Dynamik

22. November 2010

Der Landkreis Emsland ist aus dem Häuschen. Das konservative Prognos-Insitut hat ihn in seiner Zukunftsstudie auf Platz 4 aller gut 400 Städte und Kreise gehievt. Für die Dynamik. Ich frage mich seit Samstag, was dies bedeutet – Dynamik, und ich lese in der Süddeutschen über die Prognos-Studie die klare Antwort des Südens der Republik auf unsere Jubelei. Er, der Süden, sei das Kraftzentrum für Deutschland. Der Norden und Nordwesten werde es schwer haben.

Am Wochenende musste ich beruflich zwei Tage in eben diesen Süden – Landkreis Miesbach 50 km hinter München (Prognosrang 31). Mir fiel sofort auf: Keine Maisfelder, keine  Großställe für die industrielle Nahrungsmittelerzeugung, keine Biogasanlagen, von denen es jetzt schon 180 im Emsland (Prognosrang 71) gibt. Nichts von alledem. Statt dessen 20 Minuten hinterm Münchener Hauptbahnhof bloß Landschaft und Natur. Ich bin mir sicher: Niemand dort würde auf die Idee kommen, Dutzende Hektar Wald abzuholzen, um Platz für Industrie und Gewerbe zu schaffen und -sagen wir- zehn Prognosrangplätze nach vorn zu gelangen. In den Städten und Gemeinden Oberbayerns findet man auch keine Grafitti, keine schmutzig-beklebten Laternenpfähle, keine Flächenparkplätze, keine Protzwerbung an Straßen und Häusern aus grellem Neon und LED-Licht, keine fassadenverunstaltende Bierreklame und keine modernisiert-zerstörten Baudenkmale;  aber einen Bahnhof hab ich gefunden, auf dem ich am Samstagabend noch eine Zugfahrkarte am Schalter kaufen konnte und der erfolgreich alle Modernisierungsattacken der Deutschen Bahn abgewehrt hat.

Was machen die Menschen in Oberbayern anders? Während wir Emsländer  vor lauter Dynamik-Jubelei nicht sehen, wie wir unsere Identität und unsere Lebensgrundlagen gleichermaßen ruinieren, wäre statt  aller „Mehrmehrmehr„-Dynamik vielleicht ein Blick auf die CittaslowBewegung von Nutzen. Die 1999 in Italien gegründete Initiative hat als Hauptziele die Verbesserung der Lebensqualität in Städten und das Verhindern der Vereinheitlichung und Amerikanisierung von Städten, in denen Franchise-Unternehmen dominieren. Die Unterstützung und Betonung von kultureller Diversität und den eigenen und speziellen Werten der Stadt und ihres Umlandes sind ebenfalls zentrale Cittàslow-Ziele. Im weiteren Sinne kann Cittàslow dem Trend der sogenannten Slow-Bewegung, der Entschleunigung zugerechnet werden.

Oder bin ich vielleicht  nur sentimental – nach zwei Tagen maisfreiem Oberbayern? Nun, der Landkreis Miesbach ist einer der Kreis mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Republik. Ganz undynamisch-erfolglos kann er also nicht sein.

(Fotos: © Tegernsee sanfamedia.com CC/flickr; © Bahnhof  GAP089 CC/flickr)