Objektiv

30. Oktober 2009

images-4Donnnerstag war Ratssitzung. Und es wurde diskutiert über – man höre und staune- die Sicherheit des Lingener Atomkraftwerks. Die Diskussion verlief nach dem CDU-bewährten, üblichen Strickmuster. Der freundliche Hubertus Flügge, Leiter der Atomkraftwerks KKE, erklärte (Powerpoint!) dass das Problem kein Problem sei, und ein freundlicher Herr (erg.: Frank-Egbert Rubbel) mit schwarz-gelb (sah von meinem Platz so aus) gestreifter Krawatte aus dem Niedersächsischen Umweltministerium unterstützte ihn (noch ’n Powerpoint). 30 Minuten lang drosch der Mann aus Hannover geradezu auf das Bundesumweltministerium ein, dem die Sicherheit des Atomkraftwerks in Lingen nicht hinreichend gewährleistet sei. Jetzt trauen sich diese Herren eben!
Der SPD-Antrag vom 15.10., zur Ratssitzung auch kritische Experten der Reaktorsicherheitskommission und des Bundesumweltministeriums einzuladen, war übrigens vor der Ratssitzung und zweckmäßigerweise bis vorgestern (27.10.) verschwunden: „Leider ein Bürofehler!“ – hieß es achselzuckend. Den Antrag von Bündnis ’90/Die Grünen, einen Vertreter des Verbandes Deutsche Umwelthilfe einzuladen, hatte man offenbar so verstanden, dass Atomenergie eben der Umwelt hilft und Hubertus Flügge ein netter Mensch ist und selbstkritisch seinen Meiler „optimiert“. Mit anderen Worten: Ein Vertreter der DUH war natürlich nicht geladen.
Hajo Wiedorn (SPD) meinte angesichts der Ausführungen der pro-AKW-Experten, er wolle nicht zur Technik Stellung nehmen; denn er habe nicht vor, künftig ein Atomkraftwerk zu leiten. Er kritisierte aber die einseitige Auswahl der Experten, denen dann pflichtschuldigst der Oberbürgermeister beisprang, sie seien doch nur Vertreter einer objektiven Behörde und kein anwesender Ratsherr habe sachliche Kritik an deren Ausführungen geübt.
Nun wissen wir, dass die ganze 50-jährige Geschichte der Atomkraft, deren Hinterlassenschaft unsere Nachfahren noch 1 Mio Jahre (!) beschäftigen wird, alles andere als objektiv ist. Es ist bloß eine Geschichte subjektiver Verharmlosungen und harmloser Behörden. Dafür stehen die Namen Brunsbüttel, Biblis, Lingen 1, Krümmel, Asse, Gorleben usw . Ich erinnerte mich in der Ratssitzung, wie vor 30 Jahren der städtische Verwaltungsausschuss verdummdeubelt wurde, als ihm VEW-Vertreter erklärten, ein Atomkraftwerk könne nicht in die Luft gehen; geschehe dies, was ja nicht geschehen könne, aber dennoch, dann komme der lingenertheo_120Strahlenschutzzug des Kernforschungszentrum Karlsruhe angefahren und sauge die freigetretene Radioaktivität wie mit einem Staubsauger einfach auf. An dieser denkwürdigen Veranstaltung im seinerzeitigen Rathaus-Sitzungszimmer 118 durfte ich persönlich teilnehmen. Glauben Sie mir, so ein Vortrag wie derjenige im Jahr 1979  prägt! Den Lingener Theo (Foto re.) gab es damals noch nicht. Sonst hätte ich nach dem Vortrag damals einen würdigen Preisträger gewusst.
Gestern stimmte die CDU am Schluss der Diskussion den Antrag nieder, auch kritische Experten zu dem Sicherheitsproblem im Rat zu hören. Zuvor hatte Darmes Ortsbürgermeister Werner Hartke (CDU) „auch wegen der Arbeitsplätze“  eine Jubelrede für die Kernenergie im allgemeinen und die im Atomkraftwerk Lingen im besonderen gehalten. Derselbe Mann hatte bekanntlich unlängst ein Krematorium in seinem Stadtteil für unerträglich gehalten und verhindert. So setzt man Schwerpunkte! Anschließend sollte dann beschlossen werden, die Vertreter auch aus dem Bundes-Umweltministerium in Berlin einzuladen, wenn die sich nicht mit den hannöverschen Umweltministerialen über das Risiko einigen.  Bei dem Quatsch haben Hajo Wiedorn und ich dann nicht mehr mitgestimmt und dies in persönlichen Erklärungen auch unterstrichen.

