Lüge

7. Mai 2010

„Das Haus hat einen Keller. Aber der steht völlig unter Wasser. Deshalb soll er zugeschüttet werden“, sagte Stadtbaurat L. in der Sitzung des Planungs- und Bauaussschusses am 5. Mai in seinem Beitrag zum 85 %igen Abriss des  denkmalgeschützten Hauses Lingen Marienstraße 16. Die Aussage war eine Lüge.
Wir sehen rechts und unten Fotos aus dem Keller Marienstraße 16, aufgenommen am 07. Mai 2010. Kleine Feuchtigkeitsstellen, sonst trocken. Die folgerichtige Frage ist, wo hat Stadtbaurat L. noch gelogen? Z.B. bei der Erklärung, dass der Mieter seinen Ladeneingang unbedingt in die Marienstraßenseite des denkmalgeschützten Bauwerkes brechen will? Dass die Verlagerung des Ladeneingangs um 5 m nach rechts in den Freiraum zum nächsten Haus Marienstraße 18 den Mietvertrag platzen lässt? Wer ist überhaupt der ominöse Mieter? Will dieser Mieter tatsächlich einen Textilladen unter Vernichtung eines Baudenkmals? Was hat der Mieter zur Stadtbaurat L. gesagt?

Das Haus Marienstraße 16, das ehemalige „Hotel zur Post“ (Stadtbaurat L. falsch: „die alte Post“)  entstand zwischen 1875 und 1890. (Mehr… ) Seit rund 30 Jahren ist es als Baudenkmal geschützt; das geschah zu einer Zeit, in der sich alle Ratsvertreter und der -heute übrigens schwer erkrankte- damalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann ihrer Verantwortung für Stadtgeschichte und Stadtbild sehr bewusst waren und danach handelten. Vor fünf Jahren verpflichtete sich der Eigentümer Josef Berning vertraglich, das Baudenkmal Marienstraße 16 zu erhalten. Dafür änderte die Stadt im Gegenzug den Bebauungsplan und B. darf seither das rückwärtige Grundstück vollständig bebauen.  Jetzt wird es vernichtet. Es bleiben lediglich zwei Umfassungsmauern stehen, derweil zum Haus Marienstraße 14  (mitten in der Fußgängerzone) ein Pkw-Einstellplatz „für Behinderte“ und eine tote Pi….ecke 3m breit und 15 m tief entsteht. Der Neubau besteht ansonsten aus einem eingeschossigen Billigputzbau ohne Untergarage, ohne Wohnungen, ohne Abschluss zur Straße am Pulverturm. So primitiv begreift Stadtbaurat L. offenbar Stadtarchitektur. Es ist zum Heulen, was dieser Mann schon jetzt nach drei, vier Jahren aus  Jahrzehnten sorgfältiger Stadtgestaltung gemacht hat.

Übrigens besteht die Kellerdecke des vollständig unterkellerten Baudenkmals besteht aus einer gemauerten „Deutschen Kappendecke“, also aus gewölbtem Mauerwerk zwischen (Eisenträger) I-Profilen. Sie stellt eine das Gebäude aussteifende Horizontalscheibe dar. Mich würde es deshalb nicht wundern, wenn man durch das geplante Entfernen dieser Kellergeschossdecke, die Standsicherheit des Hauses massiv beeinträchtigt, so dass im Zuge der Bauarbeiten ein Komplettabriss zwangsläufig wird. Mir fallen auch die rücksichtslosen, 10 cm großen Kernbohrungen auf, mit denen der Eigentümer im letzten Jahr die angebliche Baufälligkeit des Gebäudes (vergeblich) beweisen wollte.

Seit heute – 7.5.2010-  ist das von Stadtbaurat L. faktisch erlaubte Werbetransparent nicht mehr zu sehen. Es zeigt sich die traufenständige, zweigeschossige Fassade aus rotem Ziegelmauerwerk mit ähnlichem Schmuckformen wie (noch) bei dem benachbarten Haus Marienstraße 14. Die Bebauung erfolgt vor 130 Jahren übrigens ohne jede Reglementierung – also wie heute. Heute allerdings besteht die gesetzliche Verpflichtung, ein  Baudenkmal zu schützen und zu erhalten. Stadtbaurat L., CDU und Eigentümer treten diese Verpflichtung mit Füßen.

In einer Zeit, in der das bloße Wegwerfen von Papier als Straftat geahndet werden kann, ist diese egoistische Zerstörung historischen Kulturguts gesichts- und geschichtslos. In unserer Stadt, die im 19. Jahrhundert arm und hinterwäldlerisch war, gibt es aus dieser Zeit nur sehr wenige Kulturdenkmale. Zwei von ihnen werden jetzt von einem unfähigen, unwahrhaften Stadtbaurat und einer ihm und seinen Unwahrhaftigkeiten kritiklos folgenden Ratsmehrheit ohne Not vernichtet – aus reiner bequemlichen Beliebigkeit. Ich nenne dies schäbig.

Letzte Frage: Ist der Bauherr Mitglieder der CDU,  hat er Zuwendungen an sie gemacht und wenn ja, welche und warum?