Sex-Sender

30. September 2011

Gerade auf der Internetseite des NDR. Die Überschrift des Beitrags lautet  „Sex-Priester kommt erneut davon“. Ich frage mich angesichts der reißerischen Schlagzeile, ob sich der verantwortliche Redakteur (m/w) des öffentlich-rechtlichen Senders gerade bei der BILD oder einer anderen Boulevardpostille bewirbt und einen Eignungsnachweis braucht.  Sachlich und informativ, folglich richtig ist anders, lieber Sex-Sender.

Was ist im Übrigen passiert? Eine Frau hat den ehemals in Spelle tätigen Pfarrer eines gewaltsamen sexuellen Übergriffs beschuldigt. Das hatte schon eine andere getan und deren Beschuldigung war unglaubhaft, wie eine ausführliche Beweiserhebung ergab.  Jetzt sagt die zweite Frau, sie habe „eingesehen, dass mit ihren Angaben eine Verurteilung nicht zu erreichen sei und deshalb ihre Anzeige zurückgezogen“. Der NDR zitiert mit diesen Worten den Pressesprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Osnabrück, Dr. Alexander Retemeyer.

Für mich stellt sich angesichts dessen die Frage, ob mit der Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den Pfarrer der Mantel staatsanwaltlicher Vergebung über die  Anzeigeerstatterin und ihre „zurückgezogenen“ Behauptungen gelegt wird. Eigentlich ist nämlich der Anfangsverdacht einer falschen Verdächtigung gegeben und deshalb muss gegen die Anzeigeerstatterin ermittelt werden. Falsche Vorwürfe in Sexualstrafsachen sind nämlich stets ein Schlag in das Gesicht jedes Opfers einer Sexualstraftat.

12 Antworten zu “Sex-Sender”

  1. s.stueting said

    Man kann das auch anders lesen:
    1. im ersten Verfahren sind die Aussagen der damals 14-jährigen ausführlich gutachterlich überprüft worden, und wohl für nicht ausreichend glaubhaft eingestuft worden
    2. die Aussagen des Beschuldigten stehen dagegen – sind diese auch gutachterlich untersucht worden?
    3. es gibt verschiedene Ebenen von Gewalt – wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wird sich bewusst sein, dass er auch ohne körperliche Gewalt Dinge erzwingen kann. Die Frage des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener war nicht untersucht worden, da verjährt.
    Ich finde es verständlich, dass in einem weiteren so gelagerten Fall die Frau die Aussage zurückzieht, um sich nicht den gleichen Würdigungen unterziehen zu müssen.
    Gibt es einen legalen sexuellen Gebrauch minderjähriger Schutzbefohlener?

  2. Aktenzeichenverteiler said

    Es ist schon sauber von Robert Koop herausgearbeitet, um was es geht, nämlich um Strafrecht, nicht aber um Moral. Natürlich ist der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen strafbar. Aber die Strafbarkeit ist hier lange verjährt.
    Nicht verjährt gewesen wäre sexuelle Gewaltanwendung. Die hat die damals 14jährige behauptet. Ihre Behauptung ist aber nicht glaubhaft.
    Es kommt nicht darauf an, ob der Beschuldigte glaubhaft ist. Wenn der Staat jemanden bestrafen will, muss er dessen Strafbarkeit nachweisen. Niemand muss seine Unschuld beweisen. Das sind rechtsstaatliche Grundfeste, über die man nicht zu diskutieren braucht. Stellt man sie in Frage, stellt man den Rechtsstaat in Frage. Ich kann mir nicht vorstellen, Frau Stüting, dass Sie das ernsthaft wollen!

    • s.stueting said

      @Aktenzeichenverteiler
      Danke, dass Sie meine Treue zum Rechtsstaat nicht in Frage stellen.
      Dass niemand seine Unschuld beweisen muss, ist allerdings nicht richtig. In Fragen der Arzthaftung zum Beispiel gibt es das Prinzip der Beweislastumkehr. Diese Ausnahme hat der Gesetzgeber wohl als erforderlich angesehen, um das an anderer Stelle aus politischen Gründen ja gerne verneinte Gefälle zwischen Arzt und Patient auszugleichen. Das zu diskutieren, führt aber zu weit..
      Damit ist natürlich nicht gemeint, dass der Rechtsstaat von vornherein jeden Arzt für schuldig hält – genauso wenig, wie jeder Mann ein Vergewaltiger ist…
      Mit meinem Beitrag ging es mir vor allem um den juristischen Reflex, nun einen Anfangsverdacht der falschen Verdächtigung gegen die zweite Frau festzustellen. Das wäre in meinen Augen ein falsches Signal an betroffene Frauen, die sich im Allgemeinen eben wegen der schwierigen Beweisführung und der zu erwartenden – jetzt nicht übertragen gemeint – peinlichen Befragungen ja gründlich fragen müssen, ob Sie eine Vergewaltigung anzeigen. Das könnte man ja nur raten, wenn von vornherein hundertprozentige Sicherheit auf Verurteilung des Beschuldigten gegeben ist. Das wird kaum je der Fall sein – vor Gericht und auf hoher See… und ansonsten wird die Anklagende ihrerseits automatisch wegen falscher Aussage verklagt???

