100. Geburtstag III.

4. September 2008

Lieber Hanskarl Vent,

heute  hab ich mich an frühere Leserbriefe von Dir erinnert – damals vor 30 Jahren, als Du die Esskastanien  im Amtsgerichtshof aufsammeltest und Amtsgerichtsrat Weinhold Dich ob dieses Treibens dingfest machen wollte, weil das doch so unerhört war. Inzwischen ist die Esskastanie weg, Amtsgerichtsrat Weinhold sitzt nicht mehr in seinem Eckzimmer im Dankelmann’schen Palais, doch Du bist noch aktiv. Ich lese eben von Dir in der Lingener Tagespost Deine Leserzuschrift- zwar nichts über Esskastanien,  aber dazu, ob und wie man im nächsten Jahr  an den Lingener Autorennfahrer Bernd Rosemeyer erinnern soll, wenn sich sein Geburtstag zum 100. Mal jährt. Bekanntlich mehr als ein  Schönheitsfehler: Rosemeyer war in der SS. Er war ihr früh und freiwillig beigetreten.

Das stört Dich nicht. Denn Du schreibst nun so vor Dich hin:

„Bernd Rosemeyer vorzuhalten, er sei der SS beigetreten, bedeutet nichts anderes, als dass man ihm zum Vorwuf macht, er habe 1933 nicht vorausschauend gesehen, was sich erst nach seinem Tod 1938 ereignen würde.“

Und schwadronierend setzt Du nach:

„(Die SS-)Mitgliederlisten lesen sich wie das „Who is Who“ der feinen Gesellschaft. Dort prägten Männer wie der Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, die Grafen von Wedel und von Bassewitz-Behr, der Prinz von Hessen, die Freiherren von Eberstein, von Holzschuher, von Malsen-Ponikau, von Schade, von Kanner, von Schele und wie sie alle hießen das Bild der NS-Gliederung… Wer dort Mitglied wurde, setzte sich gleichsam betont ab von den niveaulosen Horden der SA. Alles, was wir heute der SS anlasten müssen, geschah durchweg erst ab 1939.“

Als Fazit rufst Du:

Feiert euren Rosemeyer so wie in 50 Jahren heutige Sportspitzen.“

Ich war, ehrlich gesagt, verblüfft über diese Zeilen. Sie haben so gar nichts, ähm, sagen wir mal, Anarchistisches mehr an sich, wie damals Dein Kampf um den freien Zugang zu deutschen Esskastanien unter Gerichtsbäumen. Das „Who is Who“ hat mich dann beschämt. Denn –sorry- ich kannte keinen der feinen Spitzenherren. Nicht einmal den Prinz von Hessen. 

Dann erinnerte ich mich an eine andere, die wirkliche Liste des „Who is Who“ 1933. Diese Esterwegener Liste nämlich:

  • Carl von Ossietzky, Redakteur
  • Bernhard Bästlein, KPD- Politiker. Kam aus dem KZ Dachau nach Esterwegen. Danach in das KZ Sachsenhausen deportiert.
  • Fritz Husemann, Bergmann, Gewerkschafter und Mitglied des Reichstages für die SPD
  • Otto Eggerstedt, Politiker der SPD, als Altonaer Polizeipräsident wurde er auf Grund der Ereignisse beim Altonaer Blutsonntag, an dem er selbst nicht anwesend war, seines Amtes enthoben und nach der Machtergreifung bereits am 12. Oktober 1933 im KZ Esterwegen von den Nationalsozialisten ermordet.
  • Johann Schellheimer, Politiker der KPD
  • Werner Finck, Kabarettist
  • Adolf Bender, Maler
  • Julius Leber, SPD-Politiker. Später vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
  • Günther Lüders, deutscher Schauspieler, der im Film vornehmlich das komische Fach bediente.
  • Ernst Heilmann, SPD-Politiker, in verschiedenen KZ inhaftiert. Schließlich in Buchenwald am 3. April 1940 durch Injektion ermordet.
  • Theodor Neubauer, KPD-Politiker. Kam aus dem KZ Papenburg. Später in verschiedenen KZ verschleppt. Vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Hingerichtet am 5. Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden
  • Hans Litten, Jurist. 1938 im KZ Dachau am 4. Februar 1938 in den Selbstmord getrieben.
  • Georg Diederichs, späterer niedersächsischer Ministerpräsident (SPD)
  • Ernst Walsken, deutscher Maler, dessen Bilder zu den wenigen erhaltenen künstlerischen Dokumenten aus Konzentrationslagern der Nazizeit gehören.

