Besserwisser

6. Juni 2011

Jens Beeck, FDP-Fraktionsvorsitzender im Lingener Stadtrat, hat (sich) am vergangenen Mittwoch einen besonders bemerkenswerten Wortbeitrag geleistet. Diskutiert wurden im Planungs- und Bauausschuss weitere „besondere Bauvorhaben“ in der Stadt, darunter ein 2000-Plätze großer Schweinemaststall direkt an der alten B70 bei Holthausen, südlich der dortigen Siedlung um das Ludwig-Windthorst-Haus. Es gab noch zwei weitere nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz durchzuführende Massentierhaltung-Anträge: Ein  36.000- und ein 20.000-Legehennen-Stall  im Süden der Stadt.

Meine Position dazu ist seit langem klar: „Das Boot ist voll!“. Es gibt in Lingen keine Ressourcen an Luft, Boden und Grundwasser  mehr, zusätzliche Massentierhaltung zu genehmigen. So habe ich das auch in der Sitzung zum Ausdruck gebracht. Dann meldete sich Jens Beeck zu Wort, begrüßte  in seiner Antwort auf meinen Beitrag („Den kann man nicht so unkommentiert stehen lassen“) alles, was hier beantrag ist, und setzte obendrauf: „Wir schulden es dem Kampf gegen den Hunger in der Welt, dass wir solche Anträge genehmigen.“

Kampf gegen den Hunger in der Welt mittels Massentierhaltung hierzulande. Neben Beeck saß Birgit Kemmer (Bündnis’90/Die Grünen), die oft geradezu andächtig schweigt, wenn Jens Beeck spricht. Vielleicht hätte sie ihrem liberalen Nachbarn Grundlegendes erläutern müssen, wie man es hier nachlesen kann. Überhaupt hat Jens Beeck keine Ahnung, wovon er spricht,denn:

  • Bei der Produktion jedes Kilogramms Fleisch entstehen ca. 6 kg Gülle. In Regionen mit intensiver Massentierhaltung sind die Folgen eine Versäuerung und Überdüngung der Böden sowie die Verunreinigung von Grund- und Trinkwasser. Weitere Folgen sind – je nach Lage – die Verödung von Grünland und Waldsterben. Auch die Fauna wird durch die Überdüngung geschädigt (insbesondere große Insekten), was negative Auswirkungen auf gesamte Ökosysteme hat.
  • Phosphat ist ein essentieller Nährstoff für Pflanzen. Dadurch, dass Futter häufig aus dem Ausland importiert wird, importieren wir große Mengen dieses Minerals, das Tiere über ihre Exkremente wieder ausscheiden, wodurch hier eine schädliche Über- und im Ausland eine Unterversorgung entsteht, die voraussichtlich noch in diesem Jahrhundert zu gravierenden Problemen führen wird. In einem Satz: Wir setzen die Zukunft der Nahrungsmittelversorgung aufs Spiel.
  • Durchschnittlich 5 kg Getreide werden benötigt, um 1 kg Fleisch zu produzieren. Bereits 40% der weltweiten Getreideernte werden von »Nutztieren« verschlungen, und wenn die Prognosen der Welternährungsorganisationen zutreffen, wird sich die Nachfrage nach Fleisch bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Bereits jetzt werden Regenwälder für die Fleischproduktion abgeholzt und bereits jetzt leiden eine Milliarde Menschen an Hunger. Und das, obwohl weltweit genug pflanzliche Lebensmittel produziert werden können, um weit mehr als 10 Milliarden Menschen zu ernähren.
  • Die Fleischproduktion verschlingt besonders viel Wasser. Es wird vorausgesagt, dass bereits im Jahr 2017 70% der Weltbevölkerung Probleme mit dem Zugang zu ausreichend Süßwasser haben werden, und trotzdem verbrauchen wir große Mengen davon für die Fleischproduktion – insbesondere in ärmeren Ländern, die Futter produzieren.
  • Laut Welternährungsorganisation verursacht die Tierhaltung 50% mehr Treibhausgase als alle PKW, LKW, Züge, Schiffe und Flugzeuge zusammen. Neuere Schätzungen kommen sogar zu noch dramatischeren Ergebnissen.

