Fortschritt

22. November 2011

„Greetland“, der umstrittene 82-Mio-Euro-Ferienpark im ostfriesischen Greetsiel, kommt nicht.  61.9 Prozent der Einwohner in der Gemeinde Krummhörn, zu der Greetsiel gehört, haben sich am Sonntag bei einer Bürgerbefragung gegen das Projekt ausgesprochen. Nur 38 Prozent stimmten dafür. Ein Investor aus Sachsen wollte „Greetland“ auf knapp 9 Hektar direkt vor den Toren Greetsiels bauen. Ferienwohnungen, ein Vier-Sterne-Hotel mit Restaurant und Schwimmbad sowie eine Wasserburg als „architektonisches Highlight“ waren geplant.

Bislang besuchen mehr als eine Million Touristen pro Jahr Greetsiel, weil der Ort geprägt ist von Windmühlen, historischen Giebelhäusern und Krabbenkuttern im Hafen. Da musste der sächsische Plan zu einem klassischen Konflikt führen: Die 2009 gegründete Bürgerinitiative „Stopp Greetland“ sammelte mehr als 15.000 Unterschriften gegen das Vorhaben. Ihre 100 Unterstützer verfolgten dabei ganz unterschiedliche Ziele. Manche hielten das Projekt für zu groß und befürchteten einen Preiskampf bei den Tourismus-Angeboten, andere warnten vor dem Verkehr von 20.000 zusätzlichen Pkws oder der Zerstörung des Landschaftsbildes und des dörflichen Charakters. Die Befürworter erhofften sich dagegen vor allem rund 100 neue Arbeitsplätze und deutlich bessere touristische Möglichkeiten als bisher.

Am Sonntagnachmittag dann waren die Sprecher der Bürgerinitiative  überglücklich und sprachen von einem großartigen Erfolg. „Wir sind überglücklich, das Ergebnis ist eindeutig“, sagten Diane Saathoff und Petrus Boomgarden von der BI.

Das sah Bürgermeister Johann Saathoff (SPD) auch so. Der SPD-Mann war für Greetland, will aber  das Ergebnis der Befragung respektieren. Greetland sei gestorben, sagte er. Jetzt aber, so Saathoff,  müsse überlegt werden, wie es mit dem Tourismus in der Region weitergehe. Insgesamt zeigte er sich von dem Ergebnis enttäuscht, weil sich „die Bürger für das Traditionelle und gegen den Fortschritt entschieden“ hätten. Doch vielleicht, denke ich mir, haben sich die Bürger am Sonntag auch für nachhaltigen Fortschritt und gegen traditionelle Dynamik entschieden.

Sehr enttäuscht äußerte sich Unternehmensberater Klaus Freund von der Greetland-Projektgesellschaft. „Wir haben viel Arbeit und Kapital in das Projekt gesteckt. Das Ergebnis schmerzt, wir sind von der Deutlichkeit überrascht.“ Der mit der Landesregierung erarbeitete Masterplan für den Tourismus an der Nordsee habe einen Rückschlag erlitten. Mit dem Aus würden auch keine der angepeilten 100 neuen Arbeitsplätze entstehen. „Kein Investor wird dort einen neuen Anlauf starten“, sagte Freund.

Die Ostfriesen-Zeitung kommentierte gestern, die Bürgerbefragung sei ein Lehrstück für die Demokratie, setzte aber hinzu, es gelte jetzt die Schwächen im Tourismusangebot zu stoppen,die sich nach einem Blog so zeigen, dass „Scharen von Ausflüglern und Ausflügerinnen durch die Einkaufsstraße ziehen und sich in den Läden die immer gleichen Sortimente von maritim-touristischem Kitsch anschauen“. Das Nein allein sei zu wenig.

Also wollen wir mal sehen, ob die Krummhörner das jetzt erkennen und was sie ggf. aus der Erkenntnis dann machen.

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(Quelle: Ostfriesen-Zeitung. Foto: Hafen von Greetsiel im März 2011, © Sail over CC)

5 Antworten zu “Fortschritt”

  1. Michael said

    Vielleicht wäre es ehrlich zu erwähnen, dass tatsächlich nur rund 35% der Wahlberechtigten gegen das Projekt gestimmt haben. Ganze 54,4% (!) haben sich nämlich gar nicht an der Abstimmung beteiligt.

    Wie immer haben die Gegner solcher Projekte mit größerer Energie und Vehemenz gekämpft. Die Mehrheit hat sich nicht die Mühe gemacht, sich eine Meinung zu bilden bzw. diese auszudrücken.

    In der gerade erst abgehaltenen Kommunalwahl hat der Bürgermeister der SPD 70,6 % der Stimmen erhalten. Er war Befürworter dieses Projektes – wie auch die gewählte Mehrheitsfraktion. Dort liegt die im Sinne der repräsentativen Demokratie größere Legitimation.

