Futterfett-Rührstation

6. Januar 2011

Am gestrigen Mittwochmorgen durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das Betriebsgelände des Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch in Uetersen (Schleswig-Holstein). Ermittelt wird gegen die Verantwortlichen der Unternehmensleitung, von denen BILD heute bereits den ersten an seinen medialen Pranger gestellt hat.

Bekannt wurde auch, dass das schleswig-holsteinische Unternehmen mit  der Spedition Lübbe in Bösel (Kreis Cloppenburg) zusammenarbeitet. Der NDR sprach in diesem Zusammenhang von einer „Tochterfirma“ des schleswig-holsteinischen Unternehmens, das Unternehmen selbst nennt sich auf seiner Internetseite ein „Familienunternehmen … in dritter Generation“. Parallel zur Durchsuchung in Uetersen wurde auch bei  Lübbe durchsucht. Staatsanwalt Rainer du Mesnil,  Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, sagte dazu, derzeit bestehe noch kein konkreter Tatverdacht. Die Transportfirma in Bösel betreibt allerdings ein Tanklager und und eine Futterfett-Rührstation für Harles & Jentzsch.  „Wir wollen wissen: Was ist in den Tanks, wo kommt es her und wo ging es hin?“, so Staatsanwalt du Mesnil. Es seien Proben genommen worden, die Analyse werde noch mehrere Tage dauern.

Nachdem bereits gestern bekannt wurde , dass deutlich mehr als 100 landwirtschaftliche Betriebe im Emsland „Futter“ mit Dioxin belasteten Zutaten bezogen haben können, kommt der aktuelle Lebensmittel-Skandal kontinuierlich näher. Oder anders: Wir Emsländer sitzen mittendrin.Die Kontrollensind aus gegebenem Anlass  auf Betriebe mit Schweinen und Rindern und Milcherzeugung ausgeweite worden. Das Resultat: Bislang -so die Kreisverwaltung- stehen 153 Betriebeim Verdacht, Futter erhalten zu haben, das mit dem krebserregenden Ultragift Dioxin „verseucht sein könnte“:  107 Schweinehalter, 31 Höfe mit Mastrindern und 15 Milch liefernde Betriebe seien betroffen, so die Kreisverwaltung in Meppen. Die Zahlen stammen von Mittwoch, können jedoch noch höher werden. Legehennenbetriebe sind nicht dabei.

Alle Betriebe seien „angeschrieben oder angerufen“ worden und müssen nun nachweisen, dass ihre Produkte in Ordnung sind. Es sei nicht auszuschließen, dass Tiere mit Dioxin belastet seien, hieß es. Betroffene Milcherzeuger sollen sich wegen der Probenentnahme schnellstmöglich an ihre Molkerei wenden. Von den Milchproben erhofft sich das Landwirtschaftsministerium in Hannover „grundsätzliche Erkenntnisse über Auswirkungen von dioxinbelasteten Futtermitteln auf die Milch“.  Jetzt also auch Milch!

Die 153  emsländischen Betriebe  haben Futtermittel eines genossenschaftlichen Unternehmens aus dem emsländischen Geeste-Osterbrock erhalten. Die über 115 Jahre alte Firma war wie andere auch von Harles & Jentzsch aus Uetersen mit Futtermittelzusätzen beliefert worden, die den Dioxin-Skandal ausgelöst haben.

Nachtrag:
Der NDR meldet heute morgen:

Der Mischbetrieb Lübbe soll außerdem illegal betrieben worden sein. Das sagte Eberhard Haunhorst vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) am Mittwochabend in der Sendung Hallo Niedersachsen. Deshalb sei der Betrieb zuvor auch nie kontrolliert worden, so Haunhorst. In so einem Fall sei man machtlos. „Das ist eher eine kriminelle Machenschaft“, sagte Haunhorst. Lübbe soll dioxinverseuchte Fette beigemischt und an weiterverarbeitende Betriebe geliefert haben. Die Oldenburger Staatsanwaltschaft leitete gegen die Geschäftsführer von Lübbe jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittel-Gesetzbuch ein.

