unterschätzt

17. April 2011

Sind die schweren Umweltschäden im Dortmund-Ems-Kanal zwischen Lingen (Ems)  und Meppen durch eine zu schnelle Freigabe des Kanals nach der Tankerexplosion im ERE-Hafen mitverursacht worden? Das glauben nicht nur  Umweltschützer und sagen: „Das Fischsterben lässt sich nicht allein mit dem Sauerstoffmangel im Gewässer erklären“, so Marike Boekhoff (NABU Niedersachsen) am Wochenende in Leer. Sie warnt: „Es gibt toxische Stoffe, die noch lange anwesend sein werden“.

Nach der Explosion des Tankschiffs Alpsray avor drei Wochen beim Beladen an der Lingener BP-Raffinerie flossen große Mengen Superbenzin in den Dortmund-Ems-Kanal (kurz: DEK). Die Feuerwehr setzte Löschschaum ein, um ein Übergreifen der Flammen auf zwei weitere Tankschiffe und die Ladeanlagen der ERE zu verhindern. Bereits drei Tage später wurde der mit Benzin und Löschschaum verdreckte Kanal wieder für die Schiffahrt freigegeben. Im Anschluss verendeten in dem Kanalabschnitt zwischen dem ERE-Hafen und Meppen-Varloh fast der komplette Fischbestand.

Der  Landkreis Emsland führte nach mehrtägigem Schweigen das große Fischsterben vor allem auf den zu geringen Sauerstoffgehalt im Kanal zurück, der seinen „Grund in dem Abbau des Löschmittels“ habe. „Das Sauerstoffproblem wird sich wahrscheinlich relativ schnell lösen“, sagte dazu NABU-Expertin Boekhoff. Noch gar nicht geklärt sei aber die Frage, welche sonstigen Schadstoffe in den Kanal gelangt und wie stark die Fische belastet seien.  „Die Fische kann man im Moment nicht essen. Aber auch, wenn neuer Fisch einwandert, kann es sein, dass diese Bestände immer wieder kontaminiert werden, weil das Sediment kontaminiert ist, oder die Ufer oder die Algen“, erläuterte Boekhoff. Wann man es wieder wagen könne, Fische aus dem Kanal zu essen, könne derzeit niemand sagen.

Es sei ein Fehler der Verantwortlichen gewesen, den Kanal schon zwei Tage nach dem Unglück wieder für die Schifffahrt freizugeben, meinte die Expertin. Zwar seien große Mengen des Löschschaums abgesaugt worden, aber zum Zeitpunkt der Freigabe seien noch viel Schaum und Benzin im Kanal gewesen, was durch die Schiffe immer wieder neu hochgeschäumt worden sei. „Ich glaube, das haben sie ganz massiv unterschätzt“, sagte Boekhoff.

Damit widersprach die Umweltschützerin direkt dem emsländischen Landrat Hermann Bröring (CDU). Der hatte die Folgen für die Umwelt deutlich relativiert und gesagt, es sei „zu bedenken, dass durch das Löschen des Brandes in Lingen ein mögliches Übergreifen auf die Raffinerie und damit Schlimmeres verhindert werden konnte. Die Verhältnismäßigkeit der Situation darf nicht aus dem Blick geraten.“

Mich überzeugt das nicht, zumal der Landkreis zeitgleich  mit Begriffen den Bürgern Handlungskraft vorgaukelt, die er nicht hat:  Monitoring ist so ein Begriff. Der Landkreis wolle ein Monitoring, hieß es. Das heißt im Kern nichts anderes, als „eine längere Zeit“ (wie lange wird verschwiegen) systematisch tote Fische und Wasserproben untersuchen zu lassen, also den Ist-Zustand festzustellen.  Die offenkundigen Versäumnisse der Behörden werden damit nicht ungeschehen und -ganz ehrlich- ich höre sie nach dem Ende der Untersuchung  heute schon „unterstreichen, dass zu keiner Zeit eine Gefährdung für Mensch, Natur und Umwelt bestanden hat, weil …“  und frage mich, ob trotz des eingesetzten giftigen Löschschaums die entsprechende Presseerklärung bereits  vorformuliert und fertig ist.

