Chance

1. Mai 2010

Das Ende der beiden letzten Baudenkmale in der mittleren Marienstraße naht. Nun gibt es Zeitgenossen, die das ganz ok und Denkmalschutz überflüssig finden. Ein Kollege meiner Frau beispielsweise meinte, das ehemalige „Hotel zur Post“ sei ja so verkommen, das müsse einfach weg. Dass dies am Vertragsbruch des Kaufmanns Josef Berning liegt, war ihm egal. Tatsächlich liegt für den Abriss des „Hotel zur Post“  aktuell ein neuer Bauantrag vor. Anschließend wird nichts Denkmalartiges mehr bleiben. Nur ein bisschen Fassade vor einem schuhkartonartigen Putzklotz bis zur Straße am Pulverturm. Natürlich nur Kommerz und ohne Innenstadtwohnungen. Die Fassadenstücke bleiben, damit Investor Berning  Steuern sparen kann.
Auch die Nachbar-Villa Marienstraße 14 ist vor ein paar Wochen an einen „Investor“ verkauft worden. Der will an der rückwärtigen Seite einen weißen Putzbau an das Denkmal kleben und vorn einen eckigen Glaszugang mit in die Fassade hineingebrochenem Zugang (Planskizze re.). Im Ausschuss wurde der Katastrophenplan Eckige-Glastür-vor-gerundetes-Zielmauerwerk beklatscht. Die bisweilen etwas eigensinnig wirkende Ratskollegin Birgit Kemmer übernahm den Part von Renate Seiler (CDU) und jubelte: „Gut, dass überhaupt etwas passiert“ und CDU-Ratsherr Dr. Karl-Heinz Vehring jun. schwadronierte etwas über „alt und neu, das immer gut“ zusammenpasse. Dabei ist für jeden sichtbar, dass das Planvorhaben Marienstraße 14 mit dem Schutz eines Baudenkmals soviel zu tun hat wie die Arbeit des noch amtierenden Stadtbaurats L. mit kluger Stadtgestaltung. Nichts.

Baldur Köster (Berlin) hat bekanntlich über Lingens Architektur bis 1930 ein aufschlussreiches Buch geschrieben, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt (Interesse?). Ich erinnere mich noch daran, wie klug der damalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann in den 1980er Jahren in den Ratsausschüssen für die Finanzierung dieses Werkes warb. Im Nachhinein ist Kösters Bestandsaufnahme sicherlich ein Glücksfall für die Stadt (und gleichermaßen ein Vermächtnis von Nikolaus Neumann).

Nach Köster entstand die Villa Marienstraße 14 zwischen 1875 und 1890: „Es ist das erste, das sich von der Straßenflucht zurückzieht und als Trennung zwischen öffentlicher Straße und individuellem Wohnen einen schmalen, aber privaten Vorgarten einschiebt, und darüber hinaus den Eingang von der Straßenseite sichtgeschützter an die Nebenseite verlegt“, schreibt der Architekturkritiker. Das gab „es bis dahin nur bei herrschaftlichen Häusern; die Vorliebe zum „individuellen Wohnen“ dauert bis heute an.“

Und während ich Freitagfrüh darüber nachdachte, ob man vor jeder Plaungs- und Bauausschusssitzung den Stadtbaurat L. ein Kapitel aus Kösters Buch vorlesen lassen solle, damit dieser Oldenburger Importkaufmann unsere Stadt kennen lernt und die Ratskollegen zugleich mehr Sensibilität für Stadtkultur und Stadtgeschichte entwickeln können, las ich Beeindruckendes: Das Bundesverfassungsgericht hat die hohe Bedeutung des Denkmalschutzes betont. In einem am Donnerstag veröffentlichten Beschluss verwarfen die Karlsruher Richter die Verfassungsbeschwerde eines Mannes, dem die Genehmigung für den Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudes versagt worden war. Er müsse seine Investitionsabsichten dem Gemeinwohl, dem Denkmalschutz unterordnen.

In Lingen feixen die Verantwortlichen im Chor mit den Investoren über solche Meinungen. In unserem Städtchen  braucht niemand vor das Verfassungsgericht zu ziehen. Da haben „Geld-in-die-Hand“-Abrisse Tradition und Denkmalschutz hat in Lingen (Ems), zumal unter Stadtbaurat L., praktisch keine Bedeutung. Statt dessen wird die Stadt durch die vielen, von Stadtbaurat L. zu verantwortenden architektonischen Sünden missgestaltet. (Skeptisch? Nun, dann stellen Sie sich einfach auf den Marktplatz und schauen auf das, was wuchtig zwischen Rathaus und Posthalterei am Ende der Großen Straße wächst…)

Nach Ansicht des Verfassungsgerichts beeinträchtigt eine versagte Abrissgenehmigung zwar die Eigentümerbefugnisse, sie belaste aber grundsätzlich nicht unverhältnismäßig. Angesichts des „hohen Ranges des Denkmalschutzes“ müsse der Eigentümer es grundsätzlich hinnehmen, dass ihm möglicherweise eine rentablere Nutzung des Grundstücks verwehrt werde. Das Eigentumsgrundrecht schütze „nicht die einträglichste Nutzung des Eigentums“. Anders liege der Fall dann, „wenn für ein geschütztes Baudenkmal (internationales Baudenkmalzeichen lks.)  keinerlei sinnvolle Nutzungsmöglichkeit mehr besteht“.

Dann weist das Verfassungsgericht noch darauf hin, dass die Sozialbindung maßgeblich auch davon beeinflusst wird, ob ein Eigentümer die entsprechende Belastung gekannt oder „zumindest das Risiko einer solchen Belastung beim Grundstückserwerb bewusst in Kauf genommen hat (vgl. BVerfGE 102, 1 <21 f.>)“. In Lingen hingegen will Stadtbaurat L. sogar Denkmal-Abrisse genehmigen, obwohl sich Eigentümer Josef Berning 2005 im städtebaulichen Vertrag mit der Stadt zum Erhalt des Denkmals Marienstraße 16 verpflichtet hat und deshalb zur Belohnung auch noch das Restgrundstück zu 100 % bebauen darf, was vorher versagt war.

Ja, es wird Zeit mit diesem schrecklichen Filz aufzuräumen. Die OB-Wahl 2010 gibt dazu die Chance.

3 Antworten zu “Chance”

  1. Lingener said

    Interessiert doch in Lingen sowieso niemanden, ob es denkmal geschützt ist, oder nicht. Salut läßt grüßen…

    einfach peinlich.

    • Steffen said

      Ich trauere auch immer noch um die wunderschöne Dachgeschosswohnung, die eine gute, inzwischen verstorbene, Freundin meines Vaters bewohnt hat.
      Das alte „Taubert’sche“ Haus am Ende der „Großen Straße“ ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man eine „Altstadt“ ruinieren kann…
      Da ich seit ein paar Jahren im Frankfurter Raum lebe, kann ich oft genug sehen, wie man sein historisches Erbe leichtfertig aufs Spiel setzt.

  2. guy said

    es mag ja sein, dass es das ein oder andere haus gab, dass in den letzten jahren, trotz nettem anblick, dem abriss zum opfer fiel aber gerade das alte “ hotel zur post“-gebäude ist wahrlich keine schönheit.
    sicherlich ist es ein argument es aufgrund des denkmalschutzes nicht umzugestalten, doch wie sieht die alternative aus? weiter verrotten lassen?
    komplette renovierung eines flächenmäßig unattraktiven gebäudes für zigtausende euros?

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