Die Ausweitung der Hühnermast in Niedersachsen dient vor allem dem Export auf den Weltmarkt, da der heimische Markt bereits gesättigt ist. In Europa wird überwiegend nur das Hühnchenbrustfleisch verzehrt. Die Reste wie Flügel, Schenkel und Hälse werden in einer riesigen Menge jährlich nach Afrika exportiert. Diese Hähnchenteile verlassen Europa tiefgefroren und stellen infolge fehlender Kühlketten auf dem afrikanischen Markt ein Lebensmittel äußerst fragwürdiger Qualität dar. Bis zu 85% dieser Fleischteile sollen nicht mehr für „den menschlichen Verzehr“ geeignet sein und zerstören nachhaltig die einheimischen Märkte in der Dritten Welt.

Fazit: Von den guten Gründen, die natürliche Umwelt in unserer Stadt nicht weiter zu belasten, ganz abgesehen und völlig unabhängig von den Zuständigkeiten eines kommunalen Ausschusses:  Wir schulden es dem Kampf gegen den Hunger in der Welt, dass wir keinen einzigen Antrag auf Massentierhaltung mehr genehmigen. Punktum.

(Quelle)

20 Antworten zu “Besserwisser”

  1. otto h said

    Danke für die Veröffentlichung!

    Doch mal erhrlich, was haben Sie von diesem pseudointellektuellen Dummschwätzer denn erwartet? Wenn es um Geschäftemachen geht, ist Jens Beeck doch immer ein lautstarker Befürworter jeglicher Aktivität, gleichgültig wie fragwürdig das Geschäft auch ist.

    Beeck hört sich nun mal sehr gerne reden. Daher redet er zum Verdruss seiner Zuhörer oft und kann kaum ein Ende finden. Dabei weiß er, stets durch ein enormes Halbwissen zu beeindrucken. So auch hier.

    Und von der Hausfrau und Mutter aus Überzeugung kommt doch eigentlich nie was Produktives. Sie sollten die Dame nicht überfordern.

  2. hans1550 said

    die maststelle müssen her für den kampf gegen die fdp. der hunger nach der sollte für jahrzehnte gestillt sein.

  3. Thomas said

    Der Wortbeitrag Beecks zeigt, warum er so sehr gegen Filmberichterstattung aus den Ratssitzungen ist. 😉

    Tja und Frau Kemmer ist halt Frau Kemmer – aus einem Ackergaul kann man kein Rennpferd machen.

  4. Senior Kiveling said

    Herr Beeck ist eine interessante rhetorische Erscheinung! Er hat die Fähigkeit, einen Informationsgehalt, der oftmals bei Null liegt, mit klarer Gedankenführung, hoher Emotionalität über einen längeren Zeitraum darzubieten. Um keine kritischen Nachfragen aufkommen zu lassen, holt er bewußt nicht am Ende eines Satzes Luft, sondern redet ununterbrochen weiter, dabei schaut er seine Zuhörer nicht an, sondern blickt meist verzückt zur Decke des Sitzungssaales im Rathaus. Die Kunst beherrscht er: Viel reden ohne was zu sagen! Bemerkenswert ist nur, dass es noch eine ganze Menge Volks gibt, die das faszinierend finden. Zum Glück ist er nicht OB geworden, denn dann wären seine inhaltlichen Oberflächlichkeiten sehr schnell offenbar geworden.
    Aber freuen wir uns über die kuriose Einmann-Partei im Stadtrat, sonst gäbe es da nichts zum Lachen!
    Wir schulden es dem Kampf gegen die Dummheit in der Welt, diese lächerlich zu machen!

  5. anonymus said

    „Wir schulden es dem Kampf gegen den Hunger in der Welt, dass wir solche Anträge genehmigen.“ -was ein Bockmist….

    hat ein bißchen was hiervon:

  6. PilzPaul said

    Mit Atomstrom gegrillte Hähnchen – ist es das, was die FDP will?

    • Christiane Adam said

      @otto h, @thomas und @senior kiveling
      Was für niederträchtige Bemerkungen! Schämen Sie sich!