Genauso vordergründig ist für mich Brörings Aussage, dass  „bislang fünf bis sechs Zentner verendeter Fisch der Tierkörperbeseitigung zugeführt worden“ seien.  „In der Hauptsache  Rotauge, Flussbarsch und Aal, aber keine besonders geschützten Arten.“  Er sagt es nicht, aber meint wohl „nur fünf bis sechs“ – was sonst?!  Dabei sprechen Angler längst  von weitaus größeren Mengen getöteter Fische und erwähnen neben dem gefährdeten Aal auch Hechte und Zander. Nun,  Brörings Schlussfolgerung scheint zu sein, der Schaden sei nicht umfangreich genug, um konsequent zu handeln. Die Sperrung sei unverhältnismäßig; denn die „Meppener Tagespost“ zitiert ihn so:

„Unter den gegebenen Umständen ist es unverhältnismäßig, den Schifffahrtsbetrieb zu untersagen. Es ist mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Meppen vereinbart worden, dass ein Schleusenbetrieb mit sparsamer Wasserabgabe erfolge, um den relativ guten Sauerstoffwert nördlich der Schleuse (Varloh) zu erhalten.“

Sparsame Wasserabgabe? Das steht im Widerspruch zu den Angaben des Bröringschen Landkreises von Anfang der  Woche. Da hatte es aus dem Landkreis mit Blick auf die verendenden Fische geheißen: Mit der Erhöhung der Fließgeschwindigkeit im Kanal und der Belüftung werde versucht, das Sauerstoffdefizit zu verringern. (update vom 19.04.: Und das untereicht die Behörde aktuell  erneut) Und Reinhard Lömker Untere Wasserbehörde unserer Stadt Lingen, sagte Anfang der letzten Woche,  Ziel sei es jetzt, dass das schadstoffbelastete Wasser durch möglichst viel Bewegung im Kanal verdünnt wird. Der Naturschutzbund NABU hatte diese Strategie als schlechte Notlösung kritisiert:  „Mit jeder Schleusung werden die Schadstoffe weiter diffus verteilt“, sagte Jutta Over (NABU Meppen). Jetzt also wird nur sparsam das Wasser bewegt. Vor Hintergrund von Fischsterben, Superbenzin und Schaum im Kanal hatte Jutta Over schon vor einer Woche die Frage gestellt, ob der Kanal nicht zu schnell wieder für die Schifffahrt freigegeben worden sei. Im Internet findet sich ein selbst gestricktes Youtube-Video, dessen inhaltliche Aussagen man nicht teilen muss, das aber authentisch und ungeschminkt den ungereinigten Zustand des DEK (direkt nach der Explosion!) und die Folgen zeigt.

Das kilometerlange Fischsterben hätte vermieden werden können, wenn der Kanal erst wieder geöffnet worden wäre, nachdem alle  Lösch- und Benzinrückstände mit Spezialschiffen und Fahrzeugen aufgenommen gewesen wären. Aber das war nicht nur dem sinnfrei-dynamischen Landrat  unverhältnismäßig.  Das Wasser sei bestmöglich gereinigt worden, hatte auch Reinhard Lömker gemeint. Genau das ist es natürlich nicht, und ich ärgere mich über solche falschen Aussagen.  Man hätte es viel besser machen können und müssen, aber ein gründliches Schadensbeseitigung hätte dann deutlich mehr Geld gekostet. Und da denkt man lieber an die Haftpflichtversicherungen oder die BP, die die Kosten der Schadensbeseitigung  bezahlen, und die Binnenschiffer und ihre Gesellschaften, die den Dortmund-Ems-Kanal schnell wieder benutzen wollen.

(Foto:  Dortmund-Ems-Kanal und  BP-Raffinerie – vor der Explosion  Alle Rechte vorbehalten von Greune Stee, flickr.com)

2 Antworten to “unterschätzt”

  1. News aus der Feuerwehr-Szene…

    unterschätzt « Roberts Blog…

  2. Info said

    Heute um 16:00Uhr wird die haverierte „Alpsray“ nach Varloh geschleppt.

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