Bloß

11. November 2011

Ein Wohnmobil brennt aus, eine Wohnung explodiert – und plötzlich passen verstreute Puzzleteile spektakulärer Verbrechen zusammen. Alle Spuren führen zu Rechtsextremen. Operiert von Sachsen aus eine rechtsextreme „Braune Armee Fraktion“?

Offenbar hat ein und dieselbe, rechtsextremistische Verbrechergruppe den Mord an einer Polizistin aus Heilbronn und an neun Migranten verübt, die sog. Döner-Morde, eine aufsehenerregende Tötungsserie von 2003 bis 2006. Das bislang rätselhafte Motiv drängt sich inzwischen auf: Die Täter handelten aus rassistischen Beweggründen.

Seit vergangenen Freitag entblättert sich nämlich ein Kriminalfall, der nicht geglaubte Dimensionen erreicht. Man weiß bislang von Schauplätzen in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg. „So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt“, sagt ein Insider, ein Sicherheitsmann. Offenbar mehr als 13 Jahre hat ein Trio aus drei Neonazis, der 38-jährige Uwe Mundlos, der 34 Jahre alte Uwe Böhnhardt und die 36-jährige Beate Zschäpe, angeblich im Untergrund gelebt, die meiste Zeit vermutlich in Zwickau, mit falschen Namen, zuletzt als Untermieter in der mutmaßlich von Beate Z. angezündeten Wohnung. Offenbar mit zahlreichen Banküberfällen haben sie ihren Lebensunterhalt bestritten.

Ihre blutige Spur zieht sich durch ganz Deutschland: Drei Morde ereigneten sich in Nürnberg, zwei weitere in München, jeweils ein Mord geschah in Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel. Zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 wurden  drei Gemüsehändler, zwei Schnellimbissverkäufer, ein Blumenhändler, ein Schlüsseldienstinhaber, ein Kioskbesitzer sowie der Betreiber eines Internetcafés kaltblütig ermordet. Alle Opfer waren Zuwanderer. Die Mörder kamen am helllichten Tag, schossen ihren Opfern – acht türkischen (Foto oben) und einem griechischen Kleinunternehmer – aus nächster Nähe in den Kopf und verschwanden, ohne große Spuren zu hinterlassen. Die jeweils verwendete Waffe lag jetzt in der mutmaßlich von Beate Z. in Brand gesetzten Wohnung in Zwickau.

Im Fall der in Heilbronn ermordeten jungen Polizistin tappten die Ermittler rund viereinhalb Jahre lang im Dunkeln. Man erinnert sich an diese Groteske: Monatelang suchten sie nach einem “Phantom”. Im März 2009 stellte sich heraus, dass die vermutete heiße DNA-Spur von verunreinigten Wattestäbchen stammte.

Dann überfielen am 2. November zwei Männer eine Bank in Eisenach. Beide wurden kurz darauf erschossen in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden.Tage später stellte sich Beate Zschäpe (Foto lks.), die mit ihnen in Zwickau zusammengelebt hatte,  im Beisein ihres Rechtsanwalts  der Polizei, wurde festgenommen, ist inzwischen verhaftet und schweigt seither. Bei der Durchsuchung der ausgebrannten Zwickauer Wohnung konnte die Pistole sichergestellt werden, mit der sämtliche „Döner-Morde“ begangen wurden; im ausgebrannten Wohnmobil fanden Ermittler auch die entwendeten Dienstwaffen aus dem Heilbronner Polizistenmord. Inzwischen ist längst bekannt, dass das Trio dem rechtsextremistischen Thüringer Heimatschutz angehörte. In einer Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft hieß es dazu am Freitag:

Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen wegen des Mordanschlags auf zwei Polizisten in Heilbronn sowie der bundesweiten Mordserie zum Nachteil von acht türkischstämmigen und einem griechischen Opfer

Die Bundesanwaltschaft hat heute (11. November 2011) die Ermittlungen wegen des Mordanschlags auf zwei Polizisten in Heilbronn im April 2007, der Mordserie im Zeitraum von September 2000 bis April 2006 zum Nachteil von acht türkischstämmigen und einem griechischen Opfer in mehreren deutschen Städten sowie der schweren Brandstiftung in Zwickau vom 4. November 2011 übernommen.

Es liegen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind.

Im Wohnmobil der am 4. November 2011 nahe Eisenach tot aufgefundenen Uwe B[öhnhardt] und Uwe M[undlos] wurden die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten sichergestellt. In der Wohnung der Männer in Zwickau wurde zudem die Pistole aufgefunden, mit der in den Jahren 2000 bis 2006 die sogenannten Döner-Morde verübt wurden.Nach den bisherigen Erkenntnissen verfügten die verstorbenen Männer wie auch ihre mittlerweile verhaftete Gefährtin Beate Z[schäpe] bereits Ende der 1990er Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen. Bei der Durchsuchung der Zwickauer Wohnung wurde außerdem Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Es besteht deshalb gegen die Beschuldigte Beate Z[schäpe] der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie der schweren Brandstiftung […]. Gegenstand des Ermittlungsverfahrens ist auch die Verstrickung möglicher weiterer Personen aus rechtsextremistischen Kreisen in die Taten.

