Unmoralisch

21. November 2010

Im Westen nichts Neues; denn jeder blamiert sich so gut, wie er kann. Heute haben die im Westen wohnenden Lohner in einer Versammlung ihrer Kirchengemeinde den Vorschlag ihres eigenen Pfarrers Reinhard Trimpe abgelehnt, auf dem Platz vor ihrer Kirche an den großen deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque zu erinnern. Dessen Lebenswandel ist den bigotten Kirchengliedern  suspekt. Also errichtet man auf dem Platz vor der Kirche jetzt Skulpturen für den ehemaligen Weihbischof von Münster Nils Stensen, der sich 1681 besuchsweise in Lohne aufhielt, und den „Missionar“ Heinrich Bürschen, der aus Lohne stammt. Die dritte Skulptur soll an Kaplan Hermann Lange erinnern, der als Gegner des NS-Regimes am 10.11.1943 im Alter von 41 Jahren in Hamburg hingerichtet wurde. Erich Maria Remarque aber kommt nicht auf den Kirchplatz der Lohner.

Seit 8 Jahren setzt sich der katholische Lohner Pfarrer Reinhard Trimpe dafür ein, dass in Lohne die Erinnerung an große Männer, die Bezug zu dem Ort haben, durch Denkmäler wachgehalten wird. Über ein ehrendes Gedenken an seine Amtsbrüder ist er bisher aber nicht hinaus gekommen. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Im Gegenteil.

Die politische Gemeinde will bis heute nicht an NS-Opfer August  Perk erinnern, der 1919/20 in einer Schmiede arbeitete,  sich häufig mit dem in Osnabrück geborenen Junglehrer Remarque traf und ihm  auch von seinen Kriegserlebnissen berichtete. Remarque bliebt nur 8 Monate in Lohne, unterrichtete dann auch kurz in Klein Berßen (Emsland).  In seinem 1928 für die Vossische Zeitung geschriebenen Fortsetzungsroman Im Westen nichts Neues verarbeitete der Schriftsteller neben eigenen Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg und den Berichten von August Perk vorwiegend die Erzählungen verwundeter Soldaten, die er  nach einer schweren Verwundung im Lazarett kennengelernt hatte. Der Roman machte Erich Maria Remarque bald nach seinem Erscheinen als Buch (1929) und der Hollywood-Verfilmung durch Lewis Milestone (1930) weltbekannt. Das Buch erschien in 50 Sprachen.

Am Tag nach Hitlers so genannter Machtergreifung, verließ Remarque Deutschland und ließ sich in  der Schweiz nieder. Hier hatte er Kontakt zu anderen emigrierten deutschen Schriftstellern, darunter  Thomas MannCarl Zuckmayer, Ernst TollerElse Lasker-SchülerLudwig Renn) und gewährte anderen Emigranten aus Deutschland Obdach. Remarques Bücher wurden im Zuge der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland mit dem „Feuerspruch“ „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!“ verbrannt. 1938 wurde ihm vom NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Ab 1939 lebte er in den USA, wo er auf weitere deutsche Emigranten wie Lion FeuchtwangerBertolt Brecht und die Schauspielerin und Nazigegnerin Marlene Dietrich traf.

Für die Lohner Katholiken steht indes das Privatleben des Schriftstellers im Mittelpunkt, dem 1967 das Große Verdienstkreuz der  Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde. Kirchenvorstandsmitglied und Friedhofsrendant Wilhelm Jessing hob heute Mittag warnend den moralischen Zeigefinger und meinte, der „unmoralische Lebenswandel“ mit wechselnden Beziehungen sei zu kritisieren. Deshalb könne Remarque kein Vorbild für Christen sein und gehöre nicht auf den Kirchplatz.  Auch der stellvertretende Bürgermeister Heinz Welling (CDU) stieß heute in dasselbe Horn. Landtagsabgeordneter Reinhold Hilbers (CDU) und CDU-Ratsfrau Monika Westermann sagten kleinlaut, man solle das Andenken an Remarque „stärker würdigen“. Dafür aber gebe es im Gemeinderat keine Mehrheit. Viel peinlicher geht es kaum.

So treffen also 2010 einmal mehr Erich Maria Remarque und August Perk (Foto: Gunter Deming, Stolperstein in Nordhorn) auf die Lohner Kreisklasse, der bekanntlich der in Osnabrück geborene Remarque in seinem Buch „Der Weg zurück“ einige Seiten gewidmet hat. Denn vor knapp drei Jahren hatte der CDU-dominierte Gemeinderat einen Antrag von SPD-Ratsherr Hermann Nüsse zurück gewiesen, eine Neubaustraße nach NS-Opfer August Perk zu benennen. Man entschloss sich stattdessen für Igel, Marder und Dachs als Namensgeber.  Der Lohner August  Perk war am 12. Mai 1945 in einem Braunschweiger Krankenhaus im Alter von 47 Jahren an den Folgen  unmenschlicher NS-Haft verstorben. Dazu war der Textilarbeiter verurteilt worden, nachdem er 1943 einer Nachbarin gegenüber gesagt hatte, der Krieg sei nicht zu gewinnen. Eine Straße, vermeldete die LT Im Jnuar 2008, wollte der Gemeinderat trotzdem nicht nach dem „Eigenbrötler“ August Perk  benennen…

(Quelle: wikipedia)

10 Antworten zu “Unmoralisch”

  1. Chrissi said

    Eine unglaublich spießige und engstirnige Provinzposse.

