Scherbenhaufen

16. März 2011

„Der von der Johann Alexander Wisniewsky-Stiftung mit Landrat Hermann Bröring als Vizepräsident ins Leben gerufene und mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Medienpreis Emsland wird in diesem Jahr nicht vergeben. Alle vier journalistisch tätigen Jurymitglieder haben die insgesamt fünfköpfige Jury verlassen. Geblieben ist einzig Dr. Andreas Mainka als Mitglied des Stiftungsrats in der Jury. Die hatte zuvor Tobias Böckermann, Redakteur bei der Meppener Tagespost, für seine Serie „Faszinatur Emsland“ ausgezeichnet, die zwischen 2006 und 2010 in der MT erschienen ist und die sich mit den Themen Natur und Umwelt im Emsland auseinandersetzt sowie Sebastian Beck, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, für seinen Artikel „Bis aufs Blut“. Hierbei handelt es sich um eine Reportage über den emsländischen Unternehmer Franz-Josef Rothkötter.

Der Stiftungsrat lehnte beide Auszeichnungen ab mit der Begründung, dass die entsprechenden Bewerbungsunterlagen nicht vollständig gewesen seien. Diese zu überprüfen und fehlende Unterlagen gegebenenfalls nachzufordern sei laut Jurymitglied und gebürtigem Emsländer Hermann Vinke, Journalist und Autor, jedoch nicht die Aufgabe der Jury gewesen, sondern der Stiftung bzw. des von ihm beauftragten Medienhauses Emsland mit Sitz in Lingen.

Sowohl er als auch weitere drei Jurymitglieder vermuten, dass die Auszeichnungen nicht aufgrund von Formfehlern abgelehnt wurden, sondern aufgrund der Tatsache, dass sich die beiden potentiellen Preisträger in ihren Texten kritisch mit dem Emsland auseinandergesetzt haben.

Aus Protest gegen die Entscheidung des Stiftungsrats haben die vier Journalisten jetzt die Jury verlassen. Die für den 8. April geplante Preisverleihung auf Schloss Clemenswerth in Sögel fällt aus.“

Ich übernehme diese heutige Nachricht (fast unverändert) von der -wie üblich- bestens informierten Ems-Vechte-Welle. Natürlich interessieren uns alle die Hintergründe des Jury-Rücktritts. Vielleicht kann dem Informationsbedürfnis nachgeholfen werden? Übrigens nicht, um die verdienstvolle Arbeit der Johann Alexander Wisniewsky-Stiftung zu diskreditieren sondern um aufzuklären, welche Mechanismen hier warum so und mit diesem fatalen Ergebnis zusammengewirkt haben.

Hermann Vinke jedenfalls ist ein exzellenter Journalist und prominenter Mann. Schon als junger Volontär war er bei der Papenburger  Ems-Zeitung nicht wohl gelitten, damals u.a. mit Gerhard Kromschröder (mehr), den übrigens die Alexander-Wisniewsky-Stiftung mit dem Medienpreis Emsland für “herausragenden, kritisch-hinterfragenden Lokaljournalismus” ausgezeichnet hatte. Ich glaube seiner Vermutung, doch zusätzliche Informationen über den Hintergrund der Entscheidung wären doch besser. Ganz spannend ist auch die Frage, ob die lokalen Medien über den Eklat überhaupt berichten.

Jurymitglieder waren neben dem renommierten Hermann Vinke die Journalistin  Beate Tenfelde (Neue Osnabrücker Zeitung), Waltraud Luschny, Studioleiterin des NDR Osnabrück und  Prof. Dr. Achim Baum, Hochschule Osnabrück/Lingen (Ems) – auch sie allesamt nicht für fundamentalistische Dickschädelei bekannt.

Also, was ist da passiert, wer hat warum den Scherbenhaufen angerichtet?

Update: Die Ems-Echte-Welle meldet um 14:44 Uhr:

Johann-Alexander-Wisniewsky-Stiftung hält mit einköpfiger Jury an Medienpreisvergabe 2011 fest

Emsland – Laut einer Mitteilung des Medienhauses Emsland hält die Johann-Alexander-Wisniewsky-Stiftung an der Vergabe des Medienpreises 2011 fest. Da 45 Bewerbungen alle Formalitäten nach wie vor erfüllten, werde die Stiftung wie geplant den Medienpreis Emsland 2011 vergeben. Die Stiftung habe sich mit dem Medienpreis Emsland ein Projekt auferlegt, um Journalismus im Emsland und über das Emsland zu fördern. Dr. Andreas Mainka, einzig verbliebenes Mitglied der ehemals fünfköpfigen Jury, äußerte laut Medienhaus, dass die vier Jurymitglieder dieses gemeinsame Ziel leider vergessen hätten und mit ihrer Entscheidung alle anderen Bewerber abstrafen würden. Deshalb werde an der Vergabe des Preises festgehalten.