Mit den polizeilichen Ermittlungen hat die Bundesanwaltschaft das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen beauftragt.

Nach den bisherigen Erkenntnissen hatten die Männer und Beate Zschäpe schon Ende der 1990er Jahre Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen und tauchten dann unter. In ihrer Zwickauer Wohnung wurde außerdem ein rechtsextreme Propagandavideo sichergestellt, das ein rassistisch-rechtsextremes Motiv für die Morde belegt.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Beate Zschäpe  Mitglied in einer terroristischen Vereinigung war. Sie wirft ihr Mord, versuchten Mord sowie schwere Brandstiftung vor.

Der islamnixgut-Blog schreibt in einem sehr lesenwerten Beitrag:

„Was der 38-jährige Uwe M., der 34 Jahre alte Uwe B. und die 36-jährige Beate Z. verbrochen haben und verbrochen haben sollen, wurde bislang nur linken Terroristen wie der Roten Armee Fraktion oder Profis aus den Milieus der organisierten Kriminalität zugetraut. Aber doch nicht Rechtsextremisten? Die können doch kaum mehr als Suff und Prügel? Ein Irrtum. Nicht erst seit vergangenen Freitag, aber jetzt erst recht. Und der Staat war ahnungslos? Oder war er sogar verstrickt?

Um die Dimension dieses Kriminalfalls zu begreifen, muss man weit zurückgehen. Ins Jahr 1998, als der Thüringer Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht einen „Rohrbombenfund in Jena“ preisgibt. Am 26. Januar des Jahres hatte die Polizei in einer Garage im thüringischen Jena vier funktionsfähige Rohrbomben entdeckt. Der Verfassungsschutz nennt, eher ungewöhnlich, die verdächtigen Bombenbastler mit vollem Namen, was er sonst nur bei Führungsfiguren tut. Es sind Uwe M., Uwe B. und Beate Z. Die Garage wurde von ihnen als Bombenwerkstatt genutzt. Das Trio soll bereits 1996 und 1997 Sprengkörper und Bombenattrappen gebastelt haben. Einige Attrappen sollen die drei an Rathaus und Polizei in Jena geschickt haben und an die „Thüringische Landeszeitung“. Daraufhin wurde im Januar 1997 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Und er analysiert:

„Denn da ist auch noch die Frage, ob die thüringischen Sicherheitsbehörden womöglich mit Schuld sind am Verschwinden des Neonazi-Trios im Januar 1998. Stutzig macht, dass Uwe M., Uwe B. und Beate Z. damals der rechtsextremen Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz (THS)“ angehörten, deren Anführer,Tino Brandt, später als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt wurde. Könnte es sein, dass Tino Brandt von seinem V-Mann-Führer aus dem Verfassungsschutz Interna erfuhr – und weitergab, zum Beispiel an das Jenaer Trio?

Der seit November 2000 amtierende Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Thomas Sippel, weist den Verdacht zurück. Doch sein Vorgänger, Helmut Roewer, wird noch heute in Sicherheitskreisen als Problemfall beschrieben. Auf eine Anfrage des Tagesspiegels antwortet Roewer, er beschäftige sich zur Zeit „bevorzugt mit zeitgeschichtlichen Problemen“, für Fragen zu seiner Zeit im Verfassungsschutz stehe er nicht zur Verfügung.

Dann ist da noch das Gerücht, das Landeskriminalamt Thüringen habe die flüchtige Bande 2003 im Blick gehabt. Das LKA hatte sogar Zielfahnder eingesetzt. Doch es gab keinen Zugriff. Die Staatsanwaltschaft Gera stellte dann das Verfahren gegen das Trio ein. Wegen Verjährung.

Uwe M[undlos], Uwe B[öhnhardt] und Beate Z[schäpe] wurden offenbar gar nicht mehr gesucht… „

Es waren ja auch bloß Rechtsextreme…

(Quellen: politblogger; islamnixgut) Mehr

7 Antworten to “Bloß”

  1. Rolf Heinrich said

    Danke Herr Koop, dass sie diese Thematik hier aufgreifen; habe es eigentlich auch erwartet …
    Für eine eigene Meinungsbildung fehlen mir noch zu viele Informationen und die Worte, daher mehr Fragen als Antworten:Dennoch rumort es gewaltig in mir, gerade an einem Tag wie heute, Stichwort Gorleben! Denn:
    Bürgerinnen und Bürger, die friedlich seit Jahrzehnten gegen das sog. Atomendlager in Gorleben demonstrierten, wurden von den staatlichen Organen stets kriminalisiert, das Polizeiaufgebot gegen Demonstranten konnte nicht groß genug sein, Züge wurden auf freier Bahnstrecke gestoppt, Bundesstraßen gesperrt, alles wurde gefilmt, jeder war verdächtig: Staatsfeinde!

