Manipulation

30. Juni 2012

Die beiden Tore des italienischen Stürmers Mario Barwuah Balotelli im EM-Halbfinale gegen Deutschland waren echt und vor allem auch (fast) in Echtzeit. Aber die nach den beiden B-Toren von der UEFA-Bildregie gezeigten Tränen eines weiblichen deutschen Fans waren ein Fake und von der UEFA in die Übertragung hineinmontiert wie die Bilder von Bundestrainer „Jogi“ Löw und dem Balljungen. Dies berichtet heute die „Süddeutsche Zeitung„.

Die Frau aus Düsseldorf erfuhr von Freunden nach dem Spiel, wie groß sie und ihre Träne im Bild waren und klärte auf: Sie habe schon vor dem Spiel die Träne verdrückt, sagte der nur mit dem Vornamen Andrea vorgestellte Fußballfan zur SZ, und  nicht über Rückstand des deutschen Teams geweint. In Wahrheit hätten sie ihre Gefühle vor dem Anpfiff bei der Präsentation der Mannschaft übermannt. So berichtet es die  „Süddeutsche“.

Den Millionen Fernsehzuschauern in Deutschland, der Welt und beim Public Viewing vermittelte die UEFA mit der in die Übertragung hineingeschnittenen Träne vom Niederrhein ein völlig anderes Bild: Schock und Enttäuschung statt tiefer Rührung.

Wie oft es sonst noch vorgekommen ist, kann man nur ahnen. Die optische Lüge geschah bei dieser EM  nämlich nicht zum ersten Mal: In die Übertragung des deutschen Spiels gegen die Niederlande fummelte die UEFA-Crew eine Szene, in der Joachim Löw einem Balljungen den Ball aus dem Arm schlägt. Die UEFA gab anschließend diese Fälschung zu und beteuerte auf Druck von ARD und ZDF, so etwas werde  nicht mehr vorkommen. Falls doch etwas ins Live-Bild gemixt werde, werde dies markiert. Genau das geschah im EM-Finale nicht und ARD-Verantwortlicher Jörg Schönenborn erklärte gegenüber der Süddeutschen: „Wir sind erstaunt und irritiert. Diese Bilder sind für uns so nicht akzeptabel – zumal wir mit der Uefa über diese Problematik vor wenigen Tagen gesprochen hatten. Wir werden jetzt erneut das Gespräch suchen. Bei der Debatte um die Löw-Bilder hatte Schönenborn erklärt, „dass das deutsche Publikum erwartet, dass live drin ist, wenn live drauf steht“.

Die UEFA wollte sich auf  Anfrage der „SZ“-Redakteure bislang nicht äußern. Sie will lieber, so die Medienagentur Kressreport, „der Fußball-Welt ihren eigenen Film verkaufen – ohne politische Plakate, Pyrotechnik, Flitzer und authentische Fangefühle.“ Eine feiste Manipulation.
(Quellen: SZ, Kressreport)

Schicksale

30. Juni 2012

Die Kritik, die eine eifrige Leserin dieses Bloggs mir jüngst in Sachen iHp  schrieb, ist berechtigt. Tatsächlich habe ich mich hier  nicht mit dem „Dienstleister“ iHp befasst, der im April 2007 startete.

Sicherlich hätte ich über die neue Farbenlehre schreiben können: Wichtigster iHp-Kunde war nämlich die BP-Erdölraffinerie, bis sie im April den Rahmenvertrag kündigte. Schon von weitem waren die iHp-Leute auf dem Werksgelände der „Erdölraffinerie“ zu erkennen: „Echte“ BP-Mitarbeiter tragen blaue Arbeitsoveralls, IHP-Beschäftigte dagegen seien  ganz in Grün gekleidet – wusste das „Handelsblatt„.

