100. Geburtstag

17. November 2007

Bild 183-2007-1205-500aus den Grafschafter Nachrichten vom 16.11.2007:

Stadt Lingen will berühmten Rennfahrer ehren
SS-Mitgliedschaft von Bernd Rosemeyer bereitet Planern aber noch Kopfzerbrechen

Lingen. Soll Lingen den immer noch weltberühmten Sohn der Stadt, den Automobil-Weltmeister Bernd Rosemeyer (1909 bis 1938), besonders ehren – oder verbietet sich dies wegen der damaligen SS-Mitgliedschaft Rosemeyers? Vor dieser zeitgeschichtlich schwierigen Frage stand der Kulturausschuss des Rates auf seiner letzten Sitzung.
Anlass der aktuellen Diskussion sind Planungen zur Feier des 100. Geburtstages Bernd Rosemeyers im Jahr 2009. Die Stadtverwaltung hatte eine Beschlussvorlage erarbeitet, in der vier mögliche Aktivitäten für 2009 aufgeführt sind. So wird an eine Oldtimerveranstaltung „Bernd Rosemeyer Classic“ gedacht. Weiterhin könnte der Studiengang Theaterpädagogik der FH Lingen ein Theaterstück erarbeiten, welches die Person Rosemeyers und die Geschichte der NS-Zeit verbindet. Gleiches soll im Rahmen einer Vortragsveranstaltung durch Historiker geschehen. Als vierte Option zum Stichwort „lebendige Geschichte“ wird die Errichtung eines künstlerisch gestalteten Objekts, eventuell mit einer Skulptur des Automobilrennfahrers, erwähnt.
Eine „Skulptur“ erschien den Mitgliedern des Kulturausschusses denn doch zu viel der Problematik, so dass dieser Part zunächst aus dem Beschluss gestrichen wurde. Dezernentin Dr. Claudia Haarmann erläuterte allerdings, dass keinesfalls an eine „Heroisierung“ gedacht sei. Das Kunstobjekt solle nicht nur die Person Bernd Rosemeyer, sondern eben auch die geschichtlichen Ereignisse und die Problematik seiner Zeit widerspiegeln. Das Jahr des einhundertsten Geburtstags von Rosemeyer kommt der Stadt Lingen deshalb für eine Erinnerung passend, weil das Unternehmen „Auto Union AG“, in dessen „Silberpfeilen“ der Rennfahrer seine großen Erfolge errang, ebenfalls 2009 sein hundertjähriges Bestehen feiert.
Bernd Rosemeyer war laut seiner im Archiv überlieferten SS-Stammkarte spätestens im November 1933 in die SS eingetreten. Das ergaben die Nachforschungen des Lingener Stadtarchivars Dr. Ludwig Remling, die dem Kulturausschuss ausführlich vorlagen. Die Mitgliedschaft in einer Motorsport betreibenden NS-Organisation war ab Sommer 1933 zwingende Voraussetzung für die Erteilung einer Rennfahrer-Lizenz in Deutschland. Die SS galt dabei in den frühen Jahren der Naziherrschaft als angesehen und „elitär“, vor allem im Vergleich mit der NS-Massenorganisation SA. So sind in den SS-Motorstürmen jener Zeit auffällig viele adelige „Sportsmänner“ anzutreffen.
Ein „Individualist reinsten Wassers“, war Bernd Rosemeyer laut Erkenntnissen von Dr. Remling. Rennfahrer zu sein war sein oberstes Ziel. Nach heutigen Maßstäben könnte man Rosemeyer als „Michael Schumacher der Jahre 1936/37″ bezeichnen. Die Nazis nutzten den „blonden Bernd“ zur internationalen Propaganda „ihrer“ deutschen Technik- und Automobilerfolge. Sensationell volkstümlich wurde der Rennfahrer aus Lingen erst recht nach seiner Hochzeit mit der populären Fliegerin Elly Beinhorn, die noch im Mai 2007 ihren 100. Geburtstag erlebte. „Neben Max Schmeling und Anni Ondra war das Ehepaar Rosemeyer-Beinhorn das Glamourpaar jener Jahre (ab 1936). Sie genossen die Gunst des Regimes, das ihnen ihre Erfolge ermöglichte, das sie zur Verbesserung seiner Reputation als Stars aber auch brauchte“, schreibt Dr. Ludwig Remling.
Bernd Rosemeyer verunglückte am 28. Januar 1938 tödlich bei einem Weltrekordversuch auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt. Ein Denkmal an dieser Stelle erinnert an ihn. Der Rennfahrer erhielt ein NS-Ehrenbegräbnis. Die internationale Rennwelt ehrt ihren Meister und Helden bis heute mit unzähligen Erwähnungen zur Geschichte des Automobilsports. Die Tatsache der SS-Mitgliedschaft wird ab und zu angesprochen, spielt aber auch z. B. in den USA keine entscheidende Rolle. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Rosemeyers Tod Anfang 1938 noch nicht in Zusammenhang mit SS-Verbrechen der Jahre bis 1945 gebracht wurde.
Auf jeden Fall dürfte die Stadt Lingen bei offiziellen Veranstaltungen zum Jahr des 100. Geburtstags von Bernd Rosemeyer nicht um ein Erwähnen der historisch unbequemen Fakten herumkommen. Dr. Remling verwies auf das Beispiel des ADAC, der nach 1945 unter maßgeblicher Beteiligung von NS-Funktionären wieder aufgebaut worden sei. Erst in den letzten Jahren habe sich der ADAC nach heftiger öffentlicher Kritik zu dieser NS-Vergangenheit bekannt. Es sei ein warnendes Beispiel, das Lingen vermeiden sollte, so Remling.

Soweit der GN-Artikel. Ich bin für ein Denkmal, das an Bernd Rosemeyer erinnert. Für dieses Denkmal kann die Stadt einen künstlerischen Wettbewerb ausschreiben oder einen namhaften Künstler beauftragen. Selbstverständlich müssen bei der Gestaltung die von Rosemeyer selbst zu verantwortende Vereinnahmung durch das NS-Regime und seine SS-Mitgliedschaft ein wesentliches Thema sein. Dies macht die Bedeutung des Denkmals aus.

(Foto: Bernd Rosemeyer, Elli Beinhorn, Ferdinand Porsche; Bundesarchiv, wikicommons)