Bäume

19. März 2009

Aufgefallen ist mir, dass bei allen wundersamen Bauwerken, die unter der Ägide von Stadtbaurat Georg Lisiecki im Lingener Planungs- und Bauausschuss den Blicken und Fragen der Ratsmitglieder vorgestellt werden, stets grüne Bäume die Architektenzeichnungen zieren und vor den Neubauvorhaben platziert sind – Bäume, die in der Realität nicht da sind oder da sein werden. Das Ärztezentrum ist so ein Beispiel, bei dem man sich an der Straße abstandsmäßig kräftig vermessen hat. Aufmerksame Lingener haben davon gehört und wissen: „Ein Meter mehr oder weniger kann ja schon mal passieren.“ Inzwischen gibt es ganz aktuell diese neue Trickserei:

Vielleicht haben Sie davon gehört, dass am Ende der Großen Straße der tatkräftige Lingener Einzelhändler Andreas Huesmann ein neues Bekleidungskaufhaus bauen will. Der „Kopf “ dieser Straße wird also neu gestaltet. Wie er künftig aussieht, entscheidet Herr Huesmann. Denn am Stadtbild ausgerichtete Vorgaben für die Gestaltung des Neubaus enthält der eigens im Aufstellungsverfahren befindliche Bebauungsplan für diesen Bereich nicht.

Keine Frage: Eine Investition an dieser Stelle tut gut. Die Große Straße braucht Initiative. Aber wenn Sie ein paar Minuten Zeit finden, stellen Sie sich einfach einmal auf den Marktplatz. So erkennen Sie schnell, wie problematisch der jetzt vorgesehene Neubau ist, liegt er doch genau in ihrem Blick, wenn Sie auf  das Ensemble von historischem Rathaus und historischer Posthalterei sehen. Sozusagen genau zwischen beiden Baudenkmalen, da wo jetzt am Ende der Großen Straße der wohltuend unspektakuläre Fachwerkgiebel des ehem. Stoffgeschäftes Johannigmann zu sehen ist, entsteht der neue Hausblock. Machen Sie sich eine Vorstellung über die Dimension des Neubaus und drehen Sie sich einfach um 180°. Sie sehen platanenfrei auf das Eckhaus Marienstraße/Lookenstraße („Douglas“). So hoch und  und massig wie dieses Gebäude wird mit drei Vollgeschossen plus Dachgeschoss der neue Baukörper am Ende der Großen Straße, allein das Dachgeschoss des Neubaus ist etwas versetzt. Er wird also die historische Maßstäblichkeit erdrücken. Sie sind skeptisch? Nun, dann gehen Sie einfach direkt zur geplanten Baustelle und sehen auf das Nachbarhaus zur Linken, in dem jetzt ein Bekleidungsgeschäft ist und früher ein Aldi war. Genauso hoch wie dieses Gebäude wird der Neubau – nur ohne Spitzgiebel, aber mit Flachdach und mit einem mehrstöckigen Glaskasten hin zur Großen Straße. Georgs Lampenladen.

Die Mehrheit im Ausschuss hat das Projekt unlängst begeistert durchgewunken. Sie jubelt über die Investition und weigert sich,  irgendwelche  Gestaltungselemente und -vorschriften zu diskutieren, zu entwickeln und im Bebauungsplan vorzuschreiben. Damit macht sie deutlich, dass ihr die Gestaltung des Stadtzentrums letztlich selbst da total egal ist, wo Lingens Schokoladenblick auf das historische Rathaus und auf die historische Posthalterei darunter leidet.

Bei ihrer Verweigerung lässt die Mehrheit sich nach meinem Eindruck geradezu lustvoll-gern täuschen. Denn die vom Stadtbaurat dem Ausschuss präsentierten Fotomontagen (aus etwa der Mitte der Großen Straße auf den Neubau gesehen) boten die Sicht auf großkronig wirkende Bäume im Sommer, die fast die Hälfte der neuen Fassade verdeckten und die Massigkeit des Neubaus nur erahnen lassen. Nun gut, die auf den Montagen dargestellten Bäume sind vor sechs Wochen gefällt worden, um die Große  Straße neu zu gestalten. Aber für die Ausschussmehrheit reicht die lügende Fotomontage immer noch. Sie fragt auch nicht danach, wie denn die Neon-Werbung für das neue Geschäft aussehen wird. Oder welche Materialien und welche Farben verwendet werden sollen. Sie lässt nur zu, weil „jemand Geld in die Hand nimmt“ (O-Zitat), und winkt claqueurhaft durch. Dabei, sollte man meinen, tragen doch Ausschuss und Verwaltung die Verantwortung für das Lingener Stadtbild.

Für’s Lingener Stadtbild aber reicht der CDU-Mehrheit eine schlechte Fotomontage, in der  vor einer Glasklotz-Fassade, die den historischen Blick auf das alte Rathaus dauerhaft belastet, nur bildhaft grüne Bäume eingeklebt werden. Da werden Bäume in Lingen auch von denen gebraucht, die sonst die Säge schwingen –  bezeichnenderweise aber nur für  ein täuschendes Foto.

4 Antworten to “Bäume”

  1. Thomas said

    Ich bin mal gespannt, was dieser Stadtbaurat aus Oldenburg uns noch alles einbrockt. Er muss es ja nich ertragen, wenn er nach getaner Arbeit Lingen verlässt. Übrigens ist mir aufgefallen, dass am Bahnhof mittlerweile auch keine Bäume mehr stehen…

  2. Sepp said

    Eigentlich geht es mich ja nichts an – aber, da es an meinem Namenstag veröffentlicht wurde, erlaube ich mir kurz diesen Hinweis:
    Wenn Bäume gefällt wurden, kann es ja immerhin sein, dass da jemand eine Sintflut befürchtet und zu seiner Rettung eine Arche baut, aus Holz. Wenn also nächstens auch noch das Pech (Genesis 6,14) von Lingen verschwindet…Vorsicht!

  3. Robert Koop said

    Das isses! Jetzt hab ich’s verstanden. Danke für den Hinweis!
    R.K.

  4. […] Diskussion im Ratsausschuss. ein paar bunte Bildchen mit aufgemalten Bäumchen müssen da reichen (guckst Du…). Muss wirklich nicht, wenn man schon die CDU überzeugt. Offenbar soll es so filzhaft […]

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