Aussage

15. März 2011

Da gab es Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre diesen wirklich denkwürdigen „Informationsabend“ im Verwaltungausschuss des Rates unseres Städtchens. Neues Rathaus, Raum 118. Gleich zwei VEW-Vertreter, Ottmar Deublein und Joachim Adams, unterstrichen, dass das damals noch geplante neue, zweite Atomkraftwerk in Lingen (Ems) sichersichersicher sei. Es könne nicht explodieren, aber wenn doch das einträte, was nicht eintreten könne, ja dann rufe man den Strahlenschutzzug des Deutschen Kernforschungszentrums Karlsruhe herbei. Man müsse sich das so vorstellen, dass der dann wie mit einem Staubsauger die ganze Radioaktivität wieder einsauge.  Daraufhin habe ich damals Kopf schüttelnd („Jetzt reicht’s!“) diese Sitzung verlassen, an der ich für die SPD-Stadtratsfraktion teilnahm.  Und jetzt sagt Kanzlerin Merkel: “An einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen, unsere Kernkraftwerke sind sicher”, um dann aber genau das zu sagen. “Sie sind sicher”.  Dabei weiß sie, dass sie dies nicht sind. Deshalb muss seit gestern ja auch „alles auf den Prüfstand“ und „ohne Tabus“. Unter politischer Führung verstehe ich anderes.

Natürlich ist es ähnlich hilflos, wenn OB Dieter Krone der lokalen Zeitung zur Atomkatastrophe in Japan sagt: „„Der Fokus sollte nun vor allem auf einer schnellen Hilfe vor Ort liegen.“ Es ist auch schlicht vernebelnd. wenn AKW-Chef Hubertus Flügge (RWE) zur Sicherheit seines „Kernkraftwerk Emsland“ ebenso unwahr wie trotzig behauptet: “ Ob ein schnell fliegendes Militärflugzeug oder auch eine größere Verkehrsmaschine – dafür ist es (das Lingener Atomkraftwerk; Foto re) baulich ausgelegt.“

Und früher in der Schule hätte jeder Lehrer den lokalen Protagonisten der Atomenergie ein „Thema verfehlt“ neben ihre Aussage  geschrieben, das „Lingener Kernkraftwerk“ sei „eines der sichersten der Welt“ und „Und das soll auch so bleiben.“ (CDU-Vorsitzende Irene Vehring).  Auch menschlich verständliches Verdrängen hilft nicht. Nein, Freunde, der faustische Pakt des Menschen mit der Atomenergie ist am Ende. Nicht nur in Fukushima. Auch hier. Gerade hier.

Werden wir kommunal konkret: Ich fordere eine klare politische Aussage des Lingener Rates, dass er für das Abschalten des AKW Emsland ist, gegen jede Laufzeitverlängerung „eines der sichersten Kernkraftwerke der Welt“ und für das sofortige Nachrüsten des Meilers wie des Zwischenlagers in Darme, was terroristische Anschläge betrifft.

(Foto: © dendroaspis2008, flickr)

17 Antworten to “Aussage”

  1. Michael said

    Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in meiner Schulzeit (und die liegt „nur“ 6 Jahre zurück) überhaupt mal über die Probleme der Atomkraft diskutiert wurde.
    Umweltschäden durch Skitourismus war ein großes Thema, das AKW vor unserer Tür nicht.
    Lesenswert: http://www.ippnw.de/atomenergie/atom-gesundheit/artikel/32caa2ddc0/kinderkrebs-um-atomkraftwerke.html

  2. Frank O. said

    Müssen wir weg von der Atomkraft?
    Es haben 198431 Besucher abgestimmt
    Ja
    78%
    (154845 Stimmen)
    Nein
    20.1%
    (39974 Stimmen)
    Weiß nicht
    1.9%
    (3612 Stimmen)

    Aktueller Zwischenstand einer Umfrage von T-Online.de

  3. PilzPaul said

    Der Chief des AKW Harrisburg (USA) sagte „Unser AKW ist sicher!“
    Der Natchalnik von Tschernobyl (Ukraine) sagte „Unser AKW ist sicher!“
    Die Leiter der AKW’s in Fukushima (Japan) sagten „Unsere Kraftwerke sind sicher!“
    Dr. Flügge (RWE – AKW LIN) sagt „Unser AKW ist sicher!“
    Da können wir doch beruhigt sein!

    • Buggy said

      @PilzPaul: zumindest brauchen wir nicht in Panik zu verfallen!

      @Frank: innerhalb welchen Zeitraumes? Dass wir weg müssen, ist wohl mit überwältigender Mehrheit gesellschaftlicher Konsens in Deutschland.

      Interessant ist für mich die Antwort auf die Frage, ob unsere direkten Nachbarn umdenken und zumindest von AKW-Neubauten absehen. Wie schnell könnte Frankreich (70-80% Atomstronanteil) auf Kohle/Reg.Energy umstellen?