    Ich kann der Ostfriesen-Zeitung („Lehrstück der Demokratie“) nicht zustimmen: So funktioniert Demokratie ganz und gar nicht! Sie führt von der bei uns (leidlich) funktionierenden repräsentativen Demokratie zur Kravall-Demokratie – wer am lautesten protestiert und wer am meisten Zeit dafür hat, hat Recht und bestimmt die Zukunft.

    Armes Deutschland.

    • ulrike said

      stuttgart 21

    • Frank said

      Sehr geehrter Michael!

      Bin ganz und gar nicht Ihrer Meinung. Eine Bürgerbefragung mit „Armes Deutschland“ in Verbindung zu bringen, zeugt schon von einer gewissen Arroganz, die eigentlich nur Politiker und Konzerne an den Tag legen, für die Bürger eigentlich nur lästig sind und sich am Wahltag von 08.00 – 18.00 Uhr beteiligen dürfen.
      Was ist in Ostfriesland passiert? Das was im Emsland sehr oft passiert… es wird ein Investor gesucht (oder es kommt einer) und über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden. Hier eine Arena, dort ein Kohlekraftwerk, dann eine Verbrennungsanlage oder auch Stromtrassen oder Biogasanlagen, Mastställe usw.. Im Vergleich früherer Jahre ist es aber so, dass die Bürger sich besser informieren, mündiger sind und sich wehren, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.
      Gerne werden die dann entstehenden Bürgerinitiativen dann verleumdet, diffamiert oder einfach nur als „Krawallmacher“ bezeichnet. In Ostfriesland haben die mächtigen Politiker und der Investor sich zurückgelehnt und wohl darauf vertraut, dass die geforderte 35 % Wahlbeteiligung bzw. eine Mehrheit nicht zustande kommt. Es gingen aber über 45 % zur Wahl und über 60 % stimmten gegen Greetland. EIn klares Votum, oder will man nun auch die Europawahlen ad absurdum fühlen, wo Parteien uns in Europa vertreten, die ein weit niedrigeres Votum bekommen? Ich denke, hier hat die Demokratie gesiegt… und wenn das Modell Schule macht, dann werden in Zukunft Abstimmungen nicht wegen Macht oder Geld gewonnen, sondern wegen der besseren Argumente! Bis dahin ist es aber leider noch ein weiter Weg…

    • Anne said

      @michael
      Ich finde die Bürgerbefragung in Greetsiel absolut gut und richtig.
      Dies schmälert keinesfalls den Anspruch und das Recht auf Entscheidungsfreiheit für den Gemeinderat. Ganz im Gegenteil, der Rat hat die Gefahr erkannt, die bei einer einsamen Entscheidung entsteht – eine Spaltung des Ortes – und der Rat hat sich für das Votum der Bürger entschieden.

      Die Rechnerei mit der Wahlbeteiligung ist immer wieder beliebtes Mittel eine eindeutige Entscheidung kleinzureden. Wenn es nach der Wahlbeteiligung allein geht, dann haben wir viele Parlamente, die sich nicht als repräsentativ bezeichnen dürften. Hab mir gerade den NDR Bericht angesehen, dort sagt jemand, die Wahlbeteiligung bei dem Bürgervotum sei höher gewesen wie bei der letzten Kommunalwahl, nur als Hinweis auf die Legitimation die Sie angesprochen haben.

      Bei einer Wahl treffe ich übrigens meine Wahl nicht nur auf Grund eines einzigen Themas, da spielen auch viele andere Gesichtspunkte mit. Und die Kommunalwahl im September war eben nicht die zu diesem Zeitpunkt bereits bekannte Bürgerbefragung zum Thema Greetland.

      Ich möchte jedenfalls auch gefragt werden, wenn in meinerm Umfeld ein Großprojekt dieser Größenordnung ansteht. Insbesondere dann, wenn der berühmte Investor mit seinem Projekt zielgerichtet erst nach der Wahl aufläuft.

  2. küster said

    Richtig, es ist natürlich beschämend für eine Demokratie, dass die Menschen sich daran nicht mehr beteiligen. Daran ist aber nicht die Demokratie als System schuld. Sondern daran tragen die Verantwortung, die Demokratie im Munde führen, aber nicht leben (Süssmann). Das am Ende immer noch gut 54% für eine Entscheidung sich die Zeit nehmen, bedeutet zwar einen Demokratieverlust, nicht aber eine unlegitimierte Entscheidung.

    In der Sache freue ich mich für Greetsiel. Als Fan der Nordsee freue ich mich jedes Jahr wieder auf den maritimen Schnickschnacklos, den ich genauso wenig kaufe wie Salamander in der Türkei. „Das schönste am Norden ist unsere Frisur“. Und eine Perücke wollten die Ostfriesen nicht! Und das ist gut so!

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