Darme

6. März 2010

Liebe Darmerinnen und Darmer,

bitte seht mir nach, dass ich Euch heute einen Brief schreibe, in dem ich ein paar Dinge gerade rücken möchte. Aber Ihr seid schon etwas Besonderes. Ich meine damit nicht, dass Ihr an der Schüttorfer Straße seit vier, fünf Jahren mit einer pappartig wirkenden Hausfassade an Euer 700-Jahre-Darme-Jubiläum erinnert. Ich meine Euere Sorge um Darme an sich. Schon lange seid Ihr mit Begeisterung für Atomkraft und Bleichemie direkt nebenan; die Gefährdungen solcher Unternehmungen sind ja auch -sagen wir mal- unendlich überschaubar. Ihr wollt auch einen großen Glücksspielpalast an der Rheiner Straße, aber jetzt seid Ihr ganz aufgeregt und gegen ein Krematorium in Darme. Einstimmig! Deshalb schreibe ich.

Ich muss sagen, Euere Argumente waren beeindruckend. Diese -heute in der Presse zu lesen–  waren dabei besonders außergewöhnlich:

Werden unsere Kinder, die dort auf dem Spielplatz spielen, bald nur noch von Leichenwagen umgeben sein?
Man sollte in Sachen Krematorium nicht nur nach Darme schauen, sondern zum Beispiel auch den Truppenübungsplan unter die Lupe nehmen.
Ein Krematorium ist doch ein Industriebetrieb und gehört deshalb in ein Industriegebiet!
Wie sollen wir unseren Kindergartenkindern ein Krematorium erklären?“

Heutzutage wird ja vieles in Ranglisten eingeteilt. Daher soll mein wirklicher Favorit aus Euren kritischen Denkansätzen zum Krematorium besonders hervor gehoben werden:

Die Abgase des Krematoriums werden sich über die ganze Stadt verteilen, und dann kann keiner mehr Gemüse aus seinem Garten ernten.

Liebe Darmerinnen und Darmer,

Ihr dürft gern wissen, dass ich es gut und richtig finde, an Euerm Waldfriedhof ein Krematorium zu errichten. Zwischen Natur und Friedhof gelegen ist dort dafür der beste Platz in Lingen. Die Gestaltung des Bauwerks ist dabei wichtig und darf keinesfalls dem Investor überlassen bleiben. Für das Krematorium wünsche ich mir also einen Architektenentwurf (Foto) oder -wettbewerb, der der Bedeutung des Bauwerks im Rahmen unserer Bestattungskultur entspricht.

Liebe Darmerin und Darmer!

Das Sterben und eine würdige Bestattung gehören zum Leben. Auch in Darme, für dessen neue Friedhofshalle die Stadt gerade mehrere Hunderttausend Euro ausgegeben hat. Zurecht, wie ich meine. Auch wenn ich die öffentliche Wortwahl Eures Ortsbürgermeisters als unangemessen empfinde,  man habe „für die Leichenhalle ein Kreuz besorgt.

Ihr wisst es: *Überall und auch in Darme brauchen Trauer und Abschiednehmen einen würdigen Rahmen. Ich will dies genauso  für die jährlich 150 Lingener Familien, die für die Einäscherung ihrer Verstorbenen zurzeit, wie es Stadtrat Ralf Büring Euch erklärt hat, „wochenlang auf einen Termin (in den Krematorien) in Emden, Oldenburg oder Osnabrück warten“ . Auch sie sollen menschlich von ihren verstorbenen Angehörigen Abschied nehmen können. Mit Wochen quälenden Wartens geht das nicht, und im Industriegebiet oder auf einem Truppenübungsplatz schon gar nicht.

Liebe Mitbürger in Darme!

Wenn ich zurückblicke auf meine Trauer beim Tod von Menschen, die mir nahe standen, tritt neben das Empfinden des eigenen Schmerzes die Erfahrung der Gemeinschaft mit Verwandten und Freunden. „Im Angesicht des Todes rücken Menschen zusammen, weil sie spüren, damit wird die Macht des Todes gebrochen.“ sagt die Pädagogin Gertrud Ennulat. Man muss es vielleicht nicht einmal so erhaben ausdrücken, aber man muss den Tod und die Bestattung um der betroffenen Menschen willen respektieren. Dazu zählt Respekt vor der Einäscherung Verstorbener im Rahmen der  Feuerbestattung. Heute wie vor 3.000 Jahren – heute wie damals auch in Darme.

Alle -fast scheue ich mich, es zu schreiben- in der Versammlung geäußerten technischen Bedenken sind gehaltlos; es gibt Hunderte von Krematorien in Deutschland und Europa und an keinem Ort gibt es die von Euch  bemühten technischen Probleme.

Wichtig ist mir also ein klares Wort an Euere Adresse:
Ich habe mich über Euere Einstellung allgemein und Euere Beiträge im Besonderen sehr geärgert. Trauer und Abschied nehmen nicht zulassen zu wollen und sich dahin zu versteigen, andernfalls nähme das eigene Gemüse Schaden und die Feuerbestattung sei doch ein industrielle Vorgang, ist inhaltlich absurd und menschlich schäbig.

Der OB schweigt zu allem – das ist taktisch, aber kein Zeichen moralischer Kraft. Daher wünsche ich mir,  dass die Kirche -welche auch immer und am besten jede- das Wort ergreift und manches Kurzsichtige, Dumme und Bösartige von dem zurecht rückt, was da bei und von Euch gesagt wurde. Und ich wünsche mir von Euch, dass Ihr innehaltet, nachdenkt und Eure Meinung ändert.

Mit freundlichen Grüßen
Robert Koop

(sprachlich überarbeitet am 7.3.2010;
Foto: Modernes Krematorium in Bispebjerg, Kopenhagen (DK), Architekten Friis & Moltke;
©  Bispebjerg Krematorium; Københavns Kommune)