Entsetzt

23. April 2012

Mitte April hat der Landkreis Emsland die Hähnchenmastanlage in Wippingen (Samtgemeinde Dörpen) genehmigt. Der NABU Emsland-Grafschaft Bentheim, die Anwohner sowie die Mitglieder des Aktionsbündnisses ‚Bauernhöfe statt Agrarfabriken Nordwest‚ sind entsetzt. Insbesondere weil bei dem Stall nachweislich keine Rettung der 84.000 Tiere im Brandfall möglich ist.

Trotz umfangreicher Einwendungen gegen die Mastanlage in der Samtgemeinde Dörpen hat der Landkreis Emsland nun die Genehmigung erteilt. „Wir sind schlicht entsetzt,“ so Katja Hübner, Sprecherin des Aktionsbündnisses ‚Bauernhöfe statt Agrarfabriken Nordwest‘, dass die Anlage trotz zahlreicher gravierender Mängel in den Planungsunterlagen gebaut werden darf. Besonders haarsträubend ist nach Einschätzung der Tier- und Umweltschützerin, dass die Tierrettung im Brandfall – die nach § 20 Niedersächsische Bauordnung möglich sein muss – bei der Stallanlage nicht möglich ist. Dies bestätigte auch der mit dem Brandschutzkonzept beauftragte Gutachter. Der Stallbau widerspricht somit eindeutig geltendem Recht und wird trotzdem vom Landkreis genehmigt.

„Diese Vorgehensweise zeigt eindeutig, dass der Landkreis die Intensivtierhaltung unterstützt, wo er nur kann, und Allgemeinwohlbelange wie Gesundheit der Anwohner, Tourismus sowie Umwelt- und Tierschutz hinten anstellt, obwohl nach außen hin von der Führungsspitze anderes behauptet wird,“ so Hübner. „Die Forderung des Landkreises nach Brandschutzkonzepten ist offensichtlich reine Augenwischerei und bringt inhaltlich keinerlei Veränderung.“

„Eine solche Genehmigungspraxis erlaubt sich der Landkreis nur deshalb, weil er sehr genau weiß, dass die Verletzung von Tierschutzbelangen weder von Privatpersonen noch von Verbänden vor Gericht eingeklagt werden kann,“ ist Hübner überzeugt. Und wo kein Kläger ist, ist ja bekanntlich auch kein Richter. Sie hofft deshalb langfristig auf eine Gesetzesänderung, die Tier- und Naturschutzvereinen ein Klagerecht zugunsten der Tiere einräumt. Darüber hinaus prüfen die Gegner der Stallanlage derzeit, ob sie aufgrund anderer Mängel einen förmlichen Widerspruch gegen die Mastanlage in Wippingen einlegen.

Ganz unbesehen bleibt dieser offensichtliche Verstoß gegen das Tierschutzrecht jedoch trotzdem nicht. So hat der agrarpolitische Sprecher der Landtagsgrünen Christian Meyer eine kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt, ob sie die Hähnchenmaststallanlage in Wippingen trotz der fehlenden Rettungsmöglichkeit der Tiere im Brandfall für genehmigungsfähig hält. Die Naturschützer hoffen, dass die Dienstaufsicht den Landkreis wieder zu einer tierschutzgerechten Genehmigungspraxis bringt.

Sie werden, fürchte ich,  enttäuscht werden – angesichts der noch-amtierenden CDU/FDP-Landesregierung und den willfährigen, das Tierschutzrecht bewusst hintanstellenden Landkreisbeamten unter Verantwortung des Landrats Reinhard Winter (CDU).

(Quelle PM und Foto ©  NABU)

9 Antworten to “Entsetzt”

  1. kib said

    Oh, NABU? Unlängst gab es (nach der feierlichen Bestattung eines verstorbenen Hirschkäfers) eine charmante Zusammenarbeit zwischen Golfclub & NABU. Hier in Lingen und nicht in Dörpen.

    Den Link der NOZ aus der vergangenen Woche habe ich nicht zur Hand: Es ging –glaub ich- um Nistplätzen von „Krawallfinken“.

  2. klarura said

    Tzz Tzz, immer diese Negativbeiträge.
    Buggy bitte melden und uns erklären, warum solche Ställe so toll sind.

    • Buggy said

      ich war sehr erleichtert, dass die beiden Ställe in Wippingen genehmigt wurden. Entsetzt bin ich über die Reaktionen der Stallgegner. Insgesamt finde ich es bedauerlich, dass die Thematik um die Stallneubauten anscheinend jetzt in LK Emsland öffentlichkeitswirksam ausgetragen werden soll. Das vorbeugende Brandschutzkonzept ist gut und auch das einzige was wirklich taugt. Vermutlich müssen ALDI-Märkte weniger Auflagen erfüllen….