      Die anderen Bemerkungen sind allerdings auch nicht besser! Schon mal den Begriff „unter der Gürtellinie“ gehört und verstanden, was damit gemeint ist? Mit sachlicher Argumentation hat dieses hier rein gar nichts mehr zu tun. Wobei, hatte es das je?

      Vergessen Sie bei all Ihrer selbstverliebten Polemik nicht: Sie reden hier über Menschen!

      • Tobi said

        Mal ehrlich Frau Adam, wer derartige Argumentation, wie sie offensichtlich von Hr. Beeck für den Stimmenfang gemacht wurde, toleriert, verdient diese minimale virtuelle Ohrfeige, das nennt man Zivilcourage, und nicht weghören. Die Gürtellinie ist da schon soweit unterschritten, das man nicht mehr darunter kommt. Und hoffentlich wird der Fraktionsvorsitzende etwas geläutert,

        • Christiane Adam said

          Zivilcourage mit anonymen Postings? Was ist daran Zivilcourage? Und die „Ohrfeigen“ für Frau Kemmer? Die sind auch verdient? Nix „mal ehrlich“! Es gibt Grenzen für alles!

          Tobi, waren Sie selbst dabei, als diese Argumentation, die Sie als Stimmenfang bezeichnen, gemacht wurde? Ich wäre bei solchen Dingen immer sehr vorsichtig, vor allem, wenn es darum geht, einen Menschen niederzumachen. Sowas ist ganz schnell geschehen!

          • Theobald Tiger said

            Stimme Ihnen zu, Frau Adam!

            War zwar nicht als Augen- und Ohrenzeuge dabei, kann mir aber denken, dass da viel Neid bei den Kritikern und politischen Gegnern im Spiel ist: Da steht jemand mutig auf und verweist im Rahmen des doch wirklich kleinkarierten Themas „Massentierhaltung im Landkreis Emsland“ auf den Hunger in der Welt. Dies ist doch ein erfrischendes Zeichen von Weitblick in unserem kleinen Mikrokosmos.
            Wäre gespannt, was der umtriebige Aufsichtsratsvorsitzende zum Thema EHEC zu sagen hätte:
            Ein Satz wie „Sprossenfenster sind absolut ungefährlich“ könnte den verunsicherten Menschen in diesen schweren Zeiten wenigstens ein bisschen Sicherheit geben. Vielleicht ergibt sich ja ‚mal in einerBauausschusssitzung die Gelegenheit zu dieser Botschaft.

    • Verbesserungsvorschlag:
      Mit Atomstrom im Hotel gegrillte Hähnchen – ist es das, was die FDP will?

  7. Tobi said

    Frau Adam, so wie ich Herrn Beck kennengelernt habe, bescheinigt er so dem Betriebsbuch einer Biogasanlage öffentlich im Vorbeigehen für richtig, absolut unseriös, und hinterher stellt sich das Gegenteil heraus. Wenn es darum geht, als Strahlemann zu glänzen, und dafür auch der Hunger der Welt herhalten muß, dann wundert mich das überhaupt nicht; das waren dann 12 Points.

    Und eine Ohrfeige für Frau Kemmer? Ist die denn daneben gesessen, und ist nicht eingeschritten? Dann, überlege ich mir auch das noch bis Morgen, wenn’s recht ist.

  8. Christiane Adam said

    Ich fasse dann mal zusammen: Frau Kemmer wird hier verdientermaßen virtuell minimal geohrfeigt, weil Herr Beeck einen Redebeitrag hatte, den er lediglich für Stimmenfang getätigt hat, obwohl ihm selber bewußt ist, daß es seinem Image schaden würde, Filmberichterstattung aus den Ratssitzungen zuzulassen. Ah ja, sehr einleuchtende Argumentation der Gruppe, schön herausgearbeitet, meine Herren!

