Selbst gezapft

11. August 2008

Am Samstag war es wieder einmal soweit. Rund ein halbes Jahr ist verstrichen und meine tägliche Lieblingszeitung „Lingener Tagespost“  hat turnusmäßig wieder den nächsten lokalregierungskritischen Artikel veröffentlicht, naja, eher einen Kommentar – sogar mit einem unvorteilhaften Bild unseres OB Heiner Pott in einer geografisch verrutschten Collage. LT-Redakteur Burkhard Müller beklagt sich wortreich. Der Lingener Stadtrat sei vor gut vier Wochen in die britische Partnerstadt Burton upon Trent gereist, und niemand wisse das. Müller in einem Aufschrei journalistischer Bedrängnis:

Burton-upon-Trent - Remembrance Sunday 2007

Burton-upon-Trent - Remembrance Sunday 2007, Quelle: flickr

Bereits vor der Fahrt hatte unsere Zeitung darum gebeten, doch nach dem Besuch einmal darüber zu berichten, wie man aufgenommen wurde und was man während der vier Tage auf der Insel so erlebt hatte. Ein Kopfnicken, also ein „das machen wir dann“ – so lautete die Antwort aus dem städtischen Quartier.

Diese Verlautbarung aus dem Rathaus habe seine Zeitung nicht erreicht. Müller ist darob zornig und verzweifelt, und er beklagt sich, dass man ihm im Rathaus nicht aufgeschrieben habe, was denn in England  geschehen sei.

Eine bemerkenswerte Position für einen Journalisten. Demnächst beklagt sich ein Gastwirt auch, dass der Gast sein Bier nicht selbst gezapft, ein Anwalt, dass sein Mandant die Klage nicht fertig formuliert hat, und ein Arzt will wissen, warum der Patient nicht schon selbst die Diagnose gestellt und in die Apotheke gelaufen ist.

Lieber Burkhard Müller, wie wäre es denn mit ein bisschen eigener Arbeit, etwas Recherche, mit einem Anruf bei den Kollegen der Lokalpresse in den englischen Midlands und der Bitte um Foto und Bericht oder gar mit einem LT-Begleitservice für die Ratstour? Wir erleben ja seit langem, dass unsere Lokalzeitung nur Verlautbarungsjournalismus praktiziert. Aber sich jetzt noch in einem 7-Spalter darüber zu beklagen, dass man keinen fertig geschriebenen Artikel aus dem Rathaus erhalten hat, den man dann als eigenes Produkt veröffentlich könnte – ich meine, diese Selbstentlarvung des eigenen Selbstverständnisses ist wirklich ein bisschen peinlich, nicht wahr?

Noch zwei Anmerkungen:
Erstens: Lingens englische Partnerstadt heißt seit etwa einem Jahrzehnt und mehr East Staffordshire (und nicht mehr Burton-upon-Trent, wie Burkhard Müller schreibt).
Zweitens: Ich bin nicht mitgefahren – no time, no fun. Sonst hätte ich ja BM bestimmt seine Presseerklärung geschrieben.

3 Antworten to “Selbst gezapft”

  1. Michael Fuest said

    Michael Fuest sagt:

    13 August 2008 um 5:22 Uhr nachmittags
    Lieber Robert!

    Als regelmäßiger Leser deiner Blog-Beiträge komme ich häufiger ins Schmunzeln (manchmal auch zum Be-Denken …).
    Mit deinem Artikel “Selbst gezapft” hast du dich selbst übertroffen. Es war an der Zeit, diesen selbstherrlichen Verlautbarungsjournalismus mal wieder zu entlarven ! ! !

    Danke!

    Michael

    P.S. Herzliche Glückwünsche an Annette, sportliche Spitze!

  2. Ludger said

    Hallo Robert,
    ich lese den Blog auch regelmäßig und fand Ihren Kommentar auch sehr gut. Alle sind halt im Sommerloch und die Seiten müssen halbwegs sinnvoll gefüllt werden. Trotzdem finde ich es sehr merkwürdig, dass keine Infos von den Reisenden an die öffentlichen Zeitungen gegeben werden. Sonst betteln doch die Politiker immer um öffentliche Bericht.
    Grüße Ludger

  3. Hajo Wiedorn said

    Als Vorsitzender des Beirates für Städtepartnerschaften hatte ich empfohlen, die LT zu dieser Reise einzuladen. Aus dem Rathaus wurde mir auf Nachfrage mitgeteilt, dies sei geschehen. Allerdings hatten die Redakteure wg. Urlaub dafür angeblich keine Zeit. Da hatte der eigene Urlaub also Vorrang…
    Nach der Rückkehr aus East Staffordshire waren dann die Verantwortlichen aus dem Rathaus für mehrere Wochen in Urlaub bzw. auf Dienstreisen.
    Ich war im Gegensatz zu RoKo mit in England und hätte Auskunft geben können (meine Funktion s. o.). Und rd. 50 Fotos hätte ich auch beisteuern können. Aber da bin ich wohl wg. meiner Parteizugehörigkeit nicht kompetent genug?
    Gruß
    Hajo W.

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