Transparent

31. August 2009

CIMG7093Vor dem Lingener Haus Marienstraße 16, dem langjährigen „Hotel zur Post“, gelegen direkt gegenüber des Eingangs der „Lookentorpassage“,  hängt seit ein paar Tagen ein Transparent (Foto lks). Es soll Investoren locken, und es zeigt, wie sich Investor Josef Berning das künftige Äußere dieses Baudenkmals vorstellt: Ein die Proportionen, die Gliederung und das Erscheinungsbild des Gebäudes radikal vernichtendes Glastor, das den Weg zu einer großflächigen Verkaufsfläche im Inneren eröffnen soll.

Warum ist das so?

Der  ehemalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann konnte in den 1980er Jahren den Stadtrat davon überzeugen, die historischen Gebäude der Stadt in einer beeindruckenden Buchdokumentation festzuhalten: Baldur Kösters „Lingen -Architektur im Wandel von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis 1930).“ (Interesse?) Das Buch ist Neumanns bleibender Verdienst und Mahnung zugleich. Der Berliner Architekt Baldur Köster hat in ihm die Architektur in Lingen  beschrieben und u.a. dargelegt, dass das Gebäude Marienstraße 16 zwischen 1875 und 1890 errichtet wurde. Es ist ein

„zweigeschossiges, massives Wohnhaus mit schwach geneigtem Satteldach, traufenständig zur Marienstraße. Sichtbares Mauerwerk mit ähnlichen Schmuckformen wie am (Nachbar-)Haus Nr. 14. Teilung der Fassade horizontal durch die Sockelleiste, Gurtleiste und Gesimsleiste, vertikal durch Lisenen. Auch hier sind die Brüstungsfelder durch Keramikplatten geschmückt. Die Traufseite ist fünfachsig geteilt, die Giebelseite dreiachsig.“

Bei der Aufstellung des gültigen Bebauungsplans vor knapp 20 Jahren wurde das villenartige Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Damals erkannten die Ratsvertreter: Es gibt nicht mehr viele Häuser aus dieser Gründerzeitperiode. Seither geht es seltsamerweise mit dem Haus bergab. Vertraglich  verpflichtete sich zwar 2004 Investor Josef Berning dazu, das Baudenkmal Marienstraße 16 zu erhalten; zuvor hatte er es von der reformierten Kirchengemeinde erworben. In dem Vertrag eröffnete ihm im Gegenzug die Stadt Lingen (Ems) die Möglichkeit, den großen Bereich zwischen dem Gebäude und der Straße „Am Pulverturm“  fast vollständig zu bebauen. Seither tut Josef Berning für das Haus nichts, um sein gegebenes Wort zu erhalten. Im Gegenteil: Er lässt das Haus verfallen, dessen Erwerb ihm niemand aufgezwungen hat.

Der Vertragsbruch ist für OB Heiner Pott, Stadtbaurat Georg Lisiecki und die CDU, wie es aussieht, kein Problem. Dort wird offenbar nur erwartet -Sie kennen schon diese Handlungsmaxime- dass Josef Berning „Geld in die Hand“ nimmt und irgendwas macht. Eigentlich ist es egal, was er dann macht, so scheint es. Bisweilen ist die Rede vom „Schandfleck, der weg müsse“ und dann behauptet der vertragsbrüchige Investor auch noch, dass Haus Marienstraße 14 sei mit wirtschaftlichem Aufwand nicht zu erhalten – übrigens nicht ohne sich zugleich eine Bescheinigung zu sichern, dass es ein Baudenkmal im Sinne von § 82 i Einkommensteuer-Durchführungsverordnung sei. Während Heiner Pott in seiner Neujahrsansprache 2008 ankündigte, der niederländische HEMA-Konzern werde dort ein Kaufhaus eröffnen, wissen die Holländer nichts davon. Die Folge: Jetzt ist das Haus mit dem erwähnten überdimensionierten, im Ziegelmauerwerk verdübelten Transparent teilverhüllt. Das heißt unverhohlen: Es naht sein Ende. Die politische Mehrheit wird dies abnicken. Man kennt sich. Deshalb unternimmt auch niemand etwas gegen den schäbigen Zustand und den zunehmenden Verfall des Hauses. Man lässt machen, auch die neuen, auf dem Transparent angeschlagenen Pläne hat der zuständige Ratsausschuss nicht gesehen. Er wird der Vernichtung des Baudenkmals sowieso zustimmen.

Dabei drängt sich geradezu auf, wie das Baudenkmal Marienstraße 16 erhalten werden kann, nämlich durch einen seitlichen, zum Haus Marienstraße 14 gelegenen Zugang. Etwas zurückhaltender als das „angedachte“, reichlich prollig wirkende Glastor, aber dafür den Charakter des Hauses aus dem 19. Jahrhundert schützend.

Leider ist es nach dem Abgang von Baurat Nikolaus Neumann so, dass im Lingener Rathaus niemand mehr Respekt vor Baudenkmälern hat. Sie werden daher nicht so behandelt, wie man das ohnehin nur sehr schmale kulturhistorische Erbe in unserer Stadt  behandeln darf. Selbst das historische Rathaus von 1663 sieht daher inzwischen fast so aus wie eine Eisbude in Miami; dafür sorgt eine seltsame abendliche Beleuchtung, die aber modern sein soll. Um, leicht abgewandelt, dem amtierenden Stadtbaurat sein eigenes Zitat unterzuschieben : „So beleuchtet man eben heutzutage!“ Hinzudenken dürfen Sie mit Blick auf  das Haus Marienstraße 16: „So beseitigt man eben heutzutage Baudenkmale!“ Und die Identität der Stadt gleich mit.

