Transparency

21. April 2011

Offener Brief an die
– Chefredaktion der Lingener Tagespost
– Direktion des Ludwig Windhorst-Hauses

Betreff: AKW-Lobby in Lingen – Ein Fall für Transparency Deutschland?

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 11. April 2011 veranstaltete das LWH Lingen eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Nichts ist mehr wie es war – Kernenergie nach Fukushima“.

Am 9.4. wurde die Öffentlichkeit in der Lingener Tagespost (LT) auf diese Veranstaltung eingestimmt: Dem Leiter des Kraftwerkestandortes Lingen wurde durch ein Interview Raum gegeben für die in der Headline zitierte beschwichtigende These: „Wir lernen aus Fukushima und werden nachrüsten, wo es notwendig ist“. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass „die Betreiber des Kernkraftwerkes Emsland in Lingen davon ausgehen, dass das Kraftwerk noch eine lange Laufzeit vor sich hat“.

Die Veranstaltung im LWH wurde am 13.4. in der LT vom selben Autor kommentiert.

Als gebürtige Lingenerin mit persönlichen Bindungen, d.h. Verwand- und Bekanntschaften vor Ort, die die Veranstaltung besuchten, stellte sich nach Austausch heraus, dass der von Burkhard Müller verfasste Kommentar/Artikel in keiner Weise mit der Wahrnehmung vieler Teilnehmer übereinstimmt und der Öffentlichkeit bzw. den Lesern der Zeitung wesentliche Inhalte und Argumente vorenthalten wurden. Zudem gibt es deutliche Unterschiede zur Qualität der Berichterstattung in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, in der der Journalist Bernhard Remmers am 13.4. mit dem Titel „Misstrauen bei Atomfreunden“ seine Sicht der Veranstaltung mit mehr Inhalt füllte. Daneben muss sich auch der Diskussionsleiter der Veranstaltung die Frage gefallen lassen, warum dem Leiter des Atomkraftwerks Lingen auf dem Podium ein knapp 40minütiger Vortrag eingeräumt wurde, obwohl doch die offizielle Vorgabe für die Podiumsvertreter war, ein maximal 5-7-minütiges Statement zu halten.

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit als Revisorin sowie meiner Mitgliedschaft bei Transparency Deutschland haben die beschriebenen Umstände ein Misstrauen bei mir hervorgerufen, ob in Lingen die Trennung von wirtschaftlichen Interessen einerseits und dem Gemeinwohl verpflichteten Bildungs-/ Aufklärungsauftrag andererseits – d.h. die für eine breite öffentliche Diskussion der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Hypothesen erforderlichen Foren der Information und Meinungsbildung bereitzustellen, keine verfälschende Berichterstattung zuzulassen und interessengeleitete Aussagen als solche zu kennzeichnen – gewährleistet ist.

Für mich stellen sich folgende Fragen:

1. Unternehmen versuchen durch Einrichtung Interner Kontrollsysteme (IKS) die Ordnungsmäßigkeit ihrer Geschäftsprozesse sicherzustellen und damit zur Qualitätssicherung der Leistungserbringung beizutragen.
Welcher internen Kontrollmechanismen bedient man sich in Ihren Branchen (Zeitung, Bildungshaus) bzw. Häusern, um sicherzustellen, den oben genannten Auftrag zu erfüllen? Beziehungsweise – sofern Ihre Ziele von den oben eingeforderten abweichen: Wie lautet der Auftrag, den Sie sich gegeben und ggf. in Leit-/Richtlinien dokumentiert haben?
2. Angesichts zunehmender Wirtschaftskriminalität und Korruption setzen Unternehmen/ öffentlicher Dienst zunehmend auf die Vorgabe allgemeinverbindlicher Verhaltenskodizes, um der Vermischung privater und beruflicher Interessen der Mitarbeiter vorzubeugen. Gibt es solche Ansätze in Ihren Häusern/Branchen?

Über eine Antwort bzw. eine ggf. durch diesen Brief angeregte Diskussion würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Heitker
Händelstr. 9
59348 Lüdinghausen

mehr zur Podiumsdiskussion im EVW-Podcast

5 Antworten to “Transparency”

  1. Ingrid said

    ! ! S U P E R ! !