Was bleibt?
Die neuerliche Erkenntnis, dass die Lingener CDU unfähig und unwillig ist, kritisch über Behörden (Ausnahme: rot/rot/grün-geführte) wie über Atomenergie zu diskutieren, und immer -wie schon vor Jahrzehnten-  nur total neutrale, objektive, sachkundige Experten einfliegt, sofern sie eben die CDU-Meinung teilen. Man will nämlich nicht „die Bürgerinnen und Bürger der Stadt verunsichern“. Da musste ich an die Katastrophe von Tschernobyl denken, die auch bis zu uns ausstrahlte (und später uns die Molke bescherte). Damals setzte die CDU im Rat durch, ihren Lingenern die Radioaktivitätswerte auf Spielplätzen und in Lebensmitteln vorzuenthalten.

Die im Rat  gleichwohl festgestellte Unsicherheit betraf am Donnerstagnachmittag nur die vortragenden Herren, deren Powerpointpräsentration  neben Laptop-Farbfehlern einmal mehr  deutliche Bedienungsschwächen offenbarte. Beruhigend, dass sie in dieser Situation kein Atomkraftwerk führten, sondern nur einen Laptop-unterstützten Vortrag für das AKW hielten…

5 Antworten to “Objektiv”

  1. Peter said

    Amen!! Herr Koop… was wäre der Lingener Stadtrat nur ohne Sie!? Vielen Dank für die Einblicke hinter die Kulisse und die berechtigte Kritik!!!

    DANKE

  2. Ingrid P. said

    Irgendwann mal habe ich in der Schule (Abi ’81) gelernt, was man sich unter Demokratie vorzustellen hat. Und – nun, ganz unten in den Entscheidungsfindungen steht doch die umfassende und objektive Information. Nur so kann man sich ein Urteil bilden und wahre Demokratie leben und erleben. Gerade gewählte Politiker sollten diese Grundlagen doch kennen – oder? Oder habe ich damals in der Schule nicht richtig aufgepasst…….? Aber vielleicht leben wir gar nicht in einer Demokratie…?
    Danke, Herr Koop, für die Einblicke! (obwohl’s mir dabei gruselt)

  3. Frank said

    DEMOKRATIE? Im Emsland??? Habe ich was verpasst? Wurde die Bröringsche Diktatur endlich abgewählt?

    Wer im Emsland von Demokratie redet, hat sich nie mit Politik in unserem Landkreis befasst und lässt sich vom CDUeigenen Propagandablatt beeinflussen!

    Bürger haben im Emsland ungefähr so viele Rechte und Mitbestimmung wie die Tibeter… hört sich krass an, ist aber so! Die CDU hat sich eine Machtstruktur aufgebaut (mit all ihren Unternehmern, Konzernen, Kammern usw.), wo es ganz schwierig ist, diese aufzubrechen. Diese Verbindung versucht alles zu vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt… und den Geldgebern und Gönnern werden dann (siehe RWE, EnBW, IHK) eben auch keine Steine in den Weg gelegt, wenn es gegen sie geht… und Bürger, die sich dann noch trauen, sich gegen diese Konzerne und die CDU aufzulehnen, werden dann eben diffamiert, beleidigt und beschimpft. Und wenn die sich dann noch nicht beugen, kann man den sich wehrenden Bürgern ja mal kurzerhand noch Straftaten vorwerfen.

    Also, wer hier im Emsland mit der CDU das Wort Demokratie in den Mund nimmt, ist ein Träumer!

  4. Hajo Wiedorn said

    Es ist ein großes Glück dass die Kraftwerker ihr Handwerk besser beherrschen als der Vertreter des Niedersächsischen Umweltministeriums. Wenn die genau so oft die falschen Knöpfe drücken würden wie Frank-Egbert Rubbel hätte sich das Atomei im Lingener Süden längst verformt. Aber die Jungs dort beherrschen ihr Handwerk, da bin ich ganz sicher. Ob die Technik auch sicher ist, kann ich nicht beurteilen. Und da gibt es unterschiedliche Meinungen. Einerseits von den klugen Menschen aus Hannover, andererseits von den Doofköppen aus Berlin. Und weil die nichts begriffen haben, durften sie auch am Donnerstag im Lingener Stadtrat nicht auflaufen!
    Das klingt bestimmt sehr sarkastisch, aber ich habe restlos die Schnauze voll. Und wer in der Ratssitzung anwesend war hat das auch gemerkt. Was müssen wir uns eigentlich noch alles gefallen lassen???

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