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17. Februar 2011

Summa cum laude

Katastrophe

17. Februar 2011

Wikipedia weiß: “Denkmalschutz dient dem Schutz von Kultur- und Naturdenkmalen. Sein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass Denkmale dauerhaft erhalten und nicht verfälscht, beschädigt, beeinträchtigt oder zerstört und dass Kulturgüter und Naturerbe dauerhaft gesichert werden. Die rechtliche Definition und Rahmenbedingungen für den Denkmalschutz werden durch das Denkmalrecht festgelegt.”

Das, was jenseits dieser sachlichen Aussage in unserer Stadt unter Denkmalschutz verstanden wird, ist  etwas völlig anderes. Nichts wird dauerhaft gesichert. Wir erleben die Nutzbarmachung von Kulturgütern für kommerzielle Interessen. Durch Verfälschen, Beschädigen und Beeinträchtigen. Die SPD schreibt aktuell:

„Wenn allerdings der Vorsitzende des Planungs- und Bauausschusses Reinhold Diekamp (CDU) sich zu der Äußerung versteigt, man sei in der Vergangenheit sehr gut mit dem Denkmalschutz umgegangen, muss er wohl eine andere Stadt als Lingen (Ems) meinen. Sind die beiden vor kurzer Zeit verunstalteten Baudenkmale in der Marienstraße, der Abriss des allseits beliebten „Salut“ in der Burgstraße und der Abriss historischer Gebäude in der Mühlentorstraße schon vergessen?“ fragt die SPD.

Erster Anlass für die neuerliche und dringend notwendige Debatte ist der geplante Umbau des Baudenkmales Am Markt 13 – der ehemalige Ratskeller, der zum Piano und zeitweise zum QStall wurde. Was von diesem eingeschossigen Haus aus dem 18. Jahrhundert  bleiben wird, ist schwerlich noch ein Baudenkmal. Es ist das, was ein investierender Lingener darunter versteht: Alte Bauteile raus, Grundrisse verändern, dann mit Neu auf Alt machen, historisierend aufhübschen – mit neuen Fenstern, Dachpfannen und Kunststoffschindeln seitlich an unbekannten Gauben. Was ist der Ausgangspunkt:

“Die beiden Häuser m Markt 12 + 13 sind, obwohl sie im Alter vrmutlich ein Jahrhundert auseinanderliegen, in ihrer glücklichen Stellung zum Historischen Rathaus heute mit diesem als eine einheit anzusehen”,

schreibt Baldur Köster in seinem Werk (Ausriss oben re.) über die Lingener Architektur und den aktuellen Investoren und ihren Genehmigern im Rathaus ins Stammbuch:

“Bilden die Häuser Nr. 9 – 12 zunächst eine zusammenhängende Front, so schafft das Haus Nr. 13, das rechts und links nicht angebunden ist und völlig freisteht, einen Auftakt zum ebenfalls freistehenden Rathaus. es lässt diesem aber eindeutig den Vorrang, einmal durch seine geringe Größe, dann aber auch durch sein Zurückweichen von der Straßenfront. … typisch für den mittelalterlichen Städtebau … ein weiterer Beweis für die frühe Datierung von Rathaus und Platz.
Das niedrige, eingeschossige Haus ist im Übrigen beispielhaft für die Mehrzahl der Lingener Häuser bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein.”

Die beiden bei der Renovierung 1933 entstandenen kleinen Dachgauben des “Ratskeller” beiderseits des schmalen Mittelflurs sind das Äußerste, was dieses Baudenkmal ertragen konnte. Aber jetzt ein halbes Dutzend prollig-emsländische Dachausbauten auf die Ostseite zu flanschen, ist eine Katastrophe. Längst ist übrigens auch die Linde vor dem Haus  zu groß geworden und stört zunehmend die von Köster so gelobte “fein ausgewogene Ecklösung”. Nein, nicht absägen! Pflanzt ihn um!

Zweiter Anlass der jetzigen Debatte ist der architektonisch-brutale Umgang mit dem Ensemble des Universitätsplatzes, wo die GmbH des Bruders unseres bereits erwähnten Ausschussvorsitzenden dabei ist, die allerletzten Lingener Altstadtreste sich unterzuordnen – mit einem Parkhäusl und obendrauf einem dreieckigen Balkon  vor ein paar Luxuswohnungen; dafür hat die Stadt mit den Stimmen der CDU schon vor Jahren still und heimlich auch noch Flächen des historischen Professorenhaus-Grundstücks verkauft, ohne sich irgendein wirkliches Mitspracherecht zu sichern.