      Und wenn wir jetzt ehrlich sind: Wollen wir im Sinne einer sicheren Welt auf Warenimporte verzichten, die mit Atomstrom produziert wurden?

      Ich glaube, dass wir, wenn überstürzt gehandelt werden würde, schnell Volksaufstände bekommen könnten, weil viele Preise zu schnell zu stark steigen würden.

      Bitte bedenkt: mehr regenerative Energien würde für mehr Mais und Zucker(rohr und -rübe) zu Ethanol bedeuten und mehr Palmöl aus den Tropen. Die Agrarrohstoffmärkte befinden sich bereits in heftigen Preisschwankungen, noch stärkere Ausschläge wären vorprogrammiert (die Verlierer in diesen Märkten sind sicherlich die Bevölkerung der Entwicklungsländer).

      Zur Zeit wird mit den Ängsten vieler Leute Politik gemacht. Die Politik muss aber besonnen reagieren und realistische Ausstiegsszenarien entwickeln.

  4. Glocke said

    Zeit für den Wechsel……
    Ganz schnell zurückgerudert, im Zweifel für die Sicherheit, so Angela Merkel, aber wahrscheinlich wieder nur bis nach den Wahlen. Im Punkt Sicherheit hat die CDU einen eigenen Maßstab, oder besser gesagt ein Gummiband. Jetzt gerade wieder auf drei Monate ausgedehnt. Das ist wie bei einem schweren Fisch einholen, also erst mal Leine geben. Und daran werden wir noch verzweifeln, es sei denn, die Landtagswahlen bringen die entsprechende Änderung. Zuerst ist man in Deutschland auf den alten Stand der Technik vor 30 Jahren zurückgekehrt, und hat dabei den neu anvisierten Stand von Wissenschaft und Technik außer Kraft gesetzt. Damit wurde dann das Restrisiko scheinbar kleiner. Während in Japan nacheinander inzwischen 6 Reaktoren die Bevölkerung gefährden und zum Teil verstrahlen, wirft man uns einen Köder auf Zeit vor. Wahrscheinlich hat nun unsere Kanzlerin und Physikerin erkannt, das bei uns eine radioaktive Wolke nicht sofort ins Meer hinausziehen kann, oder vielleicht hat sie keine
    Antwort auf die Durchschlagkraft der Triebwerkswellen von einem Düsenverkehrsflugzeug.
    Erst wenn es weh tut merken wir es uns, Manchen tut’s scheinbar noch nicht genug weh, derjenige sollten am besten dann innerhalb dieser Zonen sich freiwillig melden zum aufräumen,
    und einen Verletzten in Pflege nehmen. Vielleicht hilft auch schon der Film am 16 März NDR 22.35 Uhr über „Die Kinder von Tschernobyl “ es grüßt das Restrisiko, warten bis wieder Alles vergessen ist.

    • Jan said

      Als ob die CDU bei diesem Thema vor und nach den Wahlen unterschiedliche Standpunkte vertreten würde! Merkel und die CDU sind bei diesem Thema immer offen für eine Langzeitverlängerung gewesen. Da braucht man gar nicht so zu tun, als ob es eine Überraschung nach der Wahl gegeben hätte.

  5. Berry said

    Merkels Verhalten jetzt ist für mich der Gipfel. Erst sagen, es sei nicht die Zeit um zu sagen, die AKWs seien sicher, um sie dann doch als sicher zu bezeichnen aber sie dann trotzdem zu überprüfen. Wozu überprüfe ich sie, wenn sie doch sicher seien? Ein Mappus stellt sich jetzt hin und will seine Wahl retten.

    Wenn ich mir vorstelle, diese ganze Region kann menschenleer und verstrahlt sein – auf unvorstellbar lange Zeit – weil man versucht ein solches Risiko zu beherschen. Für mich ist mit diesem Unglück ein neue Sicht auf mein Leben eingetreten. Da mag mancher Lachen. Aber als jemand der glücklich, ohne Krieg und Nöte im westlichen Konsumerismus aufgewachsen ist, verändert sich meine Sicht durch diesen Horror zu mehr Ehrfurcht und Demut gegenüber meinem Umfeld und zu bewussterem Leben.

    AKWs selbst sind mit der Einführung in den Brunnen gefallen. Wo man auf unvorstellbare Zeit den Müll lagern soll – kann man gar nicht kalkulieren – und ist eine Frage, die niemand von UNS JETZT lösen kann. Man stelle sich mal vor, vor 500 Jahren hätte man Erfindungen mit ähnlichem Gefahrenradius gehabt, es irgendwo gelagert und zwischendurch gingen womöglich Naturgewalten umher. Was würden wir diese Menschen verfluchen, das Risiko eingegangen zu sein. Wir können nicht alles beherrschen.

    Das Merkel jetzt AKWs überprüft, ist für mich an Zynismus nicht zu überbieten. Entw. sie wurden vor der Verlängerung überprüft und waren da sicher oder eben nicht. Wenn ja, brauche ich jetzt kein Überprüfung. Hier wird bei so einen Thema mit dem Feuer gespielt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Letzten Donnerstag hätte sie gesagt, die AKWs seien sicher – heute ist sie Grüner als jeder Grüne.

