Beziehungsachse

27. August 2010

Mit einem Bußgeld muss der Lingener Unternehmer Andreas Huesmann rechnen. Der Grund: Die Werbung für sein neues Geschäftshaus in der Großen Straße widersprechen der städtischen Satzung, die die Werbeanlagen im Stadtzentrum regelt. Sie legt fest, dass Werbeanlagen nur höchstens direkt oberhalb des Erdgeschosses angebracht werden können. Huesmann hängt seine Intersport- und Firmenwerbung gleich drei Etagen höher. Stadtbaurat L.: „Die Werbeanlagen sind nicht genehmigungsfähig und verstoßen massiv gegen die städtische Werbesatzung, weil sie oberhalb des Erdgeschosses angebracht wurden.“

Dabei war dem Unternehmer ausdrücklich untersagt worden, die Werbeanlagen am Gebäude anzubringen. Als ein Mitarbeiter des Bauamtes die Baustelle inspizierte, weil ein Hubsteiger aufgestellt werden sollte, erfuhr er von dem Vorhaben, verwies auf die Gestaltungssatzung und erließ sofort eine Untersagungsverfügung. Bauherr Andreas Huesmann ließ trotz dieser mündlichen Anordnung die Werbeanlagen anbauen.

In der kurzen Ausschussdebatte darüber hatten die Ratsmitglieder Heinz Willigmann (SPD) und Dr. Karl-Heinz Vehring (CDU) mit den Werbeeinrichtungen keine Probleme. Vehring fragte geradezu treuherzig, „ob die Werbung am Lookentor nur eine Ausnahme darstellten“, was Stadtbaurat L. bejahte. Der Eindruck, den der CDU-Mann erzeugte, ist fatal: Will er die Ausnahme zur Regel machen? Dabei würde er „übersehen“, wie die historische städtebauliche Sichtachse vom Markt überlagert und zerstört wird durch den neuen, überdimensionierten Baukubus am Ende der Großen Straße nebst Neonreklame. Altes Rathaus links, Alte Posthalterei rechts und dazwischen Intersport Adventure.

Mein Eindruck: Längst ist vielen Ratsmitglieder die (Werbe-)Gestaltung des Stadtzentrums gleichgültig. Sie ordnen sie dem Kommerz unter. So machte vor zwei Wochen beispielsweise Ratsmitglied Stefan Heskamp (CDU) bei der Ausschussdiskussion um Werbesünden und Satzungsverstöße auf dem Markt klar: „Ich habe damit keine Probleme“. Auch jetzt am Montag habe ich jedenfalls der laissez-faire-Einstellung, wie sie Heinz Willigmann („Ist doch nicht so schlimm!“) vertrat, widersprochen.

Denn die Lingener Altstadt um den Markt ist nahezu unser einziges architektonisches Kulturerbe. Kommerzielle Werbeanlagen für „Intersport Adventure“ und „Huesmann-Bekleidung“ sind das nicht. Sie stören dieses Erbe und wollen das auch. Unternehmer Huesmann – so die LT- will diese Störung, weil er „dringend diese Art der Werbung (braucht), um damit eine Sichtbeziehung zum Marktplatz herzustellen.“ Ja, eben. Das Ensemble Marktplatz ist ihm da -sagen wir- wurscht und hat sich seiner Unternehmerentscheidung unterzuordnen, am Ende der Großen Straße zu investieren!

Hängen wir den Denkmalschutz dann also mal ganz hoch auf: Nach dem UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt von 1972 ist Deutschland zu einem ausreichenden tatsächlichen und rechtlichen Schutz seines Kulturerbes verpflichtet. Das betrifft Denkmäler, Ensembles, Stätten – auch in Lingen und auch wenn jemand „Geld in die Hand nimmt“ (Renate Seiler, CDU) und die Ratsmehrheit schon dadurch in hemmungslose Verzückung und distanzloses Jubeln gerät.

Deutlich fachkundiger ist da die Beurteilung einer Stadtplanerin, die im Mai im Rahmen einer Tagung die Stadt besuchte. Sie schrieb: „Das Haus kann keinen Solitärcharakter entfalten und passt auch nicht harmonisch in die vorhandene Baugestaltung. Blumenarrangements können den Klotz gestalterisch eventuell noch retten.“ Jede(r sieht, es werden viele Blumen sein müssen.

Aufschlussreich ist schließlich, was Andreas Huesmann laut heutiger LT über die Entscheidungsfindung berichtet: „Ich habe mein Projekt im August 2008 der CDU-Fraktion und dem Stadtrat vorgestellt und Zustimmung erfahren.“ Ach so, bei der CDU gab es Zustimmung. Im Ausschuss war der Investor jedenfalls nicht. Wenn ein netter Mann, der Andreas Huesmann sein kann, der CDU sein Vorhaben erklärt, braucht man keine Debatte, kein Modell, keine maßstäbliche Darstellung und keine große Diskussion im Ratsausschuss. ein paar bunte Bildchen mit aufgemalten Bäumchen müssen da reichen (guckst Du…). Muss wirklich nicht, wenn man schon die CDU überzeugt. Offenbar soll es so filzhaft weitergehen: „Das Gespräch suchen“ möchte Andreas Huesmann, wie er am Donnerstag dem LT-Redakteur sagte. Wieder nur bei der CDU, frage ich mich, damit auch die Bußgeldfrage elegant geregelt wird? So werden dann wohl aus bloßen Sichtachsen handfeste Beziehungsachsen.

