3 Millionen

4. Januar 2011

Es könnten bis zu 180 Betriebe aus dem Emsland das Dioxin-belastete Futter erhalten haben, heißt es heute aus dem Ministerium der Landwirtschaft in Hannover. Offiziell „gesperrt“ wurden bisher allerdings keiner  dieser Betriebe. In der Grafschaft Bentheim gibt es mittlerweile neun Bauernhöfe, die möglicherweise mit Dioxin verseuchtes Futter bezogen haben könnten. Das sagte ein Sprecher des Veterinäramtes des Landkreises gegenüber der ems-vechte-welle. Er betonte, dass es sich dabei um Verdachtsfälle handele. Auch diese Höfe seien nicht gesperrt. Überhaupt hat sich Niedersachsen mit seinen Maßnahmen gaaaanz viel Zeit gelassen. Als zwei Tage vor Heiligabend bekannt wurde, dass Dioxin in Eiern aus  Legehennen-Betriebe in den Kreisen Soest und Steinfurt gefunden worden war, reagierten die NRW-Behörden sofort und sperrten beide Betriebe.

Ein Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums beschwichtigte derweil erst einmal: „Es ist äußerst wahrscheinlich, dass die schon verzehrt sind.” Eine Gefahr für die Verbraucher aber gebe es nicht. „Der Verzehr ist unproblematisch, weil die Erhöhung so gering ist.”  NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Bündnis’90/Die Grünen) kritisierte daraufhin die niedersächsische Regierung. Er teile nicht deren Einschätzung, dass der Dioxin-Fall nur eine untergeordnete Bedeutung habe. Dioxin (Allgemeine Struktur von Dibenzo-p-dioxinen lks., © wikipedia CC) kann bekanntlich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation auch in geringen Dosen Krebs auslösen.

Auch der stellv. Vorsitzende der niedersächsischen Landtagsgrünen Christian Meyer forderte schon vor einer Woche, dass „aus Vorsorgegründen eine Auslieferung der Eier unbedingt unterbunden werden muss. Im Zweifel hat der Verbraucherschutz Vorrang vor dem wirtschaftlichen Interesse der Agrarindustrie.“ Erst wenn der begründete Verdacht auf eine erhöhte Dioxinbelastung ausgeräumt sei, dürften die Betriebe wieder liefern. Der Grünen-Politiker forderte noch im vergangenen Jahr, die „Vorsorge-Regelung aus NRW“ zu übernehmen und nicht erst die voraussichtlich in einer Woche vorliegenden Laborergebnisse abzuwarten. „Ansonsten bleibt Niedersachsen wieder einmal Schlusslicht beim Verbraucherschutz“.

Meyer lobte vor Wochenfrist den freiwilligen Verkaufsstopp einzelner Betriebe. „Diese Firmen gehen offenbar davon aus, dass ein begründetes Risiko besteht. Daran sollte sich Minister Sander orientieren und den Eiertanz seines Hauses beim Umgang mit den Giftrückständen beenden.“

Tatsächlich hat der amtierende Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Sander (FDP) das Problem auch danach noch tagelang ignoriert. Niedersachsen sperrte erst am 3. Januar, folglich 10 Tage später als NRW Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzüchter. Dann aber gleich 1000, geradewegs als ob man was gut machen wollte. Trotzig erklärte man, die flächendeckende Überwachungsaktion sei bereits am 23. Dezember 2010 „angelaufen“. Unklar ist, ob dies mehr bedeutet, als auf die Nachricht aus NRW einen Eingangsstempel gesetzt zu haben. Die überfordert wirkende schwarz-gelbe Landesregierung muss jedenfalls nicht nur nach Ansicht der Grünen auch aufklären, warum sie so lange gezögert hat und allein zwischen Weihnachten und Neujahr weitere 3 Millionen dioxinverdächtige Eier aus Niedersachsen in den Handel geraten und verzehrt werden konnten.

Hintergrund:
Bisher liegt bei niedersächsischen Eiern mit den Codes 2-DE-0350121 und 2-DE-0350372 der Dioxinwert allerdings über dem Zugelassenen, informiert die Verbraucherzentrale Hamburg. Die Informationen kommen von dem Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) aus Bonn (Symbolfoto re.). Die beiden Legehennen-Betriebe produzieren Eier in so genannter Bodenhaltung in Emstek und in Vechta.

Nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ist technische Mischfettsäure für die Futterproduktion eingesetzt worden. Ein Sprecher der Behörde sagte dem Bielefelder „Westfalen-Blatt“, durch die richtige Kennzeichnung sei klar gewesen, dass die Ware nur für die technische Industrie, etwa zur Herstellung von Schmiermitteln, geeignet gewesen sei. Der Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch in Uetersen (Schleswig-Holstein) habe die vom niederländischen Unternehmen Olivet gelieferte, in der Emdener Biodiesel-Anlage der Petrotec AG (Stammsitz Borken) hergestellte Fettsäure zur Herstellung von Futterfett verwendet, sagte der Sprecher der Zeitung.

Harles & Jentzsch kaufte nach eigenen Angaben jahrelang Reste aus der Biodiesel-Herstellung auf und verarbeitete sie für Viehfutter. «Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist», zitierte das «Westfalen-Blatt» den Geschäftsführer Siegfried Sievert. Industriefette sind billiger als Nahrungsmittelfette.

