Sicherheitsmängel

14. Oktober 2009

CIMG1569Die Berliner taz schreibt am Dienstag:

„Noch-Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zwingt keinen Energiekonzern mehr zum Abschalten von Atomkraftwerken, eine Hypothek hinterlässt der SPD-Politiker den Firmen aber doch: Am Montagabend hat sein Ministerium etwa an die niedersächsische Atomaufsichtsbehörde einen Brief geschickt. Gabriels Mitarbeiter beanstanden darin trotz Widerspruchs von Niedersachsen gravierende Sicherheitsmängel im RWE-Atomkraftwerk Emsland. In dem Schreiben, das der taz vorliegt, heißt es: „Ihr Vorgehen widerspricht der Strahlenschutzverordnung.“ Nun setzte das Ministerium eine Frist, das AKW bis 31. Dezember 2009 nachzurüsten.
Theoretisch hätten die Bundesbeamten auch eine Stilllegung anordnen können. Der Schwachpunkt im AKW: das Kühlsystem. Ein Leck könnte zum GAU, der Kernschmelze, führen: Schießt Wasserdampf unter hohem Druck etwa aus einem defekten Ventil, können Fasern aus dem Dichtungsmaterial mit herausgerissen werden. Diese können die Kühlpumpen verstopfen oder direkt die Kühlwasserzufuhr des Kerns gefährden.
Das Kühlsystem ist nicht nur ein Problem im Atomkraftwerk Emsland, sondern auch in sieben anderen Druckwasserreaktoren, darunter neueren Kraftwerken wie Grohnde oder Brokdorf. Darauf haben die Reaktorsicherheitsexperten in Gabriels Ressort die Atomaufsichtsbehörden der Länder bereits im Frühjahr hingewiesen. Hessen hatte darum das Wiederanfahren des Atomkraftwerks Biblis B gestoppt. Der Betreiber RWE versprach, die Pumpen zu verbessern. Die Lösung ist nicht einfach, der Reaktor ist bis heute nicht wieder am Netz.
Die anderen Aufseher reagierten mit einsilbigen Antworten, so dass ihnen der Bund erneut schrieb: Wenn sie nicht bis Anfang Oktober nachweisen, dass ein Kühlmittelleck sicher zu beherrschen ist, drohe eine „bundesaufsichtliche Weisung“. Bis Freitag haben sich alle Länder außer Baden-Württemberg fristgemäß geäußert. Die Bayern erklärten, „intensive“ Gespräche mit den Betreibern führen zu wollen. Die Antworten werden nach und nach von den Ministerialbeamten geprüft, sollen aber dem Schreiben aus Niedersachsen ähneln: „Im Kernkraftwerk Emsland sind anlagenspezifische Verhältnisse zu berücksichtigen“ – es gebe keine Gefahr. Den Bund überzeugt das nicht.
Kurz bevor ein neuer Minister kommt, wollten die Bundesbeamten aber kein AKW schließen. „Das wäre schlechter politischer Stil“, erklärt ein Ministerialer und verweist darauf, dass die neuen Koalitionäre über eine Laufzeitverlängerung verhandeln. Wer Chef im Umweltressort werde, müsse sich aber sofort daran messen lassen, ob er Sicherheit ernst nimmt.“

Die Bürgernahen haben gestern diesen Bericht in ihrem Blog publiziert und ein Fragezeichen sowie die Frage hinzu gesetzt, „ob und wann“ dieses Problem wohl in der lokalen Presse aufgearbeitet wird. Nun, ich nehme an, gar nicht. Und wenn, wird AKW-Chef Hubertus Flügge wieder ein technisches Bauteil in die Höhe halten, dabei geknippst werden und erklären, dass nichts sicherer ist als die Kernenergie im Allgemeinen und die in seinem Kraftwerk im Besonderen. (Mehr…)

Ungeachtet dessen finde ich auch die Kommentare auf der taz-Seite sehr aufschlussreich. Gegen den taz-Bericht wird von Claqueuren der Atom.., pardon Kernenergielobby (die schreiben nämlich immer Kernenergie, woran man ihre Beiträge dann zwanglos erkennen kann) polemisiert und gleichzeitig kriegt auch Sigmar Gabriel sein Fett weg, wobei die Kritik an ihm wohl aus der Fundi-Ecke kommt.

(Foto: © Dominik Viehmann, pixelio.de)

6 Antworten zu “Sicherheitsmängel”

  1. Frank said

    Genau das war auch meine Frage:

    Wann berichtet die örtliche Presse! Aber das CDU-Parteiblatt darf sicherlich nicht berichten… das hat der oberste Boss der Zeitung (unser Landrat) sicherlich befohlen!

  2. Wolfgang said

    türlich wird berichet. ein 3 Zeiler ;)) einfach peinlich, immer wieder peinlich.

  3. Johannes said

    Dafür war bei heute Hallo Niedersachsen! ein ca. kurzer Bericht über den Sachverhalt.
    Der NDR ist der LT wohl voraus. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag. Mal abwarten..

  4. Zur lokalen Presse gehört ja auch das regionale Radio, also die Ems-Vechte-Welle. Über o.a. Artikel haben wir am Dienstag, 13. Oktober in unseren regionalen Nachrichten um 9.30 Uhr und 10.30 Uhr berichtet, nachzulesen hier.

    Wir haben aber nicht nur über den Artikel in der „taz“ berichtet, sondern diesen zum Anlass genommen, weiter nachzufragen. Die ersten Ergebnisse unsere Recherchen waren zu hören in einem Beitrag am Mittwoch, 14. Oktober um 12.40 Uhr und 16.40 Uhr und in unseren Regionalnachrichten am selben Tag, nachzulesen hier.

    Bis zum Redaktionsschluss am Mittwoch blieben allerdings unsere Anfragen beim Bundesumweltministerium, Landesumweltministerium und der RWE unbeantwortet, so dass wir das Thema auch heute zum Gegenstand unserer Berichterstattung gemacht haben. Ein entsprechender Beitrag lief heute vormittag bereits um 9.10 Uhr und 12.40 Uhr und wird am Nachmittag um 16.10 Uhr noch einmal wiederholt. Und auch in der Regionalnachrichten von heutigen Tage taucht das Thema selbverständlich wieder auf, nachzulesen hier.

    Das Bundesumweltministerium lehnt bisher unsere Interview-Anfrage in dieser Sache ab, aber wir bleiben dran. Neuigkeiten gibt’s dann bei uns im Radio, im Internet und in unserem Twitter-Channel

    Übrigens stehen wir mit unseren Kollegensendern in Niedersachsen (http://www.lbm-niedersachsen) im regen Austausch, die o.g. Beiträge sind bisher auch bei den Kollegen von OS-Radio gelaufen.

    Freundliche Grüße,

    Ems-Vechte-Welle
    Marko Schnitker
    (Redakteur)

  5. […] mindestens 10 Jahre sollen es sein. Wenn das Atomkraftwerk Lingen trotz der bekannt gewordenen  Sicherheitsproblemen zu den länger laufenden AKWs zählt, wird es also auch ein größeres (oder auch […]

  6. Hendrik said

    @ Marko Schnitker
    Bitte den EVW-Twitter umstrukturieren. So ist er eher nervig, als informierend.

    Ansonsten, vielen Dank für den Hinweis!

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