Huesmann gewährt der Lokalzeitung auch weitere, interessante Einblicke in die Entscheidungswege in Lingen. So habe er „unter anderem vom damaligen Oberbürgermeister Heiner Pott die Zusage bekommen, dass die Sanierung der Kivelingsstraße im Gleichklang mit seinem Neubau erfolgt“. Der Planungs- und Bauausschuss hatte die damit einher gehende, nicht billige und überflüssige Umwandlung der Kivelingstraße in eine Fußgängerzone jedoch abgelehnt. Inzwischen ist das Projekt in einem anderen Ratsausschuss elegant in den zugesagten Hafen gesegelt worden.

Was jetzt zu erwarten ist? Die sich ach so heimatbewusst gebende CDU wird die Huesmann’schen Werbeanlagen. absegnen. Für die Christdemokraten um Vehring, Heskamp & Co ist die Stadtgestaltung nur Mittel zum (kommerziellen) Zweck. Anderen ist es egal. Von Denkmalschutz hält die Ratsmehrheit in Wahrheit nichts. Ich denke daher schon darüber nach, was passieren wird, wenn BurgerKing die „Alte Posthalterei“ als Objekt kommerzieller Begierde entdeckt und „Geld in die Hand nimmt“.

Nachtrag:
Lassen Sie sich bitte nicht durch die Fotos in der heutigen Presse täuschen. Weil wir ja aktuell die Fußball-WM feiern, hängen nämlich deutsche Flaggen in der Großen Straße, und dazu auch, weil wir Kleinstadt sind und das auch zeigen, reihenweise Schützenfestwimpel. Diese Textilfetzen verdecken für die Passanten perspektivisch noch die Sicht auf den neuen „Klotz“ am Straßenende.

(Foto: historische Sichtachse auf dem Marktplatz Lingen, dendroaspis2008 -Ausschnittsvergrößerung- )

24 Antworten to “Beziehungsachse”

  1. Eva said

    Was mich interessieren würde: Mit welcher Begründung ist denn die Ausnahme bei der Beschilderung Lookentor möglich? Die Diskussion damals muss mir entgangen sein.
    Bei dem Bild, dass Sie hier freundlicherweise eingestellt haben kann man sich gut vorstellen wie der Klotz aussehen wird. Aber gut, ist halt jetzt so.
    Ich war einige Wochen nicht in Lingen. Wie hat sich das denn mit der Enge zwischen den Gebäuden Huesmann und mit dem Altenzentrum geregelt. Das war ja teilweise sehr brenzlig.

    • martin said

      @eva die reklame (nicht alle, aber besonders die in den obergeschossen) kam erst weit nach dem bau der mall – wohlmöglich klangheimlich?

  2. ulrike said

    Die hochhängende Leuchtreklame an der „Mall“ ist für die Anwohner ein Ärgernis.Sie leuchtet während der ganzen Nacht direkt in die Wohnräume hinein. Das nur als Zusatz zu dem Thema:Verschandelung des Anblicks der Altstadt durch Reklame.Es ist mehr bedroht als nur die Ästhetik,wie steht es mit dem Energieverbrauch?immerhin werden die städt. Laternen in der Leuchtstärke abgesenkt und die Werbewirkung dürfte nachts um 4 Uhr nur mäßig sein.

    • Katharina said

      Völlig klar, dass die Leuchtreklame nachts die Anwohner stört. Kann ich gut nachvollziehen.
      Allerdings ist es wohl üblich,in einer Geschäftsstraße Leuchtreklame anzubringen.
      In den Abend- und Nachtstunden sollte diese jedoch gedämpft oder gedrosselt werden.
      Das Huesmann-Haus und die angebrachten Leuchtlettern verschandeln unsere
      „gute Stube“ und zerstören den Altstadtcharakter.
      Dreist und rücksichtslos ist es außerdem noch, den älteren Leuten gegenüber im Wohnheim die
      Sonne zu nehmen.

      • Jürgen said

        Altsadt in Lingen?? Das wüßte ich aber!
        Reklame bei Huesmann und am Lookentor enfernen. Basta!!

      • Frank O. said

        Das Problem mit der Leuchreklame kann echt nervig werden.Ich wohne gegenüber von einem Autohaus. Dieses beleuchtet seinen kompletten Fuhrpark nachts mit Flutlicht. Wobei ein Strahler fast direkt in meine Wohnung strahlt. Nun ist das Haus in dem ich wohne in den 70iger jahren gebaut worden und dummerweise wurden keine Jalousien verbaut.Hat sehr lange und viele schlaflose Nächte gebraucht bis man sich daran gewöhnt. Kann man da eigentlich rechtlich was machen, Herr Koop??

    • Ich hab das bislang so nicht gehört und ich weiß auch nicht, welche Anwohner betroffen sein sollen. Es gibt mW keine Anwohner im Bereich der Mall-Eingänge. ABER was ich erfahren habe: Die neuen Straßenlaternen in den Fußgängerzonen 1,50m vor den Hausfassaden leuchten mit ihren Halogenlampen direkt und kräftig in die Wohnzimmer. Einmal mehr eine dumm-gleichgültige Gedankenlosigkeit.

  3. Gutgläubiger said

    Gab es mit dem Bau der Mall nicht die Diskussion ob andere Bereiche der Innenstadt wirtschaftlich abgehängt werden und ist diese Diskussion dann nicht auch in diesem Zusammenhang zu sehen?

    • martin said

      gleicher zusammenhang: mall in der innenstadt (egal wo) ist besser als keine mall, oder gar eine im umland.

      • Dieter Herrmann said

        Dieses Fehlkonzept (im Umland bzw. Standrand) kann man ja vor allem im Osten der Republik beobachten, die nach der Wende frisch restaurierten Innenstädte stehen leer und verfallen wieder, während das Center vor den Toen der Stadt floriert.

      • Luise said

        Da muß ich Ihnen widersprechen. Zumindest in großen Städten im Osten
        sind die Malls am Stadtrand verfallen. Lediglich Supermärkte oder Baumärkte
        ziehen dort noch Kunden an. Gute Geschäfte findet man in den Innenstädten.
        Ruiniert werden die Städte von innerstädtischen Malls mit ihrem immer gleichen Aussehen und den Filialisten, die man von überall her kennt. Befindet man sich in solch einer Mall, muss man ernsthaft überlegen, in welcher Stadt man ist. Die Innenstädte werden gesichtslos! Leider ist das auch in Lingen geschehen.

      • Dieter Herrmann said

        Dann reden wir hier wohl von zweierlei „blühenden Landschaften“. Ich beziehe mich vor allem auf Sachsen und M/V und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den restlichen neuen Bundesländern anders ist, dafür hat die Untreuhandgesellschaft zuviel rumgepfuscht in der Gegend 😉

  4. Ernst said

    tja. Das Problem gibt es doch schon länger. Grundsätzlich haben wir 2 Punkte:

    a) die zu große oder zu hohe Werbung
    b) die Werbung, die 24h brennt.

    Für Punkt a) ist die Stadt gefragt. Und bei Punkt b) kann man einmal an die Händler appellieren Energie zu sparen und das Klima zu schonen

    oder wir machen es wie die Jungs in Paris.

    😉

  5. ulrike said

    für Jürgen: Sie brauchen keine Jalousien oder Rolläden.Es gibt im Gardinenhandel total lichtdichte Stoffe zu kaufen,die kosten zwar allerhand ,aber vielleicht haben Sie Braut,Mutter,Cousine oder ähnliches,am besten gesetzten Alters,dann können die nämlich mit einer Nähmaschine umgehen und Ihnen helfen. Wie gesagt,nicht so ganz billig. Viel Erfolg!

  6. ulrike said

    sorry,beim Nachlesen entdeckt:ich meinte mit meinen tollen Ratschlägen Frank.

    • Frank O. said

      @ ulrike

      Danke für den tollen Ratschlag aber ich habe mir damals ein paar Rollos von Rudis-Reste-Rampe geholt und nun (nachdem ich hier schon ca. 5 Jahre wohne) haben sich Körper und Geist auf die Situation eingestellt.

      Gerne wäre ich ja damals noch in dem Haus von Herrn Dr.Bußmann an der Lindenstraße wohnen geblieben, aber dieses mußte ja einer Ausfahrt des neuen Kreisverkehrs weichen. Das ist übrigens die Ausfahrt die bis heute nie genutzt wurde und für den Verkehr nicht freigegeben ist.

  7. ulrike said

    Auch wenn es sich so besserwisserisch anhört,lieber Herr Koop, aber die Mall ist rundum mit Leuchtreklame in zweiter Stockwerkhöhe bestückt – bis auf eine Ausnahme: die Einfahrt bei Frau Adelmann. Und in der Poststraße, der Marienstraße und der Lookenstraße sind sehr wohl Wohnungen.

  8. Ernst said

    Dann müssen die halt ab 22h ausgeschaltet werden. Wie gesagt: Energie wird gespart/Klima geschont. Das sollte doch reichen, damit alle mitmachen?!?!?!

  9. Dieter Herrmann said

    Kann man nicht eine Ausnahmeerteilung wieder zurücknehmen?

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