Die Petrotec AG betonte: «Wir haben in sämtlichen Verträgen, Lieferscheinen und Rechnungen stets darauf hingewiesen, dass die Mischfettsäure aus Altspeisefett nicht für die Lebens- und Futtermittelindustrie, sondern ausschließlich zur technischen Verwendung bestimmt ist.»

Hunderte Tonnen des Futterfetts sind offenbar an sieben Futtermittelbetriebe in Niedersachsen, drei Futtermittelhersteller in Nordrhein-Westfalen und jeweils einen Hersteller in Hamburg und Sachsen-Anhalt geliefert worden. Diese zwölf Hersteller hätten Höfe unter anderem in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und Brandenburg beliefert.

8 Antworten to “3 Millionen”

  1. Miep said

    Sorry, kann’s so nicht nachvollziehen. Gesperrt oder nicht? Und wenn ja, wer oder wer nicht?

    „„Gesperrt“ wurde bislang bisher allerdings keiner dieser Betriebe.“

    „Jetzt müssen allein in Niedersachsen rund 1000 vorsorglich gesperrte Betriebe nachweisen, dass ihre Lebensmittel unbedenklich sind.“

    • Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Ich verstehe es auch nur eingeschränkt. Es finden sich so widersprüchliche Informationen, wie es in meinem Artikel zu lesen und zusammengetragen ist… zB hier und hier

  2. Druidelix said

    Staatliche Kontrollen wurden unter schwarz/gelb abgebaut, stattdessen setzt man weiter auf „Eigenkontrolle der Wirtschaft“. Das dies nicht funktioniert, zeigt nicht nur dieser Skandal, sondern viele weitere aus jüngster Vergangenheit.

    Auf der Internetseite von Harles & Jentzsch ist u.a. zu lesen:
    Eine moderne Produktionsanlage mit hohen Tankkapazitäten ermöglicht eine ökonomische und zuverlässige Produktion. Die Kunden schätzen, dass HARLES und JENTZSCH flexibel auf spezielle Wünsche eingeht und die Belieferung termingerecht erfolgt.

    weiter:
    Bei Forschung und Entwicklung kooperieren wir mit Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Ein modern ausgerüstetes Labor steht für die Entwicklung und zur Qualitätssicherung zur Verfügung.

    Anmerkung: Sollte vielleicht auch mal genutzt werden…

    jetzt kommt es:
    Zertifikat nach ISO 9001
    Zertifikat GMP+ B2
    Zertifikat HACCP
    Zertifikat QS

    Und dann das hier:
    Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist», zitierte das «Westfalen-Blatt» den Geschäftsführer Siegfried Sievert

    Fazit: Unsere Regierung baute statt staatlicher Lebensmittelkontrolle auf Eigenkontrolle und Selbstanzeige, wahrscheinlich glauben die auch noch an den Weihnachtsmann.

  3. […] hier den Beitrag weiterlesen: 3 Millionen […]

  4. Renate said

    Schärfere Kontrollen sind nicht das Maß der Dinge. Eine klare Ansage, das Futtermittelpanscher im Fall der Fälle für alle gekeulten Tiere und Exportbeschränkungen + gesperrte Höfe voll aufkommen müssen, würde als abschreckende Wirkung oftmals reichen. Das haben alle bisherigen Regierungen leider versäumt.

    • Job said

      @ Renate,
      dein Vorschlag in Ehren, aber bringt nichts. Die Futtermittelpantscher melden Konkurs (Insolvenz) an. Kein Geld zu holen. Wer muss zahlen der Steuerzahler also wir.
      Besserer Weg: 10 Jahre Knast wegen Mordversuch.

      • Buggy said

        Soweit ich informiert bin, haftet der Steuerzahler nicht.
        Fleisch wird nun bestimmt nochmal deutlich günstiger im Supermarkt, weil die Märkte quasi eingebrochen sind. So gesehen wird der Steuerzahler an der Ladentheke entlastet. Nur für meinen Betrieb beseutet das ein Verlust von (im günstigsten Fall) von 30000 Euro. Was nun? Sparen! Das wird schwierig, aber es führt daran kein Weg vorbei….

        Die Verantwortlichen Panscher gehören wirklich hinter Gittern- wenn das nach heutigen Gesetzen nicht möglich ist, dann muss an dieser Stelle etwas geändert werden.

  5. Druidelix said

    @ Job, leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass auch der Knast nichts bringt. In China im Melaminskandal haben sie sogar jemadnen gehängt. Gebracht hat es auch nicht viel, denn nur einige Monate später wurde erneut in der Milch Melamin gefunden. Die Behörden bedeuerten, dass diese Produkte vernichtet wurden. Aufgetaucht sind sie dann in Afrika und wurden dort an Mütter verkauft, die bereits vor der Entbindung an Aids erkrankt sind. Um das Kind vor der Krankheit zu schützen, wurden die Kinder per Kaiserschnitt „geholt“. Da die Mütter nicht stillen dürfen (Ansteckungsgefahr Aids) erhielten sie das verseuchte Milchpulver aus China. Nun starben die Kinder nicht an Aids sondern an Nierenversagen. Es ist und bleibt eine Sauerei und der Verbraucher kann nur zusehen.

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