Schicksale

30. Juni 2012

Die Kritik, die eine eifrige Leserin dieses Bloggs mir jüngst in Sachen iHp  schrieb, ist berechtigt. Tatsächlich habe ich mich hier  nicht mit dem „Dienstleister“ iHp befasst, der im April 2007 startete.

Sicherlich hätte ich über die neue Farbenlehre schreiben können: Wichtigster iHp-Kunde war nämlich die BP-Erdölraffinerie, bis sie im April den Rahmenvertrag kündigte. Schon von weitem waren die iHp-Leute auf dem Werksgelände der „Erdölraffinerie“ zu erkennen: „Echte“ BP-Mitarbeiter tragen blaue Arbeitsoveralls, IHP-Beschäftigte dagegen seien  ganz in Grün gekleidet – wusste das „Handelsblatt„.

Was aber war iHp wirklich, die mit dem Lingener SKM kooperierte, den TuS Lingens Trikotwerbung und die Handballer der HSG Nordhorn-Lingen („Premiumpartner“) sponserte? Das Handelsblatt berichtete schon kurz nach dem Firmenstart: iHp sei keine Personal-Service-Agentur – die Mitarbeiter erledigten zwar Aufträge anderer Unternehmen, iHp aber wolle „unsere Leute auf Dauer bei uns halten“, so Gründungsgesellschafter Andreas Mainka. iHp sei auch keine klassische Leiharbeitsfirma – die Beschäftigten sollten nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft bei den Auftraggebern arbeiten, und auch keine Beschäftigungsgesellschaft – man schicke Arbeitslose nicht in bezahlte Weiterbildungskurse, sondern qualifiziere sie auf eigene Kosten. „Das Unternehmen wird nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt“, betonte stolz der damalige  iHp-Geschäftsführer Holger Zaß. „Unsere Gesellschafter schießen keine Gelder zu.“ Von den 100 000 Euro Grundkapital abgesehen, mit denen sie iHp zum Start ausgestattet haben. Was er damals nicht sagte: Von der BP-Erdökraffinerie flossen  jährlich 1 Mio Euro als Anschubfinanzierung. Und die Industriegewerkschaft  Bergbau Chemie Energie (IG BCE) war mit einem besonderen Tarifvertrag einverstanden. Die Gesellschafter verpflichteten sich, jährlich nur 20% des Gewinns der Gesellschaft zu entnehmen, jeder also 5%.

Die örtliche Politik war von der Gesellschaft begeistert. Sie sei ein „gutes Beispiel dafür, wie Regionen selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen können“, sagte 2007 der damalige Landrat Hermann Bröring (CDU). Was „die Unternehmer mit iHp auf die Beine gestellt“ hätten, habe „Vorbildcharakter“. Da war es also gleich „die Region“ – und nicht vier Gesellschafter nebst einer -letztlich offenbar zu teuren – Millionen-Anschubfinanzierung der BP–  sondern „Schicksal“, so damals Hermann Bröring.

Heute wissen wir, dass das Modell -auch noch mit einem Sozialverein – trotz aller materiellen und immateriellen Vorschüsse  nicht funktioniert hat, nachdem der verantwortliche BP-Geschäftsführer Martin Suresch bei BP seinen Abschied nahm und in der Folge die jährliche 1-Mio-Euro-BP-„Anschubfinanzierung“ gekündigt wurde . Später tauchte Suresch zwar wieder offiziell als  „Interimsgeschäftsführer“ in Diensten von iHp auf, bis er vor einigen Tagen hinwarf. Darf man vermuten wegen der einem GmbH-Geschäftsführer stets drohenden persönlichen Haftung? Denn  nun hat iHp gestern Insolvenz angemeldet. Darüber berichtet die Lingener Tagespost heute, aber wer-wie-was die iHp war, wer die Strippen zog, wer jetzt die iHp-Töchter bekommt, fortführt und  wo die Ursachen der Insolvenz der iHp-Holding liegen, verschweigen uns die Redakteure um Thomas Pertz.

Auch die Namen der Gesellschafter erfährt man nicht und findet sie erst nach einigem Suchen, in einem fast fünf Jahre zurück liegenden Artikel des Wirtschaftsmagazin Impulse: Dieter Barlage (Sondermaschinenbau), Heinz Gehring (Wirtschaftsprüfer und Steuerberater), Andreas Mainka, (Bauunternehmung August Mainka) und der Büromaterialhändler Horst Reinkemeier. Sie hielten jeweils 25% Anteile an der iHp-Holding und planten 2007 unter deren Dach vier Gesellschaften als „operative Unternehmen“. Deren Gesellschaftsanteile sollten dann jeweils die  Holding iHp GmbH zu 60 Prozent und 40 Prozent jeweils eine Firma der vier Gründer halten. Inzwischen gibt es sieben Gesellschaften, von denen drei ebenfalls insolvent sind – so die LT. Wer bekommt die anderen Tochtergesellschaften? Nun irgendjemand sollte herausfinden, wer jetzt wie mit wem und warum.