Der Lübbe-Betrieb ist allerdings in Bösel nicht zu übersehen. Ich glaube daher nicht, dass der Landkreis Cloppenburg tatsächlich so schwachsichtige Mitarbeiter in der Bauverwaltung hat, dass dort mal eben eine Futterfett-Rührstation  ungenehmigt  gebaut werden konnte. Eher wahrscheinlich scheint es mir, dass man einfach nicht hingeguckt hat.

Ausgeschaltet

6. Januar 2011

Die WAZ veröffentlicht einen Hintergrundbericht über die weihnachtlichen  Dioxin-Zustände in unserer schwarz-gelben Landesregierung in Hannover. Ein beeindruckender Blick hinter die Kulissen überforderter Minister und Ministerien. Lesen Sie selbst:

„Kein Anschluss in Hannover: Im Dioxin-Skandal hat Nordrhein-Westfalen eine Woche lang vergeblich versucht, wichtige Informationen aus Niedersachsen zu erhalten.

Es war der Tag vor Silvester, als am Vormittag bei David McAllister das Mobiltelefon klingelte. Eigentlich hatte er Urlaub und wollte beim NDR seine erste Neujahrsansprache als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen aufnehmen. Doch bevor die Aufzeichnung beginnen konnte, musste sich McAllister in der Maske des TV-Studios plötzlich mit Dioxin in Futtermitteln und Eiern befassen, was er, wie er offen einräumt, bis dahin nicht getan hatte. Dioxin war zum ausklingenden Jahr kein Thema – jedenfalls nicht in Niedersachsen.

Andernorts schon. Am anderen Ende der Verbindung war die Staatskanzlei, die wiederum ein Gespräch aus Düsseldorf zu vermitteln versuchte. Dort wartete ein ungeduldiger Johannes Remmel auf ein Gespräch mit einem Zuständigen aus Niedersachsen. Der Grüne ist Verbraucherschutzminister in Nordrhein-Westfalen (NRW) und war wohl einigermaßen verzweifelt. Offensichtlich hatten Landwirte in NRW und andernorts verseuchtes Futtermittel aus Niedersachsen erhalten, das war seit dem 23. Dezember auf beiden Seiten der Landesgrenze bekannt. Remmel hatte schon im Agrarministerium in Hannover angerufen, aber dort niemanden erreicht, der zuständig gewesen wäre. Auch Umweltminister Hans-Heinrich Sander, der seit dem Rücktritt von Astrid Grotelüschen kommissarisch die Geschäfte des Landwirtschaftsressorts führt, war nicht zu greifen. Er hatte zwischen den Jahren offenbar öfter sein Handy ausgeschaltet. Also versuchte es Remmel schließlich an oberster Stelle, in der Staatskanzlei.

Plötzlich gab es Bewegung….

Lesen Sie hier weiter bei der WAZ.

[Quelle: WAZ Karl Doeleke]