    Ich entsage der bestehenden Politik an diesem Punkt meine Zustimmung und mein Vertrauen, verantwortungsvoll mit uns umzugehen. Sie wird von mir keine Stimme mehr bekommen und ich werde künftig meine Aktivitäten als Wahlhelfer einstellen, bis ich das Vertrauen zurückhabe. An diesem Punkt ist für mich schluss. Ich vertraue den Leuten, die meine Stimme wollen, nicht mehr – für mich ist der Sinn, diesen Leuten meine Stimme zu geben, nicht mehr gegeben.

  6. hans1550 said

    Robert, aus deinem verlinkten Spiegel-Text geht aber hervor, dass das KKW Emsland gegen ‚bis zu‘ A320 Maschinen ausgelegt ist. 180cm Stahlbeton sollen ja laut Ingenieuren dazu reichen? Flügge lüge ja so gesehen nicht, obgleich ich noch keinen Crashtest gesehen habe der diese Angaben auch belegt.

    • Frank O. said

      Da steht auch folgendes:

      Die Betreiber haben längst reagiert. Seit eineinhalb Jahren liegen fertige Pläne in der Schublade. Darin wird der schon in den achtziger Jahren durchgespielte Fall zugrunde gelegt, dass ein defekter Kampfjet auf eine Anlage stürzt – nur dass, wie bei einem A320, viermal so viel Kerosin in Brand geraten könnte.

    • in einer in diesem Monat von Bündnis’90/Die Grünen herausgegebenen Studie zur Sicherheit deutscher Atomkraftwerke lese ich:

      Das AKW Emsland (Lingen II) wurde am 19. April 1988 von dem Betreiber Kernkraftwerke Lippe-Ems GmbH (KLE) in Betrieb genommen. Gesellschafter sind zu 87,5% RWE Power und zu 12,5% E.ON Kernkraft.
      Laut Atomausstieg wäre der Reaktor etwa im Jahr 2020 vom Netz gegangen. Bis dahin wird es in der Region ausreichend Strom aus Wind und anderen erneuerbaren Quellen geben, um den Wegfall des Reaktors zu kompensieren.
      Die Verlängerung der Laufzeit um mindestens 14 Jahre steht dieser klimapolitisch erforderlichen Entwicklung im Wege und bringt zudem zusätzliche Risiken für die Menschen in der Region.

      Fakten zum Sicherheitszustand
      Der Reaktor, ein Druckwasserreaktor der 4. Generation („Konvoi“), gilt als vergleichsweise sicher.
      · Tatsächlich weist er aber trotz des relativ geringen Alters seit Inbetriebnahme rund 120 meldepflichtige Ereignisse auf, das entspricht 5 Zwischenfällen pro Jahr.
      · Der Reaktor würde dem Absturz einer Militärmaschine des Typs „Phantom“ Stand halten. Schwerere Maschinen würden aber im Falle eines Absturzes eine Katastrophe auslösen.

      Das klingt für mich glaubwürdig. Das AKW wurde in den 1980er Jahren konzipiert und gebaut. Von terroristischen Selbstmordanschlägen mit Passagiermaschinen ist damals noch niemand ausgegangen. Nur der Flugbetrieb auf dem NATO-Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range stellte seinerzeit ein als real betrachtetes Sicherheitsrisiko dar, das beim Bau berücksichtigt wurde.

  7. Gutgläubiger said

    Viele haben bereits vergessen, dass wir in Lingen ja auch noch einen zweiten Reaktor stehen haben. Den Pannenreaktor Lingen I. Das alte Atomkraftwerk hat nie richtig funktioniert und musste sehr früh wieder vom Netz genommen werden. Vielleicht sollte man die damals und heute für dieses Kraftwerk Verantwortlichen mal fragen, was denn da so Alles in die Umwelt gelangt ist. Vielleicht redet man über diesen Reaktor auch nicht so gerne.

  8. Frank O. said

    Eine andere Frage die man sich stellen sollte ist doch warum wir überhaupt soviele AKWs brauchen. Gestern sind ja so einige vom Netz gegangen und bei mir fließt trotzdem noch genug Strom.

    • Glocke said

      Strom und Strahlung sieht man nicht, Geld kann man aber anfassen,
      und wenn man davon recht viel hat, dann lässt sich leicht regieren.
      Und noch besser, wenn man eine derartige Verschuldung durch den Kauf einer solchen Trecksanlage der Bevölkerung wie in Baden-Württemberg geschehen aufbrüht.
      Sehr schlauer Politiker.

  9. Jürgen Dietrich said

    Wir treffen uns am Montag den 21.03.2011 um 18:00 Uhr auf dem Marktplatz in Lingen zur Mahnwache gegen Atomkraft. Bis dann!

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