      Aber es ist immer noch extrem schwierig einen neuen Stall zu genehmigen- entweder wird da vom Landkreis haargenau geprüft oder einfach nur auf Zeit gespielt.

      Was da in Wippingen abgegangen ist, kann man schon als juristische Haarspalterei bezeichnen.

      Warum sind die Ställe so toll? Nun, die Neubauten sehen sicherlich anders aus, als der im obigen Photo abgebildete Stall.
      Und dann kann ich sagen, dass die großen Ställe deshalb gebaut werden, weil a) die Nachfrage stetig nach Geflügelfleisch steigt b) in diesem Haltungssystem die Futterkosten und Arbeitserledigungskosten sich stark minimieren lassen, so dass c) die Kosten für die Erzeugung von Geflügelfleisch sich auf einem sehr günstigem Niveau einpendeln und dadurch Landwirtsfamilien von diesen Erlösen leben können.

      • Lingenlight said

        Buggy, bei Dir komme ich immer wieder ins Staunen.

        Und deshalb zwingt es mich Dir, und deiner Schönschreiberei etwas die Augen zu öffnen.

        Auch wenn du glaubst, Dir kann so etwas nicht passieren, in Wirklichkeit bist Du schon im Sack drin, da brauch nur noch zugebunden werden.

        Daher für dich nur ein kleiner Filmausschnitt aus dem nachfolgenden Video

        Spiel das Video vor und start auf 8 Minuten, damit du nicht zuviel Zeit verschwendest.

        http://www.videogold.de/food-inc-was-essen-wir-wirklich-dokumentation-wdr/

        Und für alle kritiscchen Blogleser, ein sehr langer Film aber haben wir nicht oft die Zeit mit sinnlosen Dingen die Zeit vertrieben, nachdenken, wir sind es unseren Kindern unserer Gesundheit und Heimat schuldig.

        • kib said

          @ lingenlight: ich finde, Sie haben nicht nur Ihren Aliasnamen mit sehr viel Bedacht gewählt; es gibt wesentlich heftigeres filmisches Material. Dank Ihnen für die verträgliche Dosis- die vielleicht einige zum Nachdenken anregt (weniger kann auch mehr sein)
          Ihr Schlusssatz gefällt mir besonders gut: Wir, die Gesellschaft sollten erkennen, dass Systeme erkrankt sind bzw. „Buggy“ (und auch ich) nur Rädchen dieser Gesellschaft sind („so“ oder „so“ ….vielleicht auch anders bzw. andere).

          https://robertkoop.wordpress.com/2010/12/19/ministerputen/#comment-6011

  3. kib said

    @ Klarura, Sie konnten mich vermutlich nur falsch verstehen: Meine Haltung zu „Mastanlage“ ist in Beton gegossen. Die gehören verboten (fast hätte ich den leidigen Fehler begannen „sind verboten“ zu schreiben- aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt).
    In diesem Zusammenhang die Formulierung „Anlage“ zu verwenden, empfinde ich als sprachlich inflationär…scheint aber-wie vieles- im Trend zu liegen; Begrifflichkeiten über die sich kaum jemand mehr Gedanken macht- leider.

  4. Tiger, T. said

    Herr Buggy analysiert:
    „… dass die großen Ställe deshalb gebaut werden, weil a) die Nachfrage stetig nach Geflügelfleisch steigt …“

    Es handelt sich also um eine Sucht,
    eine Art Fleisch-Sucht,
    mit all den bekannten Suchtfolgen:

    1. Gegenmaßnahme:

    Striktes Werbeverbot für Fleisch- und Wurstwaren (vgl. Werbeverbot für Tabak und Rauchwaren).

    2. Gegenmaßnahme:

    Schrittweise Einführung einer Fleischsteuer (vgl. Tabaksteuer)

    Herr Buggy weiter:
    „… und dadurch Landwirtsfamilien von diesen Erlösen leben können.“

    3. Gegenmaßnahme:

    Hilfsprogramm für deutsch Landwirtsfamilien: Die Bundesregierung schnürt ein großzügiges Hilfspaket (Gelder und gezielte Aufklärungskampagne) nach dem Vorbild des ISAF-Konzeptes für Afghanistan: „Ende des Mohnanbaus – neue Anbauprodukte am Hindukusch“.

    • Buggy said

      Fleischsteuer! Hui, wenn das eine Partei fordert, wird sie nicht mehr gewählt!
      Auch die Vorschriften, an bestimmt Tagen kein Fleisch zu essen, kommt nicht unbedingt gut an bei der breiten Bevölkerung.

      • Ich finde Massentierhaltung entsetzlich. Ich finde es daher – Achtung! – gut, dass Buggy immer wieder darauf hinweist, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. In dem Sinne: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! In Emsbüren wird gerade der nächste McDonald’s gebaut, und die Schlangen vor den Drive-Throughs sind überall lang…

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