Neben der gerade realisierten Zerstörung der Baudenkmale in der Marienstraße gibt es weitere aktuelle Beispiele für den geschichtslosen Umgang mit historischen Kulturgütern in unserer Stadt. So verkauft die Stadt gerade historische Baudenkmale – wie das historische Schleusenwärterhaus in Hanekenfähr oder  das 120 Jahre alte Wohnhaus Bernd-Rosemeyer-Straße 5 – beides wohl eine gesetzwidrige Handlung, haben doch niedersächsische Kommunen die besondere Pflicht, die ihnen gehörenden und die von ihnen genutzten Kulturdenkmale zu pflegen und sie im Rahmen des Möglichen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie soll das gehen, wenn man sie verramscht verkauft?

  • Ganz im Verborgenen und doch vor aller Augen leidet  auch der Lingener  Stadtgrundriss, den man als das “Lesebuch” unserer Stadt bezeichnen darf. Dessen Zerstörung wird durch durch rührend-naive Schilda-Aktionen wie “Stadtgrabenpromende” garniert mit “Gedankenstrichen”  verschleiert.

Solange in Lingen nicht Eigentum verpflichtet, findet kein Denkmalschutz statt. Immer wieder neu müsste sich unsere Bürgerschaft  fragen, was sie zum Kern ihres kulturellen Erbes zählt, was ihr wesentlich genug ist, um es zu bewahren und dafür auch finanzielle Anstrengungen in Kauf zu nehmen. Angesichts der Armut in früheren Zeiten war nie viel und inzwischen ist fast nichts mehr an Baudenkmalen da. Die Kirchen, das Rathaus, der Universitätsplatz, das Bild des Marktplatzes und einiger Ensemble, Haus Hellmann und ein paar andere Bauwerke im Stadtkern. Übrigens: Auch die ehemalige Gasolin-Tankstelle an der Rosemeyer-Straße. Sie ist aber durch einen überforderten Eigentümer und die Untätigkeit der Verwaltung gleichermaßen so vergammelt, dass 98 % der Lingener diesen “Schandfleck” sofort abreißen würden, wenn sie könnten. Dabei ist gerade dieses Technikgebäude ein einzigartiges Zeugnis des 20. Jahrhunderts. Erhaltet es endlich!

Über Denkmalschutz entscheiden bekanntermaßen nicht nur Denkmalpfleger (in Niedersachsen mit seinem nahezu zahnlos-beliebigen Denkmalschutzgesetz schon gar nicht).  Über Denkmalschutz entscheiden auch Ratsmitglieder. Deren Lingener Spezies hat jede (!) so genannte Modernisierung von Baudenkmalen in den letzten zehn Jahren abgenickt. Jede! Es hat nie irgendeinen Einwand gegeben, wenn die nach dem Dienstende des Stadtbaurats Nikolaus Neumann tätigen Nachfolger mit den angeblich unvermeidlichen Modernisierungsplänen im Ausschuss erschienen. Die CDU war immer für eine Modernisierung nach Eigentümerart (“Geld in die Hand nehmen”). Mittendrin statt nur dabei immer auch FDP-Mann Jens Beeck, der wie der noch amtierende Stadtbaurat aus Oldenburg die ökonomische Nutzbarmachung historischer Kulturgüter stets dem Denkmalschutz unterordnet.

Denkmalschutz ist etwas ganz anderes als ein “Sieht-doch-gut-aus!” mit dem immer wieder gern gehörten und so herrlich von Bausünden ablenkenden Zusatz “Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten!” .  Aber auf das Siehtgutaus und Lassdeneigentümermachen reduzieren sich seit langem die sog. Modernisierungen von Baudenkmalen im Planungs- und Bauausschuss – auch das ein Zeichen. Als ich vor langen Jahren einmal Vorsitzender des Kulturausschusses war, habe ich dort durchgesetzt, dass über Baudenkmale beraten wurde.  Das hat nicht lange vorgehalten, vielleicht weil die  Bauleute im Rathaus mit hartnäckiger Beratung “in der Kultur” so ihre Schwierigkeiten hatten. Aber ist Denkmalschutz nicht eine zutiefst kulturelle Aufgabe und weniger eine Frage von Bauen, Planen und Finanzieren? Und was heißt das dann für die Arbeit im Lingener Stadtrat?

(Fotos und Skizzen aus © Lingen -Architektur im Wandel, Baldur Köster)

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