Ganz(tags)

24. Mai 2008

Während es in anderen Industrienationen wie in Frankreich, Großbritannien, Skandinavien, in Kanada oder in den USA selbstverständlich ist, dass Schülerinnen und Schüler auch nachmittags unterrichtet und betreut werden, besucht in Deutschland bisher nur ein Bruchteil aller Schülerinnen und Schüler eine Ganztagsschule. Das hat sich spätestens seit PISA  herumgesprochen, und es soll sich ändern. Denn:

„Gute Ganztagsschulen begünstigen eine Lehr- und Lernkultur, die auf die Interessen und Voraussetzungen des einzelnen Kindes eingeht, die Schülerinnen und Schüler zur Selbstständigkeit erzieht und Freude am Lernen und an Leistung vermittelt. Denn an Ganztagsschulen ist Zeit. Zeit für mehr. Der ganze Mensch und seine individuellen Neigungen stehen im Fokus.“

So heißt es richtig, wenn auch etwas blumig auf einer Internetseite der Bundesregierung, und hat bisher sogar die CDU-Ministerin Schavan überstanden.

Bisher gibt es in Lingen mit Ausnahme der Gesamtschule Emsland keine wirkliche, d.h. verpflichtende Ganztagsschule. Das lokale Ganztagsschulprogramm ist freiwillig („offen“), und vor allem es kostet auch noch ca. 2,60 Euro pro Mittagessen, also rund 50 Euro pro Monat. Nicht nur in Lingen übersteigen diese 50 Euro pro Monat die Leistungsfähigkeit vieler Familien, nicht sozial aber wirtschaftlicher schwacher Familien. Davon zeugen Berichte im Internet.

Die Bezahlung des Mittagessens an Ganztagsschulen ist ein heißes Eisen.  Seit der Einführung des Arbeitslosengeldes II („Hartz IV“) hat das Problem zugenommen: Essensgelder werden seitdem nicht mehr bezuschusst. 2,85 Euro sieht das ALG-II für die tägliche Verpflegung eines Kindes vor. Von diesen 2,85 Euro sollen angeblich fünf Mahlzeiten am Tag bestritten werden, was unmöglich ist. Gar nicht mehr klappt es aber, wenn wie in Lingen davon 2,63 Euro oder 2,65 Euro für ein Schulessen bezahlt werden sollen – übrigens im Verhältnis zu vielen anderen Ganztagsschulen in Deutschland ein relativ hoher Betrag. Jedenfalls  kann man sich ausrechnen, dass für die anderen vier Mahlzeiten fast nichts übrig bleibt. Dasselbe Problem haben auch Familien, deren Einkommen knapp über „Hartz IV“ liegt.

Die einfache Frage lautet also: Ist uns das gleichgültig oder was sind uns die Kinder an den städtischen Schulen wert?

Es geht dabei sicherlich nicht nur ums Sattwerden. „Die Erfahrungen der bestehenden Ganztagsschulen zeigen, dass das Erlebnis des gemeinsamen Mittagessens nicht nur die Kommunikation in den Schulen  und Lehrerschaft verbessert, sondern auch das Einüben sozialer Kompetenzen fördert. Insgesamt wirkt sich das gemeinsame Mittagessen positiv auf das Klima an einer Schule aus“, analysiert die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD), die deshalb einen Sozialfonds geschaffen hat, der für Kinder aus armen Familien das Mittagessen zahlt. Dafür gibt es dann in jedem Einzelfall ein Bewilligungsverfahren. Manche Kommunen und Schulen haben auch eine einkommensabhängige Staffelung der Essensgelder geschaffen oder „Hartz IV“-Bezieher ganz von der Finanzierung freigestellt. Solche Modelle sind natürlich besser als nichts. Trotzdem halte ich von ihnen nicht sehr viel, weil sie immer auch neue Bearbeitungsorgien im öffentlichen Dienst schaffen. Diese Arbeitskraft kann man aber besser in die Ausbildung stecken, also z.B. zusätzliche Sozialarbeiter in die Schulen schicken.

Für mich gilt die Aussage „Kein Kind ohne Mahlzeit!“ uneingeschränkt. Ich fordere daher ein kostenloses Mittagessen für alle Schüler an den Schulen der Stadt.