    Heute nun dieser Nachrichten-Mix: Gorleben, ach so, nee, ätsch, ihr lieben Bürger, war nicht so gemeint, wir fangen noch einmal von vorne an (nachdem 1,6 Mrd. Euro in den Sand/Salz gesetzt wurden): weiße Landkarte usw, oder doch wieder Gorleben: Nebelkerzen!
    Gleichzeitig sickern immer mehr Informationen über die rassistisch motivierten Morde rechtsextremer Terroristen mitten in unseren Land durch, seit über zehn Jahren. Wo waren da Polizei und Justiz? Wie gut besetzt waren die Sonderkommissionen der Polizei, wenn ein türkischer Gemüsehändler erschossen wurde! Gab es überhaupt eine, war doch nur so ein …

    Die Frage steht im Raum: Sind Poizei und Justiz auf dem rechten Auge immer noch blind?
    Leider gibt es hier eine lange Tradition in Deutschland; Anfangspunkt waren die revolutionären Ereignisse nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 (Doku auf Arte!). und die Urteile der Gerichtsbarkeit.
    Hat sich nichts geändert?

  2. auchauslingen said

    „es waren ja auch bloß Rechtsextreme“

    ich weiß nicht genau, was Sie damit ausdrücken wollen, aber mir scheint es so, daß (zumindest in den alten Bundesländern) der „linke“ Terror (siehe Hamburg und Berlin) nicht so richtig ernstgenommen oder aus irgendwelchen (politischen?( Gründen nicht mit derselben Konsequenz wie der braune Terror verfolgt wird.

    Daraus kann man natürlich prima eine „die im Osten decken die Braunen“-Welle lostreten ;.)

    Sehen wir das Ganze mal positiv: Endlich mal wieder ein spektakulärer Kriminalfall in deutschen Landen, Wedel und Co. wetzen bereits die müden Fingerchen auf dem Drehbuchentwurf.

    In einer Reihe mit Dagobert, dem Kaufhauserpresser, den Drach-Boys und dem unvergessenen Gladbeck-Dreamteam R. und D.

    Da kann Schimansky endlich in Rente gehen. 🙂

    • Rolf Heinrich said

      Peinlich!

    • Vielleicht hätten Sie bei mindestens 10 Toten etwas länger nachdenken können, bevor Sie in die Tastatur greifen?

      • ulrike said

        Mich ärgert jedesmal in solchen Fälle das Wort „Terror“ mit dem Hinzufügen von irgendeiner politischen Richtung wie z. B. links,rechts separatistisch, religiös,islamistisch usw. usw. Es geht schlicht um M O R D , da ist jeder Zusatz obsolet. Den Opfern ist es egal,mit welchem Adjektiv der Täter bezeichnet wird, die Opfer sind “ lebenslänglich “ tot. Und Ermittlungsfehler sind bei Schwerkriminalität ganz besonders fatal , ohne das ich unterstellen würde, daß manche Täter eine bevorzugte Nichtbeachtung fänden.

  3. gefundenbeifefe said

    gefunden heute bei fefe:

    „Wir haben also seit vielen Jahren eine „Braune Armee Fraktion“ im Lande, die Polizisten umbringt und landesweit Dönerbudenbesitzer umbringt. Und der Verfassungsschutz merkt NICHTS davon? Weil, äh, ja warum eigentlich? Die haben doch mehr V-Männer als normale Mitarbeiter bei den ganzen Nazi-Organisation. Beim „Thüringer Heimatschutz“ haben sie sogar den Chef gestellt.
    Anders ausgedrückt finanziert der „Verfassungsschutz“ seit Jahren Nazi-Gruppierungen und gibt ihnen logistische Hilfe, während ihre Enforcement-Arbeit sich praktisch vollständig auf das Herbeihalluzinieren, Überwachen und Unterdrücken von „Linksterroristen“ beschränkt.

    Nicht nur suchen die also da, wo nichts ist, wie helfen auch aktiv denen, die wirklich gefährlich sind, als Gegenleistung für Informationen, die dann offensichtlich nicht kommen.

    Ich schlage vor, dass wir den Verfassungsschutz zumachen. Damit schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens wird den Nazis das Geld entzogen, und zweitens haben die Gentrifizierungsforscher wieder ihre Ruhe.

    Update: Oh und dann ist da noch das hier:

    Damals nahm die Kasseler Polizei einen Mitarbeiter des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz als Verdächtigen fest, weil er zum Zeitpunkt der Erschießung des Internetcafébetreibers Halit Y. am Tatort war, sich aber als einziger der Anwesenden nicht für eine Zeugenaussage meldete.
    Damals ist 2006 anlässlich der Döner-Morde. Nachdem der Mann festgenommen wurde, hörte die Dönermordserie auf.“

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