anmutenden Fassade. Von innen funktioniert die Shedform wie ein Visier: Sie schützt vor der blendenden Sonne und bietet gleichzeitig eine optimale Aussicht aus den Büroräumen hinaus.

Es ist bzw. war eine Passage in dem Baunetz-Report, die mich vergleichen ließ und bei der man sofort den Unterschied zu den „Lingener Verhältnissen“ erkennt: Während sich Hengelo seiner Verantwortung für gewachsene Stadtgestaltung und das entstandene Stadtbild bewusst ist, daher in Bebauungsplänen dezidierte Vorgaben macht und gerade dadurch zeitgemäßer Architektur die notwendigen Spielräume verschafft, scheuen dies in unserer Stadt die politische Mehrheit und der noch amtierende Stadtbaurat L..

Um gestalterische Diskussionen nicht führen und planerische Arbeit nicht leisten zu müssen, flüchtet sich L. in die Übernahme von Investorenvorstellungen („Geld in die Hand!“) und deren Primat reiner Ökonomie. Getragen wird er dabei von der Ratsmehrheit, die, inhaltlich konzeptionslos, nicht zu wissen scheint, wie unsere Stadt gestaltet werden, wie sie aussehen soll. Also lässt sie (alles) zu. Baurat L.  ermöglicht die gemeinsame Flucht aus verantwortlicher Stadtgestaltung durch den Rückgriff auf den angeblich „unbeplanten Innenbereich„, dessen Bebauung gestaltende Bebaungspläne nicht braucht. Keine Frage, dass dies regelmäßig zweifelhaft ist. Die in der Folge entstehenden, stadtgestalterisch nicht überzeugenden Ergebnisse sehen wir am Alten Hafen ebenso wie am Konrad-Adenauer-Ring.

(Quelle: Baunetz.de; Fotos: (c) Marcel van der Burg)