Zwänge

1. Dezember 2010

Da macht sich gerade unser ganzes Land lächerlich und auf den Weg in die staatliche Zensur. Die Bundesländer wollen ernsthaft den JMStV beschließen – den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, der ganz offiziell Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien – eben kurz  Jugendmedienschutz – Staatsvertrag (Text hier). Menschenwürde muss natürlich schon sein, wie immer wenn es vor allem um ganz etwas anderes geht.

Dieser Vertrag ist aber nicht  nur sprachlich ein Monstrum. Die Erfinder der Übereinkunft der 16 Bundesländer glauben nämlich, das Internet sei eine deutsche Sache und der Eintritt sei irgendwie wie Kino. Sie wollen für Deutschland und Deutsche eine Alterskennzeichnung im weltweiten Web  einführen. Gerade so, als ob Jugendliche hierzulande nur nationale Seiten konsumierten. Ab 2011 soll grundsätzlich jeder, auch ich mit meinem kleinen Blog, seine Webseiten auf jugendgefährdende Inhalte hin überprüfen, klassifizieren und Maßnahmen zum Schutz der Jugend vor diesen Inhalten treffen. Wie eben die im Kino bekannten Altersfreigaben ab 0, 6, 12, 16 und 18 Jahren. Diese Pflicht zur Einordnung des Inhalts wird grundsätzlich für jede (deutsche) Internetseite gelten.

Dann soll es für sie nur die Alternative geben, den Zugang zu Inhalten einzuschränken oder sie nur zu bestimmten (deutschen) Zeiten (un)zugänglich zu machen. Für die meisten Betreiber von Webseiten wird aus rein praktischen Gründen weder die Verwendung einer technischen Altersprüfung noch eine „Sendezeitbeschränkung“ in Frage kommen – auch für mich nicht. Was mache ich also  beispielsweise mit unserem zeitweise schreibwütigen, aber 15-jährigen Julius Frilling bei einem Beitrag, der ab 16 … und welcher Beitrag ist überhaupt ab 16? Übrigens wird bei fahrlässig falscher Einstufung im Zweifel ein Bußgeld fällig – mindestens. Und fahrlässig ist alles. Guckst Du hier!

Bisher dachte die Bloggerszene, dass NRW das Inkrafttreten dieses Zensurmonsters verhindern können. Aber seit vorgestern haben sich auch die Bündnisgrünen als Verfechter des JMStV herausgestellt. Da sind die Grünen (Plakatentwurf lks) umgefallen. Bis dahin war nicht klar , wie sich die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen verhalten wird. Am Montag dieser Woche aber haben die Landtagsfraktionen von SPD und Bündnis’90/Die Grünen beschlossen, dem JMStV doch zuzustimmen. Bündnis’90 – die Grünen haben  bislang stets gegen den JMStV argumentiert. Montag sind sie jämmerlich umgefallen. Zwar twitterten am Montag die Grünen aus NRW noch trotzig: „Wir sind weiterhin gegen den #JMStV, die Fraktion hat sich aufgrund parlamentarischer Zwänge anders entschlossen.“ Zwänge- wie lächerlich. Genauso lächerlich wie der aktuelle Zustimmungsbeschluss der Linken in Berlin, der gestern Abend bekannt geworden ist! Inzwischen meldet heise.de, die grüne NRW-Landtagsfraktion habe den Fraktionsvorstand gebeten, noch einmal mit der SPD über die Ablehnung des Staatsvertrags „zu sprechen“, nachdem im Netz inzwischen ein Sturm losgebrochen ist, der in seiner Heftigkeit wohl nicht nur  den einen oder anderen Grünen-Abgeordneten in Düsseldorf überrascht hat.

Aus Protest gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, der deutsche Internet-Veröffentlichungen mit nicht erfüllbaren Anforderungen belegen wird, kündigen inzwischen manche Blogger an, ihre Angebote komplett vom Netz zu nehmen, darunter beispielsweise der VZlog.de. Die Alterskennzeichnung, so die VZlog-Verantwortlichen, wäre „zwar technisch leicht umzusetzen, jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden und juristisch sehr unsicher. Wir müssten diese Einschätzung selbst vornehmen und können uns keine Experten auf diesem Gebiet leisten, die alle 845 Artikel, 1218 Medieninhalte und 15797 Kommentare (!) bewerten. Wenn wir diese Bewertung selbst vornehmen und diese falsch ist, kann dies zu hohen Geldstrafen führen. Die einzige sinnvolle Möglichkeit für VZlog wäre es also, das gesamte Blog mit ‚Ab 18‘ zu bewerten, was für uns aus keinen Sinn macht.“