Zunächst gilt dies für die beiden großen städtischen Schulzentren Gebrüder-Grimm und Friedensschule, die jeweils über Kantinen verfügen.

Das kann auch bezahlt werden. Ich erinnere an die sprudelnden Steuerzahlungen, die die Stadt Lingen (Ems) in diesen Monaten vereinnahmt. Die Gewerbesteuer bringt unserer Stadt in diesem Jahr rund doppelt so viel wie veranschlagt: mehr als 52 Mio Euro. Da ist es allemal möglich, in den beiden Schulzentren ein kostenloses Mittagessen für alle Schülerinnen und Schüler einzuführen. Das dürfte in diesem Jahr einen fünfstelligen Betrag kosten und aufs Jahr gerechnet rund 200.000.00 Euro. Diese Summe steht im kommunalen Haushalt allemal zur Verfügung und muss auch bereit gestellt werden. Mir reicht es jedenfalls nicht, dass Bund und Länder Kompetenzfragen diskutieren anstatt zu handeln. Also muss die Stadt handeln, und sie kann es auch. Im Rahmen der anstehenden Beratungen eines 1. Nachtragshaushalts 2008 ist Raum für diesen kinderfreundlichen, notwendigen Schritt.

Sicherlich  mag man damit auch manche Eltern, die durchaus zahlen könnten, aus der Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder entlassen. Das ist mir aber kurz gesagt egal – wegen aller Kinder, denen geholfen wird.

Mit dem Programm „Kein Kind ohne Mahlzeit!“ entschärft man übrigens auch ein stückweit die aktuelle Diskussion um die Schülerzahlen an den städtischen und den kirchlichen Schulen. Die kommunalen Schulen werden nämlich einfach ein deutliches Stück attraktiver. Wenn dann noch Laptops für alle Schüler an den städtischen Schulen der Sekundarstufe I bereit gestellt werden, fördert man entschlossen die Chancengleichheit und handelt so gegen das in der PISA-Studie zurecht beklagte Aussortieren von Kindern, nur weil sie aus armen Familien sind.

Alle werden davon profitieren.

(Foto: Mensa – S. Hofschläger, pixelio.de)

Niederschrift

23. Mai 2008

Germanisten, Botaniker und Geodäten aller Länder, vereinigt Euch! Aus der Niederschrift über die Sitzung des Planungs- und Bauausschusses 6/2008 vom 23.04.2008, Seite 14:

Herr Wiedorn erkundigte sich mit Bezug auf die Beratung im Umweltausschuss am 17.04.2008, ob über die Standorte der Rosen in Bezug auf die Stadtgestaltung beraten werde. Herr Lisiecki erläuterte, dass noch keine Verortung stattgefunden habe und gemeinsam mit dem Vorhabenträger Standorte ausgesucht würden, die im Planungs- und Bauausschuss vorgestellt werden können.

Frage:
Was soll uns damit gesagt werden?

O wie verwaltungsschön die Rosen blühen? 

O wie kommunkativschön Herr Wiedorn und Herr Lisiecki miteinander reden?

O wie rosenschön Verwaltungsdeutsch ist?

 

Bitte Text ausdrucken und  ausschneiden, dann die richtige Antwort ankreuzen und wegwerfen.

Vorher

15. Mai 2008

Die Schmutzspuren sollten weg, die am Beginn der Burgstraße nach dem temperamentvoll-schönen Kivelingsfest auf dem neuen „hellen“ Granitpflaster verblieben sind. Also schrubbte eine Truppe des städtischen Bauhofes am Dienstagmorgen, was geschrubbt werden konnte. Anschließend sah das neue Pflaster wieder aus wie vorher.

 

Nein, nein, nicht wie vor Pfingsten, sondern wie vor dem Schrubben. 

Civis, civis, civibus!

329

4. Mai 2008

Als eifrig-pflichtgemäße Leser der Lokalzeitungen wissen wir, dass wir die tollste Landesregierung der Welt haben. Wenn das eine so kritische Publikation wie die Neue Osnabrücker Zeitung mit all ihren Ausgaben immer wieder zum Ausdruck bringt, stimmt das auch.

