Harald

4. September 2010

Gestern Abend wurde der 19. Lingener Kunstpreis verliehen. Die 1983 von Heiner Schepers, damals Geschäftsführer des Kunstvereins Lingen, initiierte Auszeichnung verdient längst die Bezeichnung „renommiert“. Oder um in der Sprache unserer politischen Regionalliga zu sprechen: Sie erfüllt oberzentrale Anforderungen. Ich könnte jetzt über die Peinlichkeit  polemisieren, dass bei der Preisverleihung zwar mehr als 100 Gäste anwesend waren aber kein einziger Vertreter der Stadt Lingen (Ems). Niemand aus der Verwaltungsspitze, keine Bürgermeisterin, keine Kulturausschussvorsitzende. Nun, jeder blamiert sich, so gut er kann.

Statt dessen will ich lieber einige Worte über Harald Müller (Foto unten) schreiben. Der Chef der Lingener Erwin-Müller-Gruppe ist bekanntlich ein gegenüber den Künsten und der Kultur sehr aufgeschlossener  Mann. Ohne ihn gäbe es beispielsweise nicht das Kulturforum in der ehemaligen Reuschberger Kirche St. Michael. Legendär ist schon seine Entscheidung Mitte der 1990er Jahre, den abgeschlossenen Wiederaufbau des abgebrannten Emco-Werks II in der neuen Werkhalle mit einem Sinfoniekonzert der Halleschen Philharmonie zu feiern. Gestern nun überreichte Harald Müller den 19. Lingener Kunstpreis in der Kunst-/Halle IV an Preisträgerin Birgit Megerle; er hatte die Preissumme zur Verfügung gestellt.

Anschließend sprachen wir am Rande der Megerle-Ausstellung einige Minuten miteinander und da berichtete der bescheidene Mäzen von seinem jüngsten wirtschaftlichen Projekt. Bei einem  China- Besuch im vergangenen November seien ihm Elektroroller aufgefallen. „Kein Krach, kein Gestank!“  und er  habe sich gefragt, warum es eigentlich „die nicht in Deutschland“ gebe. In Europa sei die Elektromobilität völlig verschlafen worden. „Aber die Chinesen…die bauen Millionen jedes Jahr“ Da sei ihm die Idee für sein neues Projekt gekommen. Man habe Prototypen der fahrbaren Untersetzer aus China geholt, zerlegt, verbessert.  Jetzt könne es losgehen. Über eine eigens gegründete Gesellschaft emco-electroroller wolle er die Elektrofahrzeuge  importieren und verkaufen, zuerst hier und „im Raum bis Hamburg“. „Später vielleicht…wir werden sehen!“ Vier Modelle gebe es in fünf Farben. „Gedrosselt auf 25 km/h für den Radweg, 45 km/h auf der Straße“. Das preiswerteste Modell koste rund 1700 Euro, seine Reichweite betrage 65 Kilometer – „ideal für die Stadt“.

„Eine ‚Tankfüllung Strom‘ kostet den Zweiradfahrer rund 35 Cent,“ hat Müllers Vertriebschef Oswald Gerl errechnet. „Eine Strecke von 100 Kilometern kostet also nur einen halebn Euro Cent. Der Nutzer ist somit nicht nur äußerst umweltfreundlich unterwegs, sondern spart auch noch enorme Spritkosten.“  Allerdings beträgt die Ladezeit bis zu sechs Stunden – immer noch ein Problem für Elektrofahrzeuge.

Interesse ist da. So drängten sich gestern die Menschen um die fünf Elektroroller, pardon emco-electroroller (Firmenlogo oben links), die in der Lookentor-Einkaufspassage präsentiert werden sind. Die ersten 500 Exemplare sind in nur zwei Monaten verkauft worden. Zweirad-Hilmes in Bawinkel vertreibt sie und drei Lingener Händler, darunter Radel-Bluschke, ebenso.

Bekanntlich nutzen Elektromobile der Umwelt nur, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien fahren. Werner Neumann, Energiefachmann des BUND: „Ein durch Elektroautos steigender Stromverbrauch darf nicht aus neuen Kohlekraftwerken bedient werden. Dann wäre die CO2-Bilanz schlechter als bei einem Pkw mit Benzinmotor. Das Elektromobil darf nicht zum Kohle- und nicht zum Atomstromauto werden.“

Harald Müller hat darauf eine richtige Antwort. Er will in den Elektrotankstellen ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien bereitstellten. Das notwendige öffentliche Stromtankstellen-Netz entwickelt gerade der Lingener Helge Kropik. Seine Idee: Tanken für eine jährliche Flatrate von rund 30 Euro, für die unbegrenzt im Netz aufgeladen werden kann.

Es war ein mehr als interessantes  Gespräch mit dem EMCO-Chef und beeindruckt haben mich dabei besonders die Tatkraft und Entschlussfreude des immerhin bereits 69-jährigen Lingener Unternehmers. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickelt. Hoffentlich hervorragend.

(Foto: © PR)