Nur Seiten, die „Nachrichtensendungen [und] Sendungen zum politischen Zeitgeschehen“ entsprechen und an deren Inhalten ein „berechtigtes Interesse“ besteht, sind ausgenommen. Damit wären große Medienseiten wie z.B. Spiegel Online oder prominente Blogs wie Netzpolitik ausgenommen. Problematisch wird es dagegen nach Ansicht von Fachleuten, wie  kleinere Blogs einzustufen sind. Wer  beurteilt wie, ab wann ein „berechtigtes Interesse“ besteht?

Würde ich mich, weil vielleicht -nach Ansicht zensurbereiter Staatsdiener- kein berechtigtes Interesse an diesem kleinen Blog besteht,  für die Kennzeichnung entscheiden, müsste ich entweder alle Inhalte (809 Blogartikel und 4654 Kommentare) einzeln rückwirkend durchgehen und kennzeichnen oder sie pauschal mit einer Alterskennzeichnung versehen und noch eine Zugangskontrollsoftware installieren. Künftige Nutzerbeiträge, vor allem also Kommentare, müsste ich vor (!) der Veröffentlichung kontrollieren. Anders: Sie könnten mir flott einen einschenken, würden Sie anonym einen Kommentar mit „über 18-Inhalt“  platzieren…

Kritiker  warnen deshalb seit Monaten vor dem JMStV:
Die Kennzeichnungsregelung kann dazu führen, dass viele Betreiber aus Unsicherheit ihre Angebote aus dem Netz nehmen. Heise.de zitiert  Alvar Freude vom Arbeitskreis Internetsperren und Zensur. Sie habe bereits im Mai 2010 in einer ausführlichen Stellungnahme „irreversible Schäden an einem sich entwickelnden kulturellen und sozialen Raum“ befürchtet. Ohnehin bestehe „derzeit keine Schutzlücke“. Deutschland habe bereits „die strengsten Online-Jugendschutz-Regelungen aller demokratischen Staaten weltweit.“ Für unsere Polit-Technokraten reicht das offenbar nicht. Da präsentieren sie lieber, wie der über C-Juristen grantelnde Juraprofessor Prof. Dr. Thomas Hoeren (Foto lks.) trefflich kommentiert, nicht einmal handwerklich Korrektes: Guckst Du auch hier.

Dass meine Seite in den USA gehostet wird, schützt mich wohl eher nicht. Auch nicht vor Bußgeldern oder gar einem Strafverfahren, falls  ich in Roberts Blog Inhalte zugänglich mache, die offensichtlich geeignet sind, die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit unter Berücksichtigung der besonderen Wirkungsform des Verbreitungsmediums schwer zu gefährden. Ermittelt wird viel, liebe Freunde.

Also, liebe Leserinnen und Leser, da bin ich sehr unsicher,
ob ich diesen Blog über das Jahresende hinaus betreiben will und damit das Risiko eingehe, dass mir Jugendgefährdendes rein- und angehängt wird, dann jemand der richterlichen Vielunterschreiber im zuständigen Amtsgericht mit Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss schnell bei der Hand ist und ich in meinem unaufgeräumten Büro Besuch meiner (dann sicherlich feixenden) Arbeitgeber bekomme.
Können Sie verstehen, dass ich das nicht unbedingt möchte?

Denn da irrt Professor Hoeren mit seiner Einschätzung, die Bedenken der Szene seien „murks“. Formal richten sich die Kino-Altersstufen sicherlich nur an Anbieter, die jugendgefährdendes Material bereit halten. Aber wer definiert das? Mit dem spontanen (auch anonymen) Kommentieren von Beiträgen und anderen Kommentaren dürfte jedenfalls Schluss sein, und ich müsste jeden einzelnen erst freischalten, nachdem ich ihn kontrolliert habe
Können Sie verstehen, dass ich auch das nicht unbedingt möchte?

(Grafik: © pantoffelpunk.de; Foto: © Thomas Hoeren, CC)

9 Antworten to “Zwänge”

  1. ulrike said

    Das ist sehr,sehr schade und kann nur mit Bedauern und Verständnis zur Kenntnis genommen werden.