      • kib said

        @ Sabine: Ich bin fürchterlichst verwirrt!!!!

        • s.stueting said

          O.K., wir befinden uns offensichtlich in einer gender-Debatte…. Aber zum Nachdenken: Angezeigt werden ca. 5% der Vergewaltigungen. Von diesen Anzeigen führen ca. 14 % zu einer Verurteilung.
          Angenommen, es gäbe keine Falschbeschuldigungen, ergäbe das ein vernachlässigenswertes Risiko von weniger als 1 % für den Vergewaltiger.
          Da ich nicht davon ausgehe, dass 99% von den Opfern erfunden werden, bleibe ich dabei: wenn die zweite Frau ihre Anzeige zurückzieht, weil sie keine Chance auf eine Verurteilung des Täters erkennt, ist das eine rationale Entscheidung.

          • Adelheid J. said

            @s.stueting
            Sie führen mit Ihren Zahlen in die Irre. Ob jemand schuldig ist, darf keine Frage von Prozenten sein! Kein Geistlicher muss sich von einer Frau einer Vergewaltigung beschuldigen lassen, die ihre Anzeige zurückzieht, wenn sie subjektiv glaubt, sie könne ein Gericht nicht überzeugen. Darf sie das tatsächlich nach ihrer Meinung, da sie vielleicht „rational“ recht haben könnte? Ich halte ein solches Verhalten für total opportunistisch und willkürlich, also keineswegs für rational.

          • Durchblick said

            „Ratio“ kommt von „Verstand“!
            Also doch rational.

            Aber schonmal dran gedacht, dass die Frau damit innerlich abgeschlossen hatte, es fast vergessen oder verdrängt hatte?
            Das sie sich diesem juristitischen Kleinkrieg eben aus rationalen Gründen nicht stellen möchte. Sie die Schmach nicht ertragen könnte alles nochmal vor Augen zu haben und am Ende doch nur zu verlieren?
            Was maßen sich hier eigentlich einige an über die Frau so urteilen zu dürfen?
            In diesem Blog ist anscheinend jder zweite ein Rechtsanwalt oder Richter.

          • kib said

            @Sabine: Ich benötige wahrlich nicht eine Aufforderung zum Nachdenken!
            Insbesondere im konkreten Fall, denn ein derart komplexes Thema hätte ich niemals in einem Blog diskutiert.
            Insbesondere als Ärztin und erster Vorsitzende einer Wählervereinung nicht, ohne zu spezifizieren, wie „Genderdebatte“ definiert ist:
            als soziale oder psychologische Debatte bzw.
            als eine politische Auseinandersetzung (wie von den „Piraten“ diskutiert“) oder gar als statistisches „Wirrwarr“ (ohne Quellangabe a la KTzG) wie hier platziert?

            Im Zusammenhang mit dem für beide Seiten sehr unwürdigen Prozess gegen Kachelmann bzw. seinem vermeintlichem Vergewaltigungsopfer ein Zitat vom ehemaligen Generalstaatsanwalt Hans-Jürgen Krahe (in einer „Anne-Will-Talkrunde“) zum Thema Vergewaltigung:

            „Meiner Tochter würde ich im Zweifel nicht raten, zur Polizei zu gehen. Es ist traurig. Für die Frau ist das eine Tortur.“

            Dieser Satz eines erfahrenden Juristen löste Empörung* aus, und er macht zugleich nachdenklich: Was ist los in diesem Rechtsstaat, wenn Frauen eine so schwere Straftat wie Vergewaltigung aus „rationellen Gründen“ besser nicht anzeigen bzw. was geschieht „emotional“ mittel- bis langfristig mit diesen Frauen (und hiermit meine ich ausdrücklich keine psychologische Durchleuchtung in Bezug auf ihrer „juristische Glaubwürdigkeit“)?

            * u.a. weil er als Jurist eine emotional/familiäre Ebene angesprochen hat!

  3. Hans Peters said

    Sehr kurz gesprungen, Frau Stüting. Es geht bei der Frage, ob der Staat jemanden bestraft nicht um die zivilrechtliche Beweislastumkehr zwischen Privatleuten.
    Die Frage, ob die zweite Frau sich einer falschen Verdächtigung strafbar gemacht hat, muss untersucht werden. Sie hat den Priester einer äußerst schweren Straftat beschuldigt und hält diese Beschuldigung nicht mehr aufrecht. Ich nenne dies erst einmal eine reichlich üble Sache. Anderenorts gibt es dafür zu recht eine heftige Strafe. Denken Sie mal drüber nach, Frau Stüting.

  4. lingentheo said

    …zumal für den zu Unrecht Verdächtigten immer was haften bleibt, sei es: „da wird schon etwas dran gewesen sein…“ bzw. Tuscheleien hinter dessen Rücken u.ä….. Der Mann ist für den Rest seines Lebens gebrandmarkt.

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