  2. Reitemeyer said

    Sehr geehrte Frau Heitker,

    vielen Dank für Ihren Offenen Brief und die darin enthaltenen Fragen und Anmerkungen. Solche Reaktionen sind für uns schon aus dem Grunde sehr wichtig, weil bestimmte Aspekte einer Veranstaltung, Äußerungen oder Verhaltensweisen etc. durchaus in einer Weise beim „Rezipienten“, d.h. beim Zuhörer oder Kunden ankommen können, wie es nicht beabsichtigt war, oder weil sie einfach Unerwartetes auslösen.

    Zunächst ist es mir wichtig zu betonen, dass es weder in unserer Absicht lag noch den vorherigen Verabredungen entsprach, einem der vier Gesprächsteilnehmer eine Sonderrolle auf dem Podium zukommen zu lassen. Als Bildungseinrichtung legen wir auf unsere Unabhängigkeit größten Wert. Unser Ziel ist es, dass die Menschen auf der Basis unterschiedlicher Ansichten und Meinungen am Ende selbst einen Standpunkt entwickeln können.

    Vom Gesamtverlauf der Diskussion her sehe ich allerdings auch keine Dominanz einer Seite. Ich hatte im Vorfeld mit jedem der vier Podiumsteilnehmer eine begrenzte Redezeit von 5 -7 Minuten vereinbart. Wir hatten darüber hinaus überlegt, in welche inhaltliche Richtung sich die einzelnen Statements bewegen könnten.

    Da mir im Blick auf die Diskussion eine grundlegende Erläuterung der Vorfälle rund um die Katastrophe in Fukushima wichtig war, habe ich die RWE als Betreiber des Kernkraftwerkes vor Ort gebeten, diese Basisinformation an den Anfang zu stellen. Diese Erläuterung war hilfreich, hat aber in der Tat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Daher habe ich Herrn Kemmeter dann auch unterbrochen, während er sein sich daran anschließendes eigentliches Statement abgab.

    Herrn Dr. Feige hatte ich um eine Teilnahme auf dem Podium gebeten, weil ich von ihm erwartet hatte, auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzugehen. Im Zusammenhang mit dem Moratorium waren verschiedene juristische Fragen in der Öffentlichkeit aufgeworfen worden, die sicherlich nicht für jeden Bürger / jede Bürgerin nachvollziehbar waren. Dazu kommt die komplexe Frage der Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund und Ländern. Interessant ist es auch zu erfahren, welche Aufgaben denn eigentlich eine Atomaufsicht / Strahlenschutzbehörde hat und wie das konkret aussieht.

    Herrn Professor Manemann hatten wir um Teilnahme gebeten, weil er das Problem aus ethischer Sicht beleuchten sollte. Herr Professor Manemann hatte sich bereits intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Von ihm liegt eine Stellungnahme „Kirche – Kernenergie – Klimawandel“ vor, die Kriterien erarbeitet hat, um das Thema Atomkraft bewerten zu können. Er geht dabei vom Gemeinwohlbegriff aus und hat das Ergebnis seiner Forschungen und Überlegungen am 11.4. im LWH in eindrucksvoller Weise dargelegt. Da uns die zahlreichen Fragen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel bestehen, weiterbeschäftigen werden, haben wir Herrn Professor Manemann bereits am Ende der Veranstaltung gebeten, als Referent in Zukunft noch einmal ins LWH zu kommen.

    Herr Fuest hatte die Rolle des Politikers übernommen, natürlich aus Sicht der Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Ihm kam u.a. die Aufgabe zu, die eigene Position darzustellen und auch Wege zur Energiewende aufzuzeigen.

    Damit waren unter den vier Podiumsteilnehmern zwei erklärte Gegner der Kernkraft. Ihre Position ist aus meiner Sicht sehr deutlich geworden. Nach meinem Ermessen lag der Anteil ihrer Redebeiträge in der Diskussion über dem der Befürworter.

    Auf die Berichterstattung in der Presse können und möchten wir aus prinzipiellen Erwägungen keinen Einfluss nehmen. Dafür werden Sie sicherlich Verständnis haben. Sie weisen selber auf die unterschiedliche Berichterstattung hin, indem Sie den Bericht von Bernhard Remmers in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erwähnen.