  2. Jochen S. said

    eine Lachnummer mal wieder.

    Jugendschutz also. Wo jeder Fünftklässler auf youporn und Ärgerem ganz andere Sachen zu sehen bekommt als in harmlosen deutschen Politblogs.

    Der nächste Schritt, nachdem man das deutsche (DE-Domains)Internet totreguliert hat, sind vermutlich Zwangsproxies fürs restliche Netz. Zugang ab 18, nur mit PostIdent. Und alles wird natürlich genau protokolliert, da kann man potentielle Raubkopierkinderschänderterroristen gleich mit verhaften.

    Lesetip:

    http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Blog-macht-wegen-neuem-Jugendschutzgesetz-dicht-Updates/forum-189973/list/

    alles, was „GRÜN“ bewertet wurde, ist im Heiseforum ausnahmsweise mal lesenswert. Die Navigation ist etwas umständlich: auf die Seitenzahlen oben oder unten für weitere Kommentare klicken

  3. Kollege Vetter sieht die Sache in seinem lawblog übrigens wesentlich entspannter als ich. Guckst Du hier:
    http://www.lawblog.de/index.php/archives/2010/12/01/warum-blogger-gelassen-bleiben-konnen/

  4. Theobald Tiger said

    Liebe MitstreiterInnen,

    seid ihr alle eingefroren? Dreht ‚mal die Heizung hoch und verinnerlicht einmal, was Herr Koop unter dem Stichwort „Zwänge“ geschrieben hat!
    Die Uhr tickt, bald ist es vorbei mit „unserem“ schönen Lingener Blog! Wer den Ernst der Lage noch nicht erkannt hat, sollte mal den obigen Link von „Kollege Vetter“ nacharbeiten! Ist vielleicht momentan angesagter, als über die Lingener CDU zu schwadronieren!
    Theobald Tiger denkt, dass Herr Koop erst einmal so etwas wie Solidarität braucht. Der Begriff ist mittlerweile zu einem Fremdwort geworden, leider
    (haben wir übrigens den Kanzlern Kohl und Schröder zu verdanken)!
    Und dann vermisst Theobald Tiger den kollektiven Aufschrei! Wollt ihr euch den einfach so der „höheren Gewalt“ fügen???
    Hat denn niemand von Euch eine Idee, wie man diesen Blog erhalten oder sogar weiterentwickeln kann?

    • Theobald Tiger said

      An alle FreundeInnen des „Graswurzel-Journalismus“!

      Wenn Ihr nicht so langsam rauskommt aus euren Ohrensesseln, dann könnt ihr bald wieder Leserbriefe an die LT schreiben und darauf warten, dass sie vielleicht mal gedruckt werden. Und falls ja, dann fühlt ihr euch richtig subversiv …!

      Theobald Tiger empfiehlt als Gegenmittel den neuesten Link von Herrn K. in dieser Angelegenheit zu studieren und dann endlich in den Dialog einzutreten!

      Am 1. Januar 2011 darf nicht Schluss sein, denn es gibt noch viel zu tun!

      • ulrike said

        Diese Macken und Schwachstellen im Gesetz können doch den Machern nicht verborgen sein! Mit einer so heißen Nadel stricke noch nicht mal ich.Würde es reichen, den Blog erst zwischen 23 Uhr und 2 Uhr morgens zu öffen?Geht vermutlich erheblich auf Kosten der Logik und Grammatik der Beiträge.

      • kib said

        @ T. Tiger: Ist doch angekommen. Aber ich wiederhole mich: Sie haben „Sorgen“ (kann ich auch verstehen). Es reicht aber nicht auf die „Strasse“ zu gehen“ wie in Ihrem ersten Posting vorgeschlagen, die Heizung höhere zu drehen oder aus meinem (nicht vorhandenen) Ohrenesel auszustehen. Ich bin nicht Juristin, hab aber gestern mit einem mir bekannten „Fachanwalt für Medienrecht“ gesprochen und… nicht alles verstanden. Nach meinem Verständnis ist das Sache des „Blogbetreibers“, er ist i.e.L. verantwortlich und da selbiger glücklicherweise Jurist ist, muss ich mir keine Sorgen machen…bedauern dürfen wir es allerdings, da haben Sie/Er recht.

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