Was aber war iHp wirklich, die mit dem Lingener SKM kooperierte, den TuS Lingens Trikotwerbung und die Handballer der HSG Nordhorn-Lingen („Premiumpartner“) sponserte? Das Handelsblatt berichtete schon kurz nach dem Firmenstart: iHp sei keine Personal-Service-Agentur – die Mitarbeiter erledigten zwar Aufträge anderer Unternehmen, iHp aber wolle „unsere Leute auf Dauer bei uns halten“, so Gründungsgesellschafter Andreas Mainka. iHp sei auch keine klassische Leiharbeitsfirma – die Beschäftigten sollten nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft bei den Auftraggebern arbeiten, und auch keine Beschäftigungsgesellschaft – man schicke Arbeitslose nicht in bezahlte Weiterbildungskurse, sondern qualifiziere sie auf eigene Kosten. „Das Unternehmen wird nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt“, betonte stolz der damalige  iHp-Geschäftsführer Holger Zaß. „Unsere Gesellschafter schießen keine Gelder zu.“ Von den 100 000 Euro Grundkapital abgesehen, mit denen sie iHp zum Start ausgestattet haben. Was er damals nicht sagte: Von der BP-Erdökraffinerie flossen  jährlich 1 Mio Euro als Anschubfinanzierung. Und die Industriegewerkschaft  Bergbau Chemie Energie (IG BCE) war mit einem besonderen Tarifvertrag einverstanden. Die Gesellschafter verpflichteten sich, jährlich nur 20% des Gewinns der Gesellschaft zu entnehmen, jeder also 5%.

Die örtliche Politik war von der Gesellschaft begeistert. Sie sei ein „gutes Beispiel dafür, wie Regionen selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen können“, sagte 2007 der damalige Landrat Hermann Bröring (CDU). Was „die Unternehmer mit iHp auf die Beine gestellt“ hätten, habe „Vorbildcharakter“. Da war es also gleich „die Region“ – und nicht vier Gesellschafter nebst einer -letztlich offenbar zu teuren – Millionen-Anschubfinanzierung der BP–  sondern „Schicksal“, so damals Hermann Bröring.

Heute wissen wir, dass das Modell -auch noch mit einem Sozialverein – trotz aller materiellen und immateriellen Vorschüsse  nicht funktioniert hat, nachdem der verantwortliche BP-Geschäftsführer Martin Suresch bei BP seinen Abschied nahm und in der Folge die jährliche 1-Mio-Euro-BP-„Anschubfinanzierung“ gekündigt wurde . Später tauchte Suresch zwar wieder offiziell als  „Interimsgeschäftsführer“ in Diensten von iHp auf, bis er vor einigen Tagen hinwarf. Darf man vermuten wegen der einem GmbH-Geschäftsführer stets drohenden persönlichen Haftung? Denn  nun hat iHp gestern Insolvenz angemeldet. Darüber berichtet die Lingener Tagespost heute, aber wer-wie-was die iHp war, wer die Strippen zog, wer jetzt die iHp-Töchter bekommt, fortführt und  wo die Ursachen der Insolvenz der iHp-Holding liegen, verschweigen uns die Redakteure um Thomas Pertz.

Auch die Namen der Gesellschafter erfährt man nicht und findet sie erst nach einigem Suchen, in einem fast fünf Jahre zurück liegenden Artikel des Wirtschaftsmagazin Impulse: Dieter Barlage (Sondermaschinenbau), Heinz Gehring (Wirtschaftsprüfer und Steuerberater), Andreas Mainka, (Bauunternehmung August Mainka) und der Büromaterialhändler Horst Reinkemeier. Sie hielten jeweils 25% Anteile an der iHp-Holding und planten 2007 unter deren Dach vier Gesellschaften als „operative Unternehmen“. Deren Gesellschaftsanteile sollten dann jeweils die  Holding iHp GmbH zu 60 Prozent und 40 Prozent jeweils eine Firma der vier Gründer halten. Inzwischen gibt es sieben Gesellschaften, von denen drei ebenfalls insolvent sind – so die LT. Wer bekommt die anderen Tochtergesellschaften? Nun irgendjemand sollte herausfinden, wer jetzt wie mit wem und warum.

Mehr als 300 iHp-Mitarbeiter sind derweil ohne Job. Ob „die Region“ „selbst“ auch deren „Schicksale“ „in die Hand“ nimmt?