    Was Ihre beiden Fragen am Schluss anbetrifft, so würde ich das gern in einem persönlichen Gespräch mit Ihnen klären und Ihnen das Ludwig-Windthorst-Haus in seiner Arbeitsweise vorstellen. Nur so viel sei gesagt, dass wir uns regelmäßig einer unabhängigen Überprüfung unseres Qualitätsmanagements unterziehen müssen. Dazu gehört auch die Frage, ob es gelingt, unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen und Menschen in die Lage zu versetzen, in einem Lernprozess mit solchen unterschiedlichen Standpunkten umzugehen und seine eigene Position zu entwickeln. Das gelingt nur, wenn wir unabhängig sind. Überdies reflektieren wir unser Tun regelmäßig und intensiv mit unseren Mitarbeitenden, die eine hohe Sensibilität für diese Frage der Unabhängigkeit an den Tag legen.

    Ich lade Sie also herzlich nach Lingen ins Ludwig-Windthorst-Haus ein.

    Zunächst darf ich Ihnen ein frohes Osterfest wünschen und verbleibe

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Reitemeyer
    Akademiedirektor
    Ludwig-Windthorst-Haus – Katholisch-Soziale Akademie

    Gerhard-Kues-Str. 16
    49808 Lingen

  3. Klaus said

    Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe,,, Da kann Mann sich schon übernehmen, aber Atomkraft kann man eben auch nicht als Steigbügelhalter g e s u n d reden. Da nützt auch ein QM nichts, wenn das Pferd von der falschen Seite her aufgezäumt wird.
    Ich weiß, dass ich als Diskussionsleiter bei einem Medizinsymposium kläglich versage, weil mir jegliche Kenntnis zum Eingreifen fehlt. Und was dabei für den Anderen übrig bleibt, ist das Forum des Stärkeren. Das heißt dann: Thema verfehlt. Da bleib ich lieber ganz scheinheilig ruhig, weil ich mir sonst die Finger verbrenne, und dann sägt womöglich bald Einer an meinem Stuhlbein. Auch von mir Frohe Ostern.

    • Jochen S. said

      na ja, immerhin hat Herr Reitemeyer umfassend und für mich plausibel Stellung bezogen. Letzteres mögen andere anders sehen, aber egal.

      Warten wir erstmal ab, was die Helden der LT von sich geben. Wetten, die trauen sich nicht? 😀

  4. Birgit Heitker said

    Sehr geehrter Herr Dr. Reitemeyer,

    ich danke Ihnen für Ihre Antwort und hätte noch eine kleine Anmerkung zu Ihrer Aussage, dass Sie auf die Berichterstattung über Ihre Veranstaltungen in der Presse prinzipiell keinen Einfluss nehmen können und wollen.

    Sie haben in Ihrem Schreiben dargelegt, dass Sie sich als unabhängiges Bildungshaus begreifen und wie Sie diesem Anspruch bei Veranstaltungen gerecht werden wollen. Andererseits aber sind Sie sich sicher auch bewusst, dass das Bild Ihres Hauses nicht nur durch die Veranstaltungen selbst, sondern natürlich auch durch die Berichterstattung über diese in der Öffentlichkeit geprägt wird. Und hier sind möglicherweise Fälle einseitiger Berichterstattung denkbar, in denen es sinnvoll ist, um der Unabhängigkeit des Hauses willen Stellung zu beziehen und mit dem oben geäußerten Prinzip ggf. zu brechen.

    In Zeiten des Internets gibt es glücklicherweise vielfältige Möglichkeiten, eine größtmögliche Transparenz zu schaffen und damit der Unabhängigkeit zu dienen. Um ein Beispiel zu nennen und auf die dieser Diskussion zugrunde liegende Veranstaltung zurückzukommen, wäre es beispielsweise denkbar, den Radio-Mitschnitt, der anfangs vollumfänglich als Podcast von der Ems-Vechte-Welle ins Internet gestellt worden war, öffentlichkeitswirksam auf der Homepage des LWH zu veröffentlichen und die Veranstaltung damit vielen Menschen noch einmal zugänglich zu machen.

    Zuletzt möchte ich mich für Ihre Einladung, mir die Arbeitsweise des LWH persönlich vor Ort vorzustellen, herzlich bedanken und werde ggf. in der zweiten Jahreshälfte diesbezüglich gern auf Sie zukommen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Birgit Heitker

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