Wer will eigentlich eine solche Auszeichnung noch annehmen, lieber Herr Mainka?


10 Antworten to “Scherbenhaufen”

  1. Robert said

    Das ist in der Tat ein Scherbenhaufen und ein Schlag ins Gesicht der Redakteure, die in der heutigen Medienlandschaft die Fahne des Qualitätsjournalismus hochhalten. Hoffen wir, dass der Stiftungsrat die Kurve noch kriegt…

  2. Helmut said

    Tja, die Mechanismen, die dahinterstehen …. wenn man mal so guckt,
    1. wer da im Vorstand vom Wirtschaftsverband Emsland ist, nämlich Herr Mainka und Herr Rothkötter, dessen Firma in dem einen zu ehrenden Artikel kritisch dargestellt wird, und dann
    2. sieht, dass Firma Mainka und die Adresse der Zusendung der Beiträge zum Medienpreis identisch sind und Herr Mainka als einziges Jury-mitglied bleibt, wird man zumindest nachdenklich …
    hier die Seite des Wirtschaftsverbandes Emsland:
    http://wv-emsland.de/front_content.php?idcat=14
    und hier die Seite der Ems-Vechte Welle, wo Herr Mainka die zurückgetretenen Jury-Mitglieder kritisiert:
    http://www.emsvechtewelle.de/?p=regional&n=99995170

  3. lingentheo said

    Juryentscheidung ist nicht anfechtbar!

    Folgendes war mal der Anspruch:

    „Jury:Die eingereichten Beiträge werden von einer hochkarätigen Jury bewertet, die sich aus Vertretern
    verschiedener Medienbereiche sowie einem Vertreter des Stifters zusammensetzt. Die Juryentscheidungen
    sind nicht anfechtbar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.“

    Quelle:
    http://www.medienpreis-emsland.de/medienpreis-emsland-ausschreibung.pdf

    Der Preis hat hat seine Bestimmung verloren!

  4. lingentheo said

    Vielleicht gefällt Herrn Rothkötter der folgende Beitrag über seine neue Hühnerfabrik ja besser:

  5. Monia said

    Hier kann man nachhören, was die beiden „Fast-Preisträger“ zu sagen haben: http://podcast.emsvechtewelle.de/2011/03/17/medienpreis-fast-preistrager-im-interview/

  6. lingentheo said

    Kommentar der NOZ ist der Zäsur zum Opfer gefallen!

    Ja, das hätte ich nicht für möglich gehalten.
    Der folgende Kommentar, der Stellung bezieht zu dem unrühmlichen Verhalten des Stiftungsrates, und der offenbar für die gestrige Ausgabe der NOZ vorgesehen war, ist der Zensur zum Opfer gefallen.

    Mir ist es dennoch gelungen, diesen abgesetzten Kommentar im Internet ausfindig zu machen. Herr Koop, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn dieser Inhalt einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben werden könnte.

    “ Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung
    16. März 2011 15:30 Uhr
    Kritische Beiträge unerwünscht
    Kommentar: Hoch dotierten Preis selbst demontiert“

    „Ein mit 10000 Euro dotierter Medienpreis Emsland ist auch bundesweit eine starke Ansage. Die gute Resonanz mit rund 50 Einsendungen belegt dies auch eindrucksvoll.
    Zu einem solchen Preis gehört aber auch, dass der Stiftungsrat unangenehme Berichte über die Region akzeptieren muss. Eine fünfköpfige Jury, darunter vier ausgewiesene Medienexperten, kann die journalistische Qualität der Beiträge sehr wohl beurteilen. Zu den wichtigsten Aufgaben der Presse zählt eine kritische Berichterstattung. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das verfassungsrechtlich verankert ist.

    Offenbar sind jedoch genau diese kritischen Beiträge vom Stiftungsrat nicht erwünscht. Das Gremium muss sich den Vorwurf gefallen lassen, formalrechtliche Belange vorzuschieben, um den mehrheitlichen Juryvorschlag zu streichen.

    Es wäre ein Leichtes gewesen, die fehlenden Unterlagen der beiden Journalisten nachzufordern. Dies ist nicht geschehen.

    Mit diesem Verhalten hat der Stiftungsrat den Medienpreis Emsland selbst demontiert. Nur gut, dass kritische Journalisten dieses Fehlverhalten öffentlich machen.
    Nach diesen äußerst peinlichen Geschehnissen mutet es schon sehr sonderbar an, dass die Auszeichnung trotzdem noch vergeben werden soll.
    Man kann dem bislang noch unbekannten Preisträger nur wünschen, dass bei der Verleihung die journalistischen Inhalte seiner Arbeit wichtiger sind als die formalen Aspekte.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.