Mehr als 300 iHp-Mitarbeiter sind derweil ohne Job. Ob „die Region“ „selbst“ auch deren „Schicksale“ „in die Hand“ nimmt?

2 Antworten to “Schicksale”

  1. waltraud schober said

    schon merkwürdig!

    Im Oktober 2007 sollte/wollte der damalige Oberbürgermeister und heutige Staatssekretär Heiner Pott unbedingt in den „Beirat der iHp GmbH“, in dem angeblich auch der große Landrat Bröring schon einen Platz gefunden hatte.

    Nur mit großer Mühe ist es damals der Opposition (SPD, FDP, Grüne) in Lingen gelungen, Heiner Pott von diesem unsinn abzuhalten. Dennoch: eine äußerst merkwürdige Nähe zwischen politisch und wirtschaftliche Agierenden im südlichen Emsland.

    P. S. Wie man hört, hat die an der katholischen Bildungsstätte LWH gescheiterte Leiterin bei der iHp schnell eine neue Beschäftigung gefunden. [Eine Hand wäscht dann schon mal eine andere:-))) ]

  2. J. Reul said

    Die beschriebene Gesellschaftsstruktur ist nicht unbedingt eine unter operativen Gesichtspunkten geschaffene, sondern scheint wohl eher auf einen wenig erfolgreichen steuerlichen Optimierungsversuch hinzudeuten.

    Wenn man ein Unternehmen schon steuerlich zu optimieren sucht, bevor überhaupt Gewinne anfallen, kommt eine Pleite leider nur allzu oft vor. Ich sehe immer wieder solche komplexen Holdingstrukturen, die am Ende dazu führen, dass vor lauter Steueroptimierung die Betriebswirtschaft zu kurz kommt.

    Bekanntlich muss man zu allererst einmal viel verdienen, bevor man überhaupt viel Steuern zahlt. Erst dann ist es an der Zeit über steuerliche Optimierung nachzudenken. Da gibt es dann jedoch pfiffigere Konstrukte als die beschriebene iHP Holding

    Durch komplizierte Strukturen ist das Vermeiden einer nennenswerten Steuerlast natürlich sehr einfach zu erreichen:
    Die Strukturkosten sind ganz schnell so hoch, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt. Solche Fälle hatte ich schon mehrfach. Viele Geschäftsführer in vielen Gesellschaften, jeder gegen jeden. Oder nur 1 Geschäftsführer in allen Gesellschaften gleichzeitig, da verliert man schnell den Überblick.

    Dabei gibt es jedoch immer einen sicheren Gewinner, nämlich den Wirtschaftsprüfer (der meist auch die Steuerberatung macht). Der WP darf sehr viele Bilanzen prüfen und als Steuerberater auch viele Steuererklärungen erstellen. Für den sind solche Holdings wie hier eine wunderbare Erfindung. Oft hat er sie sogar selbst erfunden.

    Da kreisen dann die Unternehmenslenker nur noch in der komplizierten Gesellschaftsstruktur und achten peinlich darauf, dass nur ja keine Gesellschaft und natürlich auch kein Gesellschafter zu kurz kommen. Da fällt dann überhaupt nicht mehr auf, dass eigentlich nur noch ein „Nichts“ verwaltet und dann sogar noch verteilt wird. Die Freude ist groß, dass man die Steuerlast erfolgreich auf Null optimiert hat. Der Gewinn wächst und wächst, bis irgendwann irgendwer bemerkt, dass der „Gewinn“ seltsamerweise ein negatives Vorzeichen hat.

    Ja und dann geht ein Geschäftsführer hastig von Bord. Das gibt zu denken. Doch es ist nicht so, dass dieser Geschäftsführer sich durch eiliges Absentieren der persönlichen Haftung entziehen kann. Dran ist nicht der, der die Insolvenz angemeldet hat, sondern der, der sie gegebenenfalls verschleppt hat. Wer glaubt, sich durch schnelles Abtauchen aus der Verantwortung ziehen zu können, der irrt gewaltig.

    Ein neuer Geschäftsführer, der nach wenigen Tagen feststellt, dass seine Bude pleite ist und dann unverzüglich anmeldet, hat dagegen absolut nichts zu befürchten.

    Man darf wohl nicht vermuten, lieber Robert, dass sich Herr Suresch durch seinen Abgang der Haftung zu entziehen sucht. Ein ehemaliger BP Geschäftsführer dürfte die Rechtslage wohl kennen. Sollte deine Vermutung jedoch richtig sein, wird es allerdings ein böses Erwachen für den Herrn geben. Er haftet dann persönlich mit seinem ganzen Vermögen allen Gläubigern für Schäden, die durch sein verspätetes oder Nicht -Anmelden entstanden sind.

    Und für dich als Strafverteidiger könnte dann auch noch was herausspringen. 🙂

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