    Sie finden eine minimale virtuelle Ohrfeige also gerechtfertigt? Sie entscheiden, wer sich eine Ohrfeige verdient hat? Eine Ohrfeige gilt als eine der entwürdigendsten Züchtigungsformen in unserer Kultur. Öffentlich vorgenommene Züchtigungen steigern die Demütigung um ein Vielfaches, das nennt man an den Pranger stellen. Hier nimmt sich also ein Trüppchen von Herren, die nicht einmal Manns genug sind, unter ihrem wahren Namen zu argumentieren, heraus, eine Frau mit übelsten Schmähungen zu überziehen, nur weil diese wiederum zu feige war, ihrem Ratskollegen öffentlich die Stirn zu bieten – was sie wiederum nur IHRER Meinung nach hätte tun sollen. (Ganz nebenbei gesagt, falls es für Sie relevant ist: Ich bin seit fast elf Jahren Vegetarierin aus Überzeugung, mir geht es hier lediglich um Ihre Rhetorik.)

    Und das alles von Herren, die sich scheinbar? offensichtlich? selbst politisch betätigen? Oder woher die vielfältigen und jahrelangen Erfahrungen mit Auftritten der beiden im Stadtrat (Begriffe wie „oft, stets, immer, nie“ legen dies ja nahe, und manch einer möchte gern auch weiterhin etwas zu Lachen haben.) Sind Sie also selbst politisch tätig (bei einem „Champi(gn)on“ hier bin ich sicher, daß er „einer der wenigen politisch-fortschrittlich denkenden Lingener Kommunalpolitiker“ ist), dann erwarte ich als Bürgerin, daß Sie mit Ihrem offenen Namen argumentieren. Dann könnte ich eventuell noch Zivilcourage unterstellen. So unterstelle ich schlicht und ergreifend Mobbing.

  9. Massentierhaltung fördert Hunger und Elend in der Welt! Der Gewinn bleibt hier. Die Abfälle zerstören die lokalen Märkte vor allem in Afrika. Robert hat die wichtigsten Fakten aufgezählt.
    Und ich dachte, im Emsland müsse das alles nicht mehr durchgekaut werden.
    Das Verhalten von Gelb und Grün verdient die verbalen Nackenschläge. Es ist unverantwortlich, zynisch und mit Unkenntnis nicht zu entschuldigen. Bei der Kommunalwahl sollten wir sie dazu befragen!
    Dank derweil an Robert!

  10. Heiner said

    Frau Adam,

    wo bleibt ihre Kritik und Ethik, die ein derartiges Verhalten kritiklos, über den Hunger der Welt stellt?
    Wie passt das denn zusammen wenn man einen, der politisch mitentscheidet ermahnt, dass eine derartige Rechtfertigung von ges. 56.000 Legehennenplätzen, (wir wissen wie so was aussieht, und welche Folgen das es hat), mit dem Hunger der Welt rechtfertigt?
    Mir fällt bei ihrem ethisch verwerflichen Plädoyer fällt auf, das wenn man Vegetarierin ist, trotzdem nicht die Legitimation dazu hat, selbst mit zu Hilfenahme einer konstruierten Zusammenfassung, und ihrer Dazuinterpretierung, eine derartige Baumaßnahmen auf Kosten des Hungers auf der Welt, und das bleibt des Pudels Kern, zu rechtfertigen.

  11. Gutgläubiger said

    Ja, hat er denn nun Ahnung wovon er redet oder nicht?

    Noch etwas zu dem Attribut „fortschrittlich“. Es gab früher in der DDR ein Maschinenbaukombinat das Fortschritt hieß. Die bauten so ziemlich den allerletzten Mist zusammen und wunderten sich nach der Wende, dass sie sofort vom Markt weggeblasen wurden – oder vielleicht besser formuliert – sie schritten fort.
    So ähnlich verhält es sich mit der Halbwertzeit mancher politisch motivierter Äußerung, sei sie richtig oder falsch.

  12. Jede Form der Veredelung (Fleischproduktion) von Futter, das theoretisch von Menschen hätte verzehrt werden können, ist unter dem Gesichtspunkt der Ernährung der Weltbevölkerung eine suboptimale Nutzung der Ressourcen. Ein Stall mit 2000 Haftplätzen kann so gesehen kaum ein Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung sein. Dazu kommt noch, dass Fleisch im Gegensatz zu Getreide pp. noch Energie bei der Lagerung (Kühlung) verbraucht.

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