Diese Liste bekannter KZ-Häftlinge ist nicht vollständig, wie jeder weiß. Sie umfasst in Wahrheit Zehntausende von Namen aus den Konzentrationslagern der Nazis, die Ermordeten, Gequälten, Erniedrigten. Und alles schon 1933.

Tja, und wie schreibst Du so schön:

„Ohne Sponsorengelder ließen und lassen sich gewisse Sportarten nun einmak nicht betreiben. Und Hitler als bekennender Technik-Freak…“ 

Hanskarl, soll ich Dir was verraten? Ganz ehrlich?! Du hättest nach Deinen Esskastanienbriefen aufhören sollen. Das hätte Dir und uns gut getan.

Dein irritierter Robert Koop

6 Antworten to “100. Geburtstag III.”

  1. Rudi B. said

    Ja ja, der Herr Vent hatte immer schon besondere Ideen und Methoden.
    Als Oberstufenschüler des Neusprachlichen Gymnasiuns in Lingen vor über 30 Jahren war ich damals schon erstaunt, manchmal doch irritiert.

    Kopfschüttelnd

    Rudi b.

  2. Arnddieter Falke said

    „…Hitler als bekennender Technik-Freak…“
    hat er das wirklich geschrieben? Ich kann mir das bei einem pensionierten Studienrat wirklich nicht vorstellen

  3. Conny Spielmanns said

    Hallo Robert,
    mir hat sich bei dem Leserbrief der Magen umgedreht. Solche Leute gibt es also immer noch. – Schade, dass dein Kommentar nur auf dieser IT-Seite steht. – Ich hätte gut und gerne Lust, dem Leserbriefschreiber (ich kenne ihn nicht persönlich) in der LT zu antworten, bin mir aber jetzt schon sicher, dass mein Brief nur stark gekürzt, wenn überhaupt, erscheinen würde. –

    Gruß Conny Spielmanns

  4. Robert Koop said

    Conny, tu es trotzdem. Du kannst ja das Original hier veröffentlichen.
    Robert

  5. Ludger Schroeder said

    Lieber Herr Koop!
    Ich möchte auf ihren Artikel “100. Geburtstag III” Bezug nehmen:
    In der Retroperspektive können Sie natürlich behaupten, die “Esterwegener Liste” sei die wahre “Who is Who”-Liste von 1933. Dabei lassen sie allerdings unberücksichtigt, dass eine Vielzahl der in der Liste aufgeführten Personen erst im Nachkriegsdeutschland einer breiten Bevölkerung bekannt geworden sind, und zwar eben durch den tragischen Umstand, im KZ gelitten zu haben oder dort gar gestorben zu sein.
    Mit den von Herrn Vent genannten Personen, die 1933 einen großen Bekannheitsgrad genossen, können Sie heute vielleicht nichts anfangen, aber wer weiß schon in 75 Jahren, wer Robert Koop war?
    Mit freundlichen Grüßen
    Ludger Schroeder

  6. Lukas said

    Es geht nicht darum, ob die „breite Bevölkerung“ diese Menschen zu der Zeit schon kannte. Allerdings waren Maler, Schauspieler und Politiker wohl bekannter als der normale Bürger. Es geht schlicht darum, dass diese Personen bereits um 1933 unter dem Regime leiden und sterben mussten.

    Und da waren die von Herrn Vent genannten Personen -so scheint es- schon Mitglieder.

    Ich finde diese Aussagen furchtbar.

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