  2. […] This post was mentioned on Twitter by Miss Marple, Robert Koop. Robert Koop said: #Lingen #Lohne (#Wietmarschen) und das #Unmoralische: http://wp.me/p2aew-1NN […]

  3. Mr. AK said

    Man sollte nicht versuchen päpstlicher als der Papst zu sein!
    Denn wenn man es genau nimmt, so hat Erich Maria Remarque noch auf seinem Sterbebett die Beichte abgelegt. Das bedeutet die Lossprechung von allen Süden.
    Wenn man den „unmoralischen Lebenswandel“ des Erich Maria Remarque nun tatsächlich als „Sünde“ verstehen möchte, so sind diese nach christlichem Glauben schon seit langem vergeben.
    Dass man nach so langer Zeit gerade diese vergebenen „Sünden“ wieder hervorholt und diese „Sünden“ auch als Begründung für die Verweigerung eines Denkmals heranzieht, entzieht sich jeglichem Verständnis.
    Und das in einer Zeit in der der Papst jetzt noch Kondome u.a. für Prostituierte erlaubt hat….

  4. Job said

    Seit doch froh. Die Lohner haben den Remarque überhaupt nicht verdient. Alles Kulturbanausen.

    • Michael said

      Wer nicht zwischen „seit“ und „seid“ unterscheiden kann, sollte zum Thema „Kulturbanausen“ vielleicht besser schweigen.

      Ansonsten meine ich, dass es sich hier nicht um ein Paradebeispiel für DIE Lohner handelt, sondern eher für klassisch-selbstgerechte Katholiken, wie es sie leider immer noch überall gibt.
      Die Kirchenfritzen sollten sich lieber um den Dreck (oder richtiger eigentlich: das Blut) kümmern, der (bzw. das) in 2000 Jahren der christlichen Intoleranz und Unterdrückung bei ihnen selbst und ihren Opfern angefallen ist.

      • Job said

        Sorry, Herr Lehrer. Ich bin ja froh, dass ich das Wort Kulturbanause richtig geschrieben habe. Ich verabschiede mich aus diesem Polemik-Blog.

  5. HGB said

    Peinlich! Wenn alle so denken würden müsste man ja wohl auch sämtliche in der Nähe von Kirchen befindlichen Denkmäler von z.B. Goethe, Clemens August I. und anderen Personen mit „unmoralischem Lebenswandel“ wieder abreissen…

  6. Alan Shore said

    „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“

    Manchmal sollten sie den Worten, den sie sich so verpflichtet fühlen, mehr Beachtung schenken.

  7. Christiane Adam said

    Gestern lief im Centralkino der Film „Bauhaus – Modell und Mythos“ http://bit.ly/g6oYtS

    Die ehemalige Studentengeneration kam dort zu Wort. Das Staatliche Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet. 1919 kam auch Remarque nach Lohne. Es handelt sich also um dieselbe Künstlergeneration. Interessant war, daß die ehemaligen Studenten zu berichten wußten, daß die Einwohner von Weimar die Kunststudenten gar nicht mochten. Sie waren ihnen zu freizügig. Eine Künstlerin erzählte sehr freimütig, daß es im Bauhaus normal war, wechselnde Beziehungen einzugehen. Ihr späterer Ehemann war ihr dritter Partner, den sie in der Bauhaus-Schule hatte. Die Einwohner Weimars fanden das alles ganz und gar unmoralisch.

    Politisch rechte Parteien lehnten das Bauhaus von Anfang an ab. Nachdem sich die Machtverhältnisse nach der Landtagswahl in Thüringen im Februar 1924 geändert hatten, kürzte die Regierung unter Richard Leutheußer (DVP) den Etat um 50%. Daraufhin boten sich andere Städte den Lehrern und Schülern als neue Standorte an. Finanziell und politisch von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat 1925 den Umzug nach Dessau.

    Ich dachte eigentlich, daß sich diese bigotten Moralvorstellungen längst überholt hätten. Man weiß: Künstler gehen freizügiger mit bestimmten Dingen um. Paul McCartney beispielsweise war sicherlich auch kein Kind von Traurigkeit. Dennoch erhielt er 1997 von Königin Elisabeth II. die Auszeichnung „Knight Bachelor“ und wurde damit in den Adelsstand erhoben. In Lohne wäre daraus wohl nichts geworden.

  8. Christiane Adam said

    noz_de twittert:

    Die Provinzposse um ein Denkmal für Remarque auf dem Kirchplatz in Lohne schafft es jetzt sogar ins NDR-Fernsehen… http://ow.ly/3eM2T

    Soll heute Abend um 19.30 Uhr auf dem Dritten bei „Hallo Niedersachsen“ kommen!

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