10 Antworten zu “Transparent”

  1. Manuel said

    Ich glaube das ist nicht nur in Lingen so, sondern bei vielen Baudenkmälern die Taktik.
    Kommt leider viel zu oft durch.

  2. Thomas said

    Das mit den Denkmälern ist ja immer so eine Sache. Aus früherer Zeit ist mir das Gebäude „Hotel zur Post“ noch bekannt. Man musste einigen Stufen hoch um überhaupt in den Wirtsraum im EG zu gelangen und befand sich ca. 1,50 m über der Marienstraße … barrierefrei sieht anders aus. 😉 Mir gefällt der Entwurf, die alte Substanz wird gelungen in ein neues Konzept eingebunden.

    • @Thomas: „die alte Substanz wird gelungen in ein neues Konzept eingebunden
      – Ist das ein ernst gemeinter Beitrag?
      Oder um die -m.E. falsche- These zu hinterfragen: Wo bleibt denn nach dem „Umbau“ die horizontale Gliederung des Gebäudes, wo die durch Keramikplatten geschmückten Brüstungsfelder und wo die fünfachsige Teilung und die roten Ziegel als regionaler Baustoff?

      Bei „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ gab es Tur-Tur, den Scheinriesen. In Lingen gibt es demnächst das Jupp-Jupp, das Scheindenkmal…

  3. Hans-Peter said

    ach… bei uns in Lingen gehen halt Sachen, die sonst nirgendwo möglich oder denkbar sind.

    Wach werden die meisten Leut‘ leider immer erst dann, wenn es sie persönlich betrifft.

    Vorher handelt jeder nach der Devise: „nicht mein Bier!“

    schade, schade…

  4. Hans-Peter said

    p.s. alleine die Größe des Posters ist in anderen Städten UNDENKBAR!!!!

  5. Gerhard said

    … „Tradition heißt nicht, Asche zu bewachen, sondern die Glut anzufachen.“ Ist doch gut, wenn das alte Haus einem neuen Nutzen zugeführt wird. Ich kann Thomas nur zustimmen, die hohe Fassade grenzt das Gebäude zur Straße ab. Durch die Glasfassade rückt das ganze Haus näher und wird meiner Meinung nach auch für das Stadtbild attraktiver.

  6. Hans-Peter said

    @ Gerhard & Thomas.

    Euch ist schon klar, dass LIN gar keine richtige Altstadt mehr hat, oder? Letzte Bsp: das Salut, das alte Gebäude an der Kivelingsstraße… nach und nach wird immer mehr abgerissen.
    Alte Gebäude sind rar und sollten um jeden Preis bewahrt werden. Und GENAU das ist es ja, was man hier bemängeln muss. Berning hat sich verpflichtet das Haus zu bewahren, aber er tut es dann eben doch nicht, od nicht so, wie es gedacht war!

    Natürlich kann man alte Gebäude auch modern ausbauen, nur leider ist die Lingener Architekten Regionalliga dazu nicht im Stande.

    Zu oft denkt man: „ach… kein Problem. das kann ich doch!“ Der Blick fürs Wesentliche fehlt.

  7. Max Koop said

    Das, was da für mich ‚entsteht‘, ist eine ‚Pseudo-‚Erhaltung: So wie das Haus von außen wirkt, hätte man es „aus wirtschaftlichen Gründen“ sicherlich auch abreißen lassen können – Ich erinnere mich da an das ‚Salut‘, das musste ja aus besagten Gründen abgerissen werden. Scheint fast so, als würde das nicht geschehen, nur um entsprechende Fördergelder ‚zur Erhaltung‘ des Baudenkmals zu erschleichen.

    Der jetzige Entwurf macht das kaputt, was den Reiz eines gut erhaltenen (und ggf. auch ausgebauten) Baudenkmals ausmacht: Man sieht einem Gebäude von außen an, wie alt es ist, und erst im Inneren lässt sich eine eventuelle neue Nutzung erkennen. Die Halle IV dient hier als Paradebeispiel. Das äußere Erscheinungsbild hat sich hier nicht verändert. Lediglich in der Halle selbst wurden große Veränderungen vorgenommen.

    Für mich (als Laie) ist kein Wille zu erkennen, die Substanz und den Reiz des bis heute bestehenden Gebäudes Marienstraße 16 zu erhalten. Ganz im Gegenteil: Es sieht fast so aus, als würde versucht werden nur ein absolutes ‚Mindestmaß‘ zu erhalten… Es sollen ja immerhin runde 2/3 der Fassade ‚entfernt‘ werden.

    Ich sehe schon eine Problematik, das Gebäude zu nutzen. Aber das war dem Käufer beim Kauf durchaus bewusst. Ein Gebäude verändert sich ja nicht. Nicht in 8 Jahren und auch nicht in 120 Jahren. Und darum geht es doch. Bisher ist es ein Zeugnis der Geschichte. Das wird es danach nicht mehr sein.

    Das was jetzt geschieht ist – meiner Ansicht nach – reine Abzocke und der Steuerzahler zahlt sogar noch dafür drauf. Gleichzeitig verlieren wir ein spannendes Baudenkmal. Schade.

    -m

  8. […] Transparent « Roberts Blog […]

  9. […] ehemalige “Hotel zur Post” sei ja so verkommen, das müsse einfach weg. Dass dies am Vertragsbruch des Kaufmanns Josef Berning liegt, war ihm egal. Tatsächlich liegt für den Abriss des “Hotel zur Post”  aktuell […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: