1549

7. Oktober 2011

Die neue Doppelgastronomie „1549“ und „Ratskeller“ wird hoffentlich eine kulinarische Bereicherung für die Stadt. Die bauliche Renovierung des Gebäudes scheint mir gelungen. Die ersten Gestaltungsvorschläge sind erfreulicherweise deutlich verbessert worden. Gut so! Ich nehme an, dass dies bei der gestrigen inoffiziellen Eröffnung durch Andreas Eyinck, Chef des Emslandmuseums und längst spiritus rector der Lingener Baugeschichte, bei seinem Vortrag auch unterstrichen worden ist. Mir gefällt die geschaffene, äußere Klarheit des renovierten Hauses, dessen Geschichte auf das Jahr 1549 zurückgeht. Es überzeugt vor allem auch das Fehlen von Werbung: Kein drangeschraubtes Blechschild von Bierlieferanten und Brauereien, keine von diesen so schrecklich missgestalteten, bierseeligen Lampen an den Außenwänden, keine schwülstige Preisliste. Bislang sieht man nur die klare, einfache Fassade.  Ich hoffe, dass dies so bleibt, weil es beweist, dass weniger (oder keine) Werbung für das Haus und seine Nutzung mehr ist.

Leider verschiebt es sich in Lingen, wie ich hier und andernorts schon häufig beklagt habe, hin zu immer mehr  Werbung an den Häusern und auf den Straßen. Ein Blick in den neuen, kleinen Lingen-Bildband von Richard Heskamp und  -eben- Andreas Eiynck (Foto unten) zeigt, wo die Gestaltungsprobleme des Stadtkerns liegen: Manche Aufnahmen vermitteln dem Betrachter nur Irritierend-Klebriges wie etwa die Werbeorgie in der Lookenstraße und all diese Werbesonnenschirme oder auch vermeintliche Kleinigkeiten wie der pratzige Bitburger-Aufkleber am Qurt oder das sich fett in der Vordergrund drängende Deutsche-Bank-Logo am Haus Am Markt 17. Ein dickes Lob an Katrin Micklitz, die den schmalen Bildband so klug gestaltet hat. Ihr Layout und ihre Präsentation der Aufnahmen von Richard Heskamp begrenzen geschickt die lokalen Kommerzbotschaften, blenden sie weg oder entlarven sie als Tand  und Trug. So vermittelt das Buch zugleich trefflich dieses zeitgeistig-gleichgültige Laissez-faire einer desinteressierten Bauverwaltung; es überzeugt auch fast zwangsläufig, wenn in ihm die großen, architektonisch nicht überzeugenden Lingener Bauvorhaben der letzten Jahre entweder gar nicht (Haus Huesmann, Busbahnhof) oder optisch wie ein Fremdkörper (Medicus-Wesken-Haus) daher kommen. Und indem Katrin Micklitz sensibel Ausschnitte der Aufnahmen Heskamps präsentiert und sich vielfach auf sie  beschränkt, zeigt es die immer noch vorhandenen baulichen Stärken Lingens.

Zurück zum „1549“ und zum „Ratskeller“: Was muss noch gesagt werden zur grundsätzlich gelungenen Renovierung des Hauses? Lingen darf sich über den Erhalt der historischen kleinen Gasse mit ihrem nun fast 100-jährigen Pflaster ebenso freuen wie über die 80jährigen, historischen Dachpfannen, die dem Ratskeller „Am Markt 13“ erhalten blieben. Da stört wirklich (nur aber auch heftig)  diese, erst vorgestern vor den Hausgiebel gegenüber vom hist. Rathaus geschraubte Emslandmarkise – gestreift und völlig verunglückt. Liebe Hausherren Chris und Mark Hofschröer, bitte schraubt das Teil so schnell wie möglich wieder ab. Es verhunzt Eure gelungene Restaurierung; einige Sonnenschirme sind besser (aber bitte -!!- ohne Bitburgerveltinsjeverköpiundwasweißich-Bierwerbung).
Ansonsten, und nachdem sich die Kritik vom Jahresbeginn so gelohnt hat,  (m)einen herzlichen Glückwunsch zum neuen Ratskeller.

Nachtrag:
Da sehe ich heute zwei (!) Werbeschilder einer nicht unbekannten Duisburger Brauerei links und rechts am Giebel des neugestalteten „Ratskeller“, gleich unterhalb der störenden längsgestreiften Markise. Schade. Ich sollte mir ein Lob gar nicht erst angewöhnen.  Von den anderen Schwachpunkten, die mir heute ein Architekt an Ort und Stelle gezeigt hat, schreib ich lieber erst mal nichts. 😦

2 Antworten to “1549”

  1. Beim Bummeln durch die Stadt habe ich die Gelegenheit genutzt, einen Blick auf die Speisekarte des Ratskellers zu werfen. Bedauerlicherweise wie so häufig bei Restaurants mit deutscher Küche sind die Vegetarier als Gäste vergessen worden. Bis auf eine Vorspeise fand ich nichts für Anhänger der fleischlosen Kost. Schade. Aber da fällt dem Koch doch bestimmt etwas Leckeres ein???

  2. Die Preisliste wird schon noch kommen müssen: „Neben dem Eingang der Gaststätte ist ein Preisverzeichnis anzubringen, aus dem die Preise für die wesentlichen angebotenen Speisen und und Getränke ersichtlich sind.“ (§ 7 Abs. 2 Satz 1 der Preisangabenverordnung) Dass die Preisliste „schwülstig“ aussehen muss, steht allerdings nicht in der Verordnung …

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