Ganz besonders gut ist der Umweltminister Niedersachsens, Hans-Heinrich Sander von der FDP. Der Atomkraftfan und Kettensägebenutzer hat dies  jetzt erneut bewiesen. Die taz berichtet dazu:

Mit 329 PS auf Dienstfahrt

Jetzt ist es raus: Niedersachsens FDP-Umweltminister Sander wird vermutlich in einer der PS-stärksten Limousinen der Landesregierung durch die Gegend gefahren

Die Offenlegung von Daten zu seinem Dienstwagen hat Streit zwischen der Deutschen Umwelthilfe und Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) ausgelöst. Dieser hatte sich geweigert, Angaben zur Leistung und Geschwindigkeit seines Dienstautos zu machen. Die Deutsche Umwelthilfe drohte mit einer Klage, um die Auskunft zu erzwingen. Die Sprecherin des Ministeriums sagte, Sander habe aus Ärger über die Umwelthilfe keine Angaben gemacht. Am Freitag lenkte der Minister dann ein.

Seine Sprecherin erklärte, Sander fahre einen BMW Diesel der 7er Serie mit einer Motorleistung von 242 kW (329 PS). Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte Spitzenpolitiker gebeten, die Angaben zu ihren Dienstwagen offenzulegen, um herauszufinden, wie umweltbewusst sie sich verhielten….

Tja, der ist schon ein ganz schneller, unser Umweltminister.

Suchmeldung

1. Mai 2008

Beschlossen wurde in einer Sitzung diverser städtischer Gremien im letzten Herbst, den Bolzplatz an der Straße Am Pulverturm an der Rückseite der AOK jedenfalls insoweit zu erhalten, dass dort weiterhin gebolzt werden kann. Jetzt aber gehen dort Parkwege auseinander und werden wieder zusammen geführt. Großeltern können sich hinsetzen und zuschauen, wie ihre Kindergartenenkel auf einem Hügel herumkrabbeln und spielen. Für Kinder, die Bolzen wollen, ist nichts mehr da.  Gestern kamen meinem Sohn ein paar enttäuschte Jungs entgegen, mit ’nem Ball unter dem Arm. Wo denn der Bolzplatz sei, lautete ihre Suchmeldung.

Tja, Jungs, er ist weg. Jetzt könnt ihr nicht mehr bolzen; ihr könnt überhaupt nirgendwo mehr im Stadtkern bolzen; aber ihr könnt den kinderfreundlichen Drehstein auf dem Marktplatz drehen, stundenlang. Und Ihr dürfte zuschauen, wenn das neueste Produkt kommunaler Fragwürdigkeiten mit allem Brimborium und Tralala eingeweiht wird und einmal mehr einem Super-wie-ist-es toll-Kommentar in … -na, man weiß schon, wo- bejubelt wird. Die Beseitigung des Bolzplatzes ist das diesjährige Geschenk der Kivelinge an die Stadt zu ihrem traditionellen Fest. Ein erstaunlicher Vorgang; genauso erstaunlich wie die Finanzierung dieses „Geschenkes“.

Politisch mehr als ärgerlich: Die nach heftiger Diskussion im Ausschuss erzielte Übereinkunft, den Bolzplatz möglichst zu erhalten, war nur heiße Luft. Vorgeschlagen hatte sie CDU-Fraktionsvorsitzender Werner Schlarmann. Sein Vorschlag und die hieran anknüpfende Zusage – nüscht interessiert sie. Gemacht wird, was gemacht wird. Auch wenn etwas anderes beschlossen wurde. Ich habe den Beschluss im vergangenen Oktober so formuliert:

Der Bolzplatz wird nicht schwuppdiwupp bepflanzt, sondern es wird erst noch einmal darüber nachgedacht. Neben dem Bolzplatz wird auf der jetzigen Parkplatzfläche ein Spielbereich eingerichtet. Mit der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius wird darüber verhandelt, ein Betreuungsangebot für Kinder einzurichten, die mit ihren Eltern die Innenstadt besuchen. 

Was stattdessen jetzt gebaut worden ist, hat mit dieser Übereinkunft nichts zu tun und ist daher reichlich frech. 

 

ps Es passt ins Bild, dass die Stadt Lingen das Angebot des DFB abgelehnt hat, den Bau von zwei Mini-Spielfeldern (vulgo: Bolzplätze) in Lingen zu finanzieren. Zwei Lingener Schulen hatten sich beim DFB dafür beworben und eine Zusage erhalten. Die nachfolgenden Unterhaltungskosten seien zu hoch, begründete die Verwaltungsspitze das Nein.