Schönes Lünne

6. Januar 2011

Auch in Lünne haben sich Kritiker der Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren“ organisiert. Ein identisches Schild steht seit Neustem gut sichtbar auf einem Feld postiert auch im Scheddebrock. Foto: Sie erinnern sich an diesen Beitrag in meinem kleinen Blog? Was im westfälischen  Nordwalde bislang nur geplant ist, nimmt Exxon Mobil jetzt nur ein paar Kilometer südlich von Lingen in Angriff.  Längst  hat  der Konzern dort, im Speller Ortsteil Lünne eine so genannte Erkundungsbohrung vorbereitet. Das Bohrgelände war asphaltiert, als vorgestern der erste Lkw anfuhr. Exxon will in Lünne erkunden, ob sich eine Erdgasförderung wirtschaftlich lohnt. Dies bestätigte die Samtgemeinde Spelle jetzt den Westfälischen Nachrichten . Eine ganze Reihe Lünner Einwohner sind beunruhigt und haben sich in der Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren – Schönes Lünne“ organisiert. Über die berichtet die Lokalpresse nicht. Sie veröffentlicht lediglich die Verlautbarungen der offiziellen Stellen. Eine daraufhin verfasste Leserzuschrift wurde gekürzt. Hier können Sie sie im Wortlaut lesen.
Die BI sagt:
Wir betrachten unsere Natur und Umwelt als hohes Gut und wichtiges Stück Lebensqualität. Als Lebens- und Freizeitraum benötigen wir sie zum Überleben. Als landwirtschaftliche Fläche nutzen wir sie als Lebensgrundlage.
Deshalb fordert die BI „Gegen gasbohren – Schönes Lünne“:
  • Unser Ziel ist es, eine umweltverträgliche Förderung von Gas in Lünne zu unterstützen, gleichzeitig Schäden an Bevölkerung, Gebäuden und Umwelt im Zusammenhang mit dem Kernbohrprojekt Lünne 1 zu verhindern.
  • Darüber hinaus fordern wir eine Umweltverträglichkeitsprüfung mit Öffentlichkeitsbeteiligung, sollte es zu einer Förderung von unkonventionellem Gas in Lünne kommen.
  • Die Überwachung von Emissionen muss durch unabhängige Institute gewährleistet sein.
  • Zur Klärung von Schadensfällen muss eine unabhängige Schiedsstelle eingerichtet werden.
Die jetzt begonnenen Erkundungsbohrung soll rund einen Monat dauern. Sie ist nach Bergrecht genehmigt worden – das -„Glückauf!“ eher dem 19. Jahrhundert verhaftet ist als moderner Bürgerbeteiligung oder gar Ökologie.  Mit der Bohrung will Exxon unter anderem Daten aus dem Untergrund und über Gesteinsformationen sammeln. Für den Bohrplatz wird eine Fläche von zirka 2300 Qua­dratmetern benötigt. Der Bohrturm hat eine Höhe von 31 Metern. Gebohrt wird  1500 m tief. Exxon verspricht, nach Abschluss der Arbeiten den Platz wieder zurückzubauen. Wie in Nordwalde hatte Exxon das Projekt im Vorfeld öffentlich vorgestellt.

Das Fracturing-Verfahren wird dabei in Lünne nicht angewandt werden. “Hydraulic Fracturing” ist das umstrittenste Verfahren zur Förderung von unkonventionellem Erdgas. Während Flözgas oder Grubengas durch konventionelle Bohrungen gefördert werden kann, muss Gas, welches in Schiefer- oder Sandsteinschichten gebunden ist, umständlich befreit werden.  Dazu werden, ausgehend von horizontalen Bohrungen, Millionen Liter Wasser, Sand und Chemikalien in den Untergrund gepumpt, bis dieser, begleitet von Erdbeben der Stufe 1-2 aufbricht. Das Wasser-Sand-Chemie Gemisch dringt in die Risse ein und lässt das Gas entweichen. (mehr…)

Um aktuelle Bedenken der Bürger zu zerstreuen, bietet Exxon Führungen über das Bohrgelände an. Des Weiteren ist nach Bekanntgabe der Ergebnisse eine öffentliche Bürgerversammlung in Lünne „für Mitte dieses Jahres“ geplant. Dann -kurz vor der Kommunalwahl- wird Bürgermeister Bernhard Hummeldorf ( Samtgemeinde Spelle) erklären, ob er sich tatsächlich bereits insgeheim auf 18 Bohrtürme freut, die ihm die Firma Exxon versprochen hat, wenn es zu einer Förderung kommen sollte – so Christina und Markus Rolink in ihrem Leserbrief. „Also doch keine Testbohrung?“

Die Nordwalder Interessengemeinschaft „Gegen Gasbohren“ (IGGG) befürchtet bereits, dass sich die Bohrungen in Lünne wegen der räumlichen Nähe bis weit in den Kreis Steinfurt auswirken. Unter anderem könnte die Trinkwasserversorgung betroffen sein. „Hier kann man wieder sehen, dass es als Nächstes jeden treffen kann“, sagt Markus Knäpper von der Nordwalder IGGG.

 

(Foto: Gegen Gasbohren – Schönes Lünne)