Dornröschen

2. Juli 2012

Gerhard Kromschröder hat im Emsland für manche Debatten gesorgt, seit mehr als 50 Jahren und zuletzt mit dem vor Jahresfrist  erschienenen Bildband „Expeditionen ins Emsland – Ein deutscher Bilderbogen“. Den empfanden die Protagonisten des „Beiunsistallessogroßartig“-Politik um Hermann Bröring und Reinhard Winter als ungebührliche Kritik und Ex-Landrat Hermann Bröring tobte geradezu in der Mitgliederversammlung des Emsland Moormuseum eV, als Museumschef Michael Haverkamp mitteilte, über die Sommermonate eine Ausstellung mit Aufnahmen des Wahlhamburgers Kromschröder zu präsentieren; übrigens verdiente sich der seine ersten journalistischen Sporen in der damals hinten im Hause Bürobedarf Nottbeck residierenden Lingener LT-Redaktion. Anschließend, in den wilden, kritischen 60er Jahren rockte er gemeinsam mit den gleich legendären Hermann Vinke und Bernd Rosema die Papenburger Emszeitung, bevor er über das Frankfurter Satiremagazin Pardon zum STERN ging und heute längst einer der großen deutschen Dokumentarfotografen ist.

Hermann Bröring interessiert das nicht. Etwas geschönt berichtete die Meppener Tagespost anschließend über Brörings Ausbruch in der Vereinsversammlung (mehr Hintergrund…):

„Dass der Journalist Gerhard Kromschröder im Juli und August seine „Expeditionen ins Emsland“ zeigen sollte, hat vor allem den früheren Landrat Hermann Bröring verärgert, der dem Vorstand des Trägervereins für das Moormuseum neben Landrat Reinhard Winter und Geestes Bürgermeister Hans-Josef Leinweber angehört. In der Mitgliederversammlung des Vereins im Februar kritisierte Bröring die „einseitig negative Ausrichtung“ der Bilder Kromschröders, der in den 1960er-Jahren als Zeitungsredakteur in Papenburg gearbeitet hatte.

Streit um Kromschröder

In den vergangenen Jahren hatte er seine alte Wirkungsstätte fotografisch porträtiert (wir berichteten) – Bröring warf Kromschröder mit Blick auf dessen Fotos eine polemische und unfaire Darstellung des Emslandes vor, die er nicht unkommentiert im Museum präsentiert wissen wollte.“

Vor einer Machtdemonstration hatte Bröring aber letztlich wohl doch Angst. Also kann man seit gestern die  Kromschröder-Sonderausstellung mit einer Auswahl seiner Bilder im Moormuseum sehen. Allerdings ist die Präsentation –gegenüber dem Plan– zeitlich um mehr als die Hälfte gekürzt und wird schon ab September durch eine Bröring genehmere des Meppener Fotografen Stefan Schöning („Industriekultur im Emsland“) ersetzt.

Gestern also wurde vor knapp 100 Gästen im Moormuseum Groß Hesepe die Kromschröder-Ausstellung eröffnet. Natürlich ohne Hermann Bröring und Reinhard Winter und ohne die Granden der politischen und gesellschaftlichen Regionalliga. Begrüßen durfte der Geester Bürgermeister Hans-Josef Leinweber als  stellv. Vorsitzender des Trägervereins, der Verfasser des Vorworts in Kromschröders Emsland-Bildband Gerhard Henschel, in Meppen aufgewachsen, las Spöttisches aus seiner Emsland-Biografie „Jugendroman“ und dann sprach Theo Mönch-Tegeder, „der Verlagsleiter des Osnabrücker Kirchenboten“ (Zitat Leinweber) und auch mal bei der Emszeitung, wie er verriet. Erst hielt Mönch-Tegeder eine Eloge über die fotografische „Liebeserklärung“ Kromschröders an das Emsland, wurde dann zunehmend kritischer und sprach schließlich den Satz, wonach das Emsland vor 60 Jahren aus einem seit Jahrhunderten währenden Dornröschenschlaf erwacht sei. Und genau diese Aussage beschäftigt mich seither mehr als der Rest der zweigespaltenen Rede. Das Dornröschen-Zitat ist nämlich bestens bekannt. Der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning soll es 1936 anlässlich eines Besuchs der NS-Emslandlager gesprochen haben. Es sei ihm, sagt die offizielle Geschichtsschreibung, „in den Mund gelegt“ worden:

„Lange lag das Emsland im Dornröschenschlaf, bis der Prinz kam und es weckte; dieser Prinz ist unser Führer Adolf Hitler.“ 

Mönch-Tegeder lege ich nichts in den Mund, weil er vom Dornröschen ja gesprochen hat und Berning-Kenner ist, also genau weiß, wie die emsländische Dornröschen-Metapher einzuordnen ist. Eigentlich bleibt ihm nur, dass er das Dornröschen-Zitat genauso ironisch gemeint hat wie seine -sorry:- geradezu geile These, dass Schützenvereine im Emsland in Wahrheit eine Art regionale „Make love not war“-Hippiebewegung seien, schließlich seien Blumen in den Läufen getragener Holzgewehre, was man auf den Kromschröderschen Aufnahmen auch erkennen könne. Mit Dornröschen und den Schützenhippievereinen hätte Mönch-Tegeder das fotografische Augenzwinkern Kromschröders getoppt! Oder?

Tja, ich weiß nicht, ob ich richtig liege, aber meine Leserschar sollte sich allemal die feine Sonderausstellung im Emsland Moormuseum ansehen. Kromschröder lohnt und das Moormuseum selbst  sowieso (Öffnungszeiten Moormuseum täglich außer Mo von 10 – 18 Uhr bis 31.10., Sonderausstellung Gerhard Kromschröder leider nur bis 19. August).

2 Antworten to “Dornröschen”

  1. ulrike said

    Oha, Dornröschen also. Das geht gar nicht !
    Vermutlich haben Sie die Glosse des von mir seiner losen Zunge wegen verehrten Harald Martenstein in der Zeit gelesen : “ Man kann jedem nachweisen, er sei ein Nazi. Möglichkeiten der Kulturkritik “ Die Zeit vom 1. März diesen Jahres.

    Das muß man lesen , bevor man einfach so das arme Dornröschen bemüht. Da gibt es noch viel tollere Möglichkeiten. Im letzten Satz schreibt Martenstein, daß er j e d e n nimmt . Um obiges zu beweisen.

    An dieser Stelle fehlt mir auch ein bißchen noch Reklame für die Deichkönigin. Von selbiger in diesem Quartal noch so gar nichts gehört. Ist die umgezogen?

  2. kib said

    Oha! Ulrike ist „stinkig“ aber eine kluge Frau und darum antworte ich gern- zumal Sie wissen, wie sehr mich ZUNÄCHST die „DK-Nummer von RK“ gestört hat: Insbesondere sein zehnter Aufguss.
    Der direkte Austausch mit der DK war aber total topp (ich habe mich sehr gefreut und einiges gelernt, Spaß hatten wir auch- sogar überwiegend)
    Ich könnte- wenn ich wollte- mich natürlich fürchterlich über RK aufregen: Von wem hat die Frau meine Email-Adresse?

    Mach ich aber nicht, denn es trifft den Kern der Sache nicht und ich geb jetzt mal mit etwas an, was ich von der DK gelernt habe: KOMMUNIKATIONSEBENEN.
    Die Frau macht ihren Job (nicht unerfolgreich) gibt sich Mühe mit mir „Krümel“ zu sprechen bzw. ist nicht nachtragend und hat einen feinen (!) Humor“.

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