Campus II

10. Februar 2008

Sie haben vielleicht von der Diskussion um die künftige Nutzung der von der Bundeswehr aufgegebenen 30-Hektar-Fläche gehört. Aber haben Sie sich eigentlich schon einmal das Kasernengelände in Reuschberge angesehen? Ich kann das nur dringend empfehlen, auch wenn es nur von außen (möglich) ist. Dazu müssen Sie die Breslauer Straße bis zum Ende gehen, dann links in den Liegnitzer Weg. Nach gut 300m lassen Sie die „Panzerbrücke“ rechts liegen und folgen einem kleinen Trampelpfad bis zum Ende der Gelgöskenstiege, der sie dann bis zu dem links abbiegenden Fußweg Richtung Langschmidtsweg folgen. Auf dem Langschmidtsweg geht es dann zurück bis zur Breslauer Straße. Machen Sie das ruhig einmal!

Anschließend können Sie es sich wie ich sicherlich nicht vorstellen, dass nach dem Willen der Ratsmehrheit und ihrer Spitze fast alle Gebäude, die Sie bei diesem Gang gesehen haben, abgerissen werden sollen. Welch eine Vernichtung öffentlichen Vermögens soll hier geschehen!

Zur Erinnerung: Es sind Ihre Steuern, mit denen die Lingener Kasernen gebaut wurden und die auf diese Weise vernichtet werden. Sie sehen einige Dutzend große Gebäude mit neuen Holzfenstern und Türen, dichten Dächern, 1-A-Energie- und Wasserver- bzw. Abwasserentsorgung und größtenteils völlig intakt. Allerdings ist schon ein Teil von ihnen im Innern gezielt zerstört worden ist, weil in den letzten Wochen intakte Elektroinstallationen und Badezimmerarmaturen herausgerissen und entfernt wurden. Aber das kann man reparieren und die Leute zum Deichbau mit dem Spaten nach Cuxhaven schicken, die die Zerstörung zu verantworten haben…

Ich schätze, dass der Abriss öffentliches Vermögen von 10 Mio Euro und mehr vernichtet. Noch einmal: Das sind Ihre Steuern! Danach soll nach dem Willen des Bürgervereins Reuschberge in dem geräumten Bereich eine Siedlung a la Vorort entstehen und nach dem Willen unseres OB Heiner Pott ein „Emsauenpark“. Damit die zugrunde liegende Mischung fehlender Fantasie und unglaublicher Vernichtung öffentlichen Vermögens nicht zu sehr auffällt, wird jetzt ein städtebaulicher Wettbewerb inszeniert. Dessen Ergebnis steht eigentlich schon fest: Siedlungseinerlei im Norden und Grünflächen im Süden des alten Kasernengeländes.

Der damit einher gehende Abriss-Skandal wird in Lingen nicht zur Kenntnis genommen, vor allem weil hier die neben Parlament, Verwaltung und Justiz vierte klassische Säule eines demokratischen Gemeinwesens faktisch fehlt: Eine intakte, das heißt kritische Presse.

Es fehlt leider auch einmal mehr der Mut, unkonventionell und innovativ zu denken und zu handeln. Stattdessen altbekannte Lingener Tradition: Erst einmal soll der Bagger ran. Wenn es hier tatsächlich so  kommt, werden schnell 10 Mio Euro vernichtet sein.

Die zaghaften Versuche, jedenfalls ein bisschen studentisches Wohnen in den nach dem Modell „Kaserne 2000“  noch bis vor zwei, drei Jahren renovierten Kasernen zuzulassen, hat die CDU-Mehrheit abgeblockt. Sie kann sich dies leisten, weil die Lingener gar nicht wissen, was und wie viel da zerstört werden soll. Und mit den Studenten redet sowieso niemand.

Studentisches Wohnen kann aber eigentlich nicht alles sein. Niemandem ist offenbar dieses Faktum aufgefallen: Das Gelände ist ein klassischer Hochschul-Campus nach anglo-amerikanischem Vorbild. Es ist absolut alles da: Hörsäle, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Mensa, Wohnheime – sogar ein Hubschrauberlandeplatz, wenn der Minister zur Einweihung kommt.

Mein Vorschlag: Erhalten wir grundsätzlich alle Gebäude im Süden des Kasernengeländes für eine zweite Hochschule in Lingen. Klar ist, dass dies im Kontext der bundesdeutschen Hochschullandschaft kaum geht. Aber die erste Lingener Hochschule wurde von dem Niederländer Willem III. van Oranje-Nassau gegründet. Heiner Pott, fahr also bitte in die Niederlande, biete den Standort an, frag nach und verhandle. Die öffentliche Saxion Universities in Twente (.de) ist für diese Verhandlung zum Beispiel ein guter Ansprechpartner; sie platzt aus allen Nähten. Wenn man es klug anstellt und wenn  es wirklich will, kann man Einmaliges erreichen.

ps Ein Campus an dieser Stelle bringt zwangsläufig Leben in diesen Stadtteil und auch den Supermarkt für Reuschberge, den der Bürgerverein so gern hätte. Wer aber als Reuschberger vor allem seine Ruhe will, darf gern in den Gauerbach oder in die Altenwohnungen im Stadtzentrum ziehen. 😉

(Foto: Studenten, © Sebastian Bernhard pixelio.de)

6 Antworten zu “Campus II”

  1. Wolfgang H. said

    Das ist eine sehr gute Idee und absolut vorstellbar! Für Studenten ist es wirklich optimal…

  2. pirat! said

    es ist erstaunlich, wie in lingen mit attraktiven flächen und gebäuden umgegangen wird. wieso nutzt man die kaserne nicht, um das urbane leben in lingen etwas voranzubringen? langweilige einfamilienhaus-ghettos gibt es in lingen doch schon genug.

  3. Philipp B. said

    es ist in meinen augen nur sinnvoll, diese flächen zu erhalten. zum einen kann auf ihnen ein attraktiv-skuriler campus eingerichtet werden, zum anderen ist genug platz um freizeiteinrichtungen (fußballplatz,kletterhalle etc.) für die studenten zu schaffen. man sollte die geschätzten 10 millionen nicht einfach in den sack hauen, sondern in die Zukunft investieren.

  4. […] einmal der Versuch unternommen wird, eine neue Nutzung für die Scharnhorstkaserne zu schaffen. Ich hatte hierzu vorgeschlagen, die ehem. Scharnhorst-Kaserne künftig als Campus für eine Hochschule zu […]

  5. […] Und welche! Rechnen Sie ruhig aus, was bei Mindestkosten von 59.000 Euro plus Steuern, Gericht, Notar, Makler usw. eigentlich eine solche Wohnung für Studenten an Miete kostet, die ja auch noch Strom, Wasser, Heizung zahlen müssen. 300 Euro/Monat sind da extrem knapp kalkuliert. Wer soll das eigentlich bezahlen?  Und dann lese ich, es müsse noch ein bisschen abgebrochen werden. Abbruch? Da war doch was?  […]

  6. […] intakte Bausubstanz zerstören musste. Es sind dabei Millionenwerte vernichtet worden und alle  Chancen gleich mit – übrigens nicht nur für preiswerten Wohnraum